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Die Wahrheit · 1901-08-18 · Heft 33 (18.8.1901) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 33 (18.8.1901)
Date
1901-08-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr 33. Die Wahrheit. Seite 5 sich da zusammengefunden. Der Kulturjude des Westens und das Stiefkind der Kultur aus Halbasien, der Lopkor de'i^ar, der selbst das Dasein Gottes leugnende Freigeist, und der fanatische Mystiker des Judenthums, der Chaßid, reichten sich brüderlich die Hände, um gemeinsam zu rathen und zu thaten für Israels Heil. Jenem ersten Congress sind zwei weitere in Basel, ein vierter jetzt in London gefolgt. Immer größere Scharen sind's, über die er Heerschau hält, und das Wort ist nicht zu kühn, wenn er sich selbst als die frei gewählte und beauftragte Vertretung des jüdischen Volkes bezeichnet. Der Zionismus ist eine Macht geworden. Der Vortragende kommt dann aus die Rückwirkung zu sprechen, welche der Zionismus aus die Missionsarbeit ausüben muss, und erklärt den ersteren als einen starken Hemmschuh der letzter«. Der Zionismus, sagt Bieling, ist eine rein diesseitige keine religiöse Bewegung. Diesseitig sind seine Wurzeln, seiire Wünsche, seine Mittel, diesseitig gerichtet die Gesinnung seiner Führer. Die eigentliche Mutter des Zionismus ist die Not, die leibliche und auch die geistige Not, die Zurücksetzung , und Missachtung der Juden bei ihren Wirthvölkern. Sowohl Max Nordau in seinen ständig wiederkehrenden Agitationsreden über die Judennoth, als auch Herzl selbst gibt davon Zeugnis. Auf dem 3. Zionisten-Congress im August 1899 sprach sich letzterer folgendermaßen darüber aus: „Die Allzusatten mit ihrer vom Wohlleben geschwächten Einbildungskraft wollen uns freilich noch nicht verstehen. Um so besser verstehen uns die Armen und Mühseligen. Sie haben die Phantasie der Not. Sie wissen vou heute und gestern, wie weh auch morgen der Hunger thuu wird. Und in dieser Lage sind viele, viele Hunderttausende unseres Volkes. Das' aber sind die Verlässlichsten unserer Genossen, die nicht einmal imstande sind, den jährlichen kleinen Beitrag für die Agitation zu leisten. Sie sind die besten Zionisten, weil bei ihnen die alte Volkstradition noch unvergessen ist, weil sie ein starkes, religiöses Gefühl haben uub weil sie bittere Noth leiden. Schrecklich sind die Berichte aus vielen Gegenden. Das Judeuthum ,,l eine Massenherberge des Elends mit Filialen in der ganzen Welt. Und diese Zustände schreien um Abhilfe. Aus der tiefen Not entstehen Krankheiten und sittliche Verwahrlosung, und die umdüsterten Gemüther werden ein Nährboden für die äußersten Umsttlrzgedanken. Da wollen wir bessernd eingreisen. In der gesunden Arbeit ans einer geliebten Erde, glauben wir, ist das Heil zu finden. Die Arbeit soll unserem Volk das morgige Brod verschaffen und auch die Ehre von morgen, die Freiheit von morgen." So der maßgebende Wortführer des Zionismus. Er nennt den Ausgangspunkt des Zionismus, die irdische Not; er deutet auch die Hilfe an, die gebracht werden soll. Sie ist allein von dieser Welt: Brot für die Hungernden, ein Heim für die Pilgrime und Fremdlinge, Freiheit für die Geknechteten und Ehre für die Missachteten. Zweifellos fiiib das große Dinge, das Streben danach ist des Schweißes der Edlen ivert. Von ganzem Herzen wünschen wir den Zionisten ein Glück auf! Gott helfe euch! Ja, wenn wir könnten, wir möchten euch unsere Hand zur Verwirklichung bieten. Das Elend schreit allerdings gegen Himmel und fordert Hilfe. Aber es ist kaum irgendwo ein Gedanke, der über diese irdischen Ziele und Hoffnungen hinausgeht. Immer nur diese Welt schwebt den Zionisten vor, und wenn hie und da auch eine Förderung der Cultnr, der Gesittung der socialen Gerechtigkeit von ihnen für die Zukunft erwartet wird, so sind doch auch das nur Güter dieser Zeit, nicht der Ewigkeit. Man kann Herzl's Aeußerungen wohl einem Programm des Zionismus gleichsetzen. Und da heißt es denn deutlich und klar: „Ein Volk ringt um seine Existenz, Ehre und Freiheit. Es will aus einer Stickluft hinaus in den Sonnenschein. Die jetzigen Zustände der Juden können nach drei Wegen führen. Der eine wäre das dumpfe Ertragen von Schimpf und Not, der andere die Auflehnung, die Feindschaft gegen eine stiefmütterliche Gesellschaft. Unser Weg ist der dritte; Ausschwingen wollen wir uns zu einer höheren Stufe der Gesittung. Wohlfahrt verbreiten, dem Verkehr der Völker neue Straßen bauen und für die sociale Gerechtigkeit einen Durchbruch suchen." Diesseitig wie die Güter, die man erstrebt, sind auch die Mittel, deren man sich dazu bedienen will. Merkwürdig! Das Volk, das sich Gottes Eigenthum nennt, spricht es bewusst und osten aus, dass es diesmal auf seines Gottes Hilfe verzichtet und selber seines Glückes Schmied sein will. Dr. Lippe höhnte auf dem ersten Zionisten-Congress über die, welche noch auf den Messias, den „Eselsreiter von Babylon", und auf seine Hilfe warteten. Aehnliche Aeußerungen sollen auch jüngst wieder in London gefallen sein. Herzl's Worte: „Es ist falsch, wenn wir warten wollen, bis Gott uns zurückführt. Mit unserer eigenen Kraft müssen wir uns befreien" wurden mit stürmischem Beifall begrüßt. Als Machtmittel, welche dem Zionismus zu Gebote stehen, nennt er auf dem 3. Congress: die geschichtliche Größe und sittliche Schönheit des zionistischen Gedankens, das Geld und den jüdischen Volkswillen. Aehnlich, nur mehr das Praktische betonend, sagt Nordau in einem Aufsatz der Westminster-Gazette vom 16. August l. I.: „Was wir zu erreichen suchen, ist: Ein Charter oder Schutzbrief vom Sultan, der uns ein größeres Stück Landes in Palästina freigibt,, ein Schutzbrief ähnlich dein der englischen Niger- Kompanie oder Rhodes'schen Kompanie. Wir hoffen, dass die großen europäischen Mächte damit einverstanden sein werden, unsere Bürgen bei dem Sultan zu werden. Zum anderen wollen wir die Juden organisieren, die bereit sind, ihre bisherigen Wohnsitze zu verlassen. Denn, um mit Erfolg Vorgehen zu können, müssen wir eine geordnete Einwanderung, kein wildes Hineinstürzen nach Palästina haben. Endlich müssen wir den jüdischen Kolonisationsfond sinanziell verstärken. Infolgedessen wünschen wir Geld, nuferen Plan auszuführen, und wir schauen gleichermaßen nach den Juden, wie den Christen aus, dass sie uns mit einer praktischen Bethätigung ihrer Sympathien unterstützen." Das sind, rein menschlich genommen, klug erdachte Mittel, und möglich, dass man damit vorwärts kommt. Ader es sind eben doch nur menschliche Mittel. Und wenn auch Herzl versichert, dass Gott nur dem helfen könne, der sich selber helfe, so ist das kaum mehr als Redensart. Die Thatsache besteht, dass Gottes Thun bei all diesen Anschlägen vollständig aus dem Mittel gelassen ist. Und das ist kein Zufall. Diese Stellung entspricht vielmehr der Gesinnung der überwiegenden Mehrzahl der leitenden Persönlichkeiten. Herzl, Nordau und wie sie sonst heißen mögen, sind durchaus moderne Menschen, deren Gedankenwelt sich rein im Diesseitigen bewegt. Nicht zu Unrecht macht I. de le Noi in seiner Uebersetzung der Selbstbiographie Herzl's aus dem Englischen darauf aufmerksam, dass der Name Gottes auch nicht ein einziges Mal genannt wird. Der Grund ist schwerlich in einer heiligen Scheu vor einem Chiliul ha-schem zu suchen, als vielmehr darin, dass der Verfasser von Gott eben nichts zu sagen weiß, weil das unter den vielen Fragen, die ihn beschäftigen, die einzige ist, der er noch nicht nahe getreten ist. Ob Nordau inzwischen eine Schwenkung auf religiösem Gebiet gemacht (einige behaupten es), will ich dahingestellt sein lassen; Aeußerungen derart liegen nicht vor. Bon anderen hier nicht genannten Zionistenführern weiß ich mit Bestimmtheit, dass sie sich zum Atheismus bekennen. Wohl wahr, dass viele, sehr viele Zionisten, vor allem die großen Masten in den östlichen Gebieten Europas, persönlich fromme Leute sind; aber das hat mit ihrer zionistischen Gesinnung an sich gar nichts zu thun; das wären sie auch ohne diese. Und einen Einfluss aus Programm und Wesen des Zionismus üben sie vorerst nicht aus. Sie werden es auch in absehbarer Zeit nicht thun. Denn der Zionismus würde sofort schweren Erschütterungen ausgesetzt, sobald die religiöse Frage aufgeworfen werden würde. Er muss die Religion aus der Erörterung fortlassen, und er lässt sie fort. Er ist eine rein diesseitige Bewegung. (Fortsetzung folgt.)

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