Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 33 (18.8.1901)
- Date
- 1901-08-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 33. Sickte 4. Die Lvahrhelt. Bs'trugsvrxhAtuiße mit möglichst kurzer Kündigungsftift, und non «n Mckbiner, Cantor oder Religionsichrer, der oft auch ßammtliche Functionen in einer Person vereinigt, im Dienste der Gemeinde seine Kräfte abgenützt hat und seinen Obliegenheiten nicht mehr in vollem Umfange Nachkommen kann, dann wird er gleich der ausgepressten Citrone bei Seite geworfen. Mit Weib und Kind wird der Bedauernswerthe vor die Thüre gesetzt, er muß den Wanderstab in die Hand nehmen, und der liebe Himmel mag für sein weiteres Fortkommen sorgen. So wird die Altersversorgung in den meisten jüdischen Cultusgemeinden verstanden und grausam geübt. Ist es unter solchen Verhältuißen zu verwundern, wenn allgemein über Mangel an einem tüchtig geschulten und genügend vorgebildeten Nachwuchs für. jüdische Cultusbeamten geklagt wird. Wer darf es mit ruhigem Gewissen wagen, sein Kind einem so unstälen, materiell und sozial so schlecht gestellten Lebensberuse zu widmen, auf dass es nach jahrelanger Muhe und Arbeit unter der Last der Enttäuschungen und bitteren Erfahrungen zusammeubreche? Ein für das Wohl der Seinen aufrichtig bedachter jüdischer Familienvater wird dies niemals, oder nur durch die äußerste Noth gezwungen thun, und so drängt sich an Leu Beruf, dem Religion und Jugenderziehung anvertraut ist, besonders tn den kleinen jüdischen Gemeinwesen jene große Masse der Schiffbrüchigen aus allen möglichen Kreisen heran, die nichts zu verlieren und nichts zu gewinnen hat und nur über die Not des Augenblicks hinwegkommen will. Derartige Zustände gereichen dem Judenthum nicht nur uicht zur Ehre, sondern sie bringen ihm auch großen dauernden Schaden, und darum ist die Gesammtheit verpflichtet, auf baldige Abhilfe zu sinnen. Was die einzelne, kleine Gemeinde vermöge ihrer geringen materiellen Mittel nicht zu Stande bringt, das muß der Gemeiudebuud bezwingen. Seine Aufgabe ist es, durch Gründung von Gemeindeverbandscasscn oder ähnliche Mittel die materielle Lage der jüdischen Cultusbeamten zu verbessern, ihnen die Sorge für die Zukunft zu erleichtern und durch Errichtung von Curscu für Cantoreu und Religionslehrer an den bestehenden Rabbinerseminarien einen tüchtigen, der hohen Bedeutung seines Amtes würdigen Nachwuchs heranzubilden. Eine große schwierige Ausgabe, die viele materielle und persönliche Opfer erfordert, aber es ist auch schon die höchste Zeit, dass dieselbe mit Ernst und Energie ausgenommen wird, und zu ihrer Lösung ist in erster Reihe der „allgemeine österreichisch-israelitische Bund" berufen und verpflichtet. Mancher vorbereitende Schritt ist ja nach dieser Richtung bereits geschehen, und im Lause der Jahre haben lvir ein reiches statistisches Materiale gesammelt, das wir dem Bunde gerne zur Verfügung stelle». Der gegenwärtige Präsident des „allgemeinen österreich.- israelitischen Bundes" feiert demnächst seinen 70. Geburtstag. Mir könnten uns keine schönere Krönung seines verdienstvollen öffentlichen Wirkens denken, als wenn er seinen Namen mit einem Werke verknüpfte, das dem Judenthum zur Ehre gereichen und ihm selbst wie dem Gemeindebuude für ewige Zeiten als «ne segenbringende Thar angerechnet würde. I -y. Ein christliches Urtheil über Len Zionismus. Eine der letzterschienenen Nummern der Schriften des lnotituturn Judaicum in Berlin veröffentlicht die Protokolle der im Oktober v. I. in Köln a. Rh. abgehaltenen „allgemeinen Missionsconferenz für die Arbeit der evangelischen Kirche an Israel", aus welcher die beiden großen Strömungen, die gegenwärtig gegen das Judenthum und innerh ilb desselben Herrschen, eingehend behandelt lvurden. lieber letztere, den Zionismus, hielt der bekannte Pastor A. Bieling-Berlin einen Vortrag, dessen Leclüre auch für jüdische Kreise mannigfaches Interesse bieret,und der umso bemerkenswerther erscheint, als er vffen und unumschränkt den schädlichen Einfluss der zionistischen Bewegung auf die Missionsarbeit und die Taufe eingesteht, daher wir uns zu einer auszugttchen Wiedergabe des lehrreichen Artikels im Nachfolgenden veranlasst sehen: Zion, hörst"du den. Gruß -nicht deiner Lieben, Der schwergefeffetten, die dir geblieben? — Den Gruß von Ost und West, von Nord und Süd, Der nah und fern laut rauschend dich umglüht? Hub Seelengruß ist ja des Sklaven Hoffen. — Entstürzt die Thränenflut im frei und offen. Wie Thau auf Hermon fällt, dann mag's ihm scheinen. Als dürft' er heiß auf deinen Bergen weinen. — Der Eule gleich' ich, fasst mich an dein Leid. Dann wiegt ein heller Traum mich ein: Gar weit. Da kehren die Gefangnen heim. Entbrannt Jauchzt meine Seele, wie in Sängerhand Der Harfe Liedersturm. So der alte Sang in Israel, das Lied der Sehnsucht nach Zion, nach dem Lande der Väter. Den Sänger, Jehuda Ha-levi, hat zuletzt diese Sehnsucht in die Ferne getrieben, weit übers Meer, ins Land der Altvordern, in vorzeitigen Tod. Lied und Geschick des Mannes ist wie ein Merkzeichen. Nie ist die Sehnsucht nach Zion iu Israel völlig erstorben. Vergesse ich dein, Jerusalem, so müsse meine Rechte ihres Dienstes vergessen! Jeder Sederabend erneut die Erwartung: dieses Jahr hier, im kommenden Jahr zu Jerusalem. Jahrzehnte und Jahrhunderte schon hallt die Klagemauer am Tempelplatz Widers von flehendem Seufzen: „Wir bitten dich, erbarme dich Zions, sammle die Kinder Jerusalems. — Eile, eile, Zions Erlöser, sprich zu dem Herzen Jerusalems. — Schönheit und Majestät möge Zion umgeben, ach kehre dich gnädig zu Jerusalem." — Scharen von Pilgern ziehen gen Ere; Israel, um dort, daheim und doch verbannt, das müde Haupt zur letzten Ruh zu betten. Das ist der Zionismus, den Israel kennt, so lange es wandert — der ewige Jude unter den Völkern. Aber dieser Zionismus war nur Sehnsucht, rührend iu seinem nimmer müden Hoffen und ewigen Entsagen. Nun ist ein anderer Zionismus ausgekommeu, der will das Hoffen und Erwarten von Jahrhunderten in That umsetzeu. Gleich wie ein Wunder, überraschend für den ferner Stehenden, bricht diese Bewegung los in Israel. Denn fast gewann es für eine Zeitlang den Anschein, als wollten die Jungen die Pfade der Alten verlasen und Zions Namen aus ihrem Gedächtnis streichen. Da flammt es auf vou neuem: Ziehet aus vou Babel, verlasset die Reiche der Völker. Zion ist unser. Dort lasst uns sein ein einig Volk auf eigener Scholle. Die Ursache i|t bekannt. Die Rede vou der Assimilation und Emauzipatiou hat sich als graue Theorie erwiesen. Die Wucht der Thalsachen ließ sie zusammenbrechen. Blutige Verfolgungen der Juden in Russland, ihre Rechtlosigkeit in Rumänien, die mächtig anschwellende antisemitische Bewegung, der Dreysus-Hailbel in Frankreich, tausendfache Zurücksetzung auch da, wo die Staatsgesetze der Völker sie als gleichberechtigte Bürger anerkennen, zeigten den Inden klar, dass sie den Nichtjnden Fremde waren und bleiben sollten. Und während noch die Menge sich in fruchtlosen Klagen darüber ergieng, stand es tiefer Denkenden schon seit Jahren fest, dass nur aus dem Wege der Trennung von den Völkern, nicht aus dem der Verbindung mit ihnen, geholfen werden könne. Aber wie das machen? — Palästina trat wieder in den Vordergrund der Erwägungen. Kolonien wurden ans seinem Boden gegründet und versprachen eine Zukunft. Durch Pflege der heiligen Sprache und der jüdischen Geschichtskunde suchte man das Selbstbewusstsein der Juden zu heben. Es blieb alles nur Stückwerk. Die rettende That für die Gesammtheit fehlte. Da sprach endlich ein Mann das erlösende Wort. Herzl's „Judenstaat" zeigte seinem Volke ein neues Ziel, einen Weg in d>e Freiheit. Nichts werde den Inden mehr helfen als einzig dies, dass sie sich aus eigener Scholle, nämlich ans dem Boden Palästinas wieder zu einer selbständigen Nation zusammeuschlöffen. Der Verfasser selbst war überrascht, wie seine Gedanken zündeten, ein Zeichen gerade, dass sie zur rechten Zeit gekommen waren. Schnell fanden sich auch die Männer, die bereit waren, zu verwirklichen, was in der Seele Vieler schlummerte uud was Jener nur hervörgelockt hatte. Ein wunderbarer Anblick war der erste Zionisten - Congress zu Basel 1897. Jüdische Männer und Frauen aus allen Ständen und allen Landen hatten