Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 33 (18.8.1901)
- Date
- 1901-08-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Rrdartion u. Administraiion lvien. II/l, Novaragaffe 27. ft. t. österr. Postsparcasia Lhe«k-Co»1o Nr. 84Ü.251. > n ft x a t e : 20 Heller per NoM'areille-Zeile. Ntonnementsmid JnserliouS» betrüge sind in Wien zahlbar.!nakhängige Keitfchrifi für Mfche Zntere^en. Erscheint jeden Freitag. Motto: «Das Siegel Gottes ist Wahrheit «anzjährig . . ft. 12.— Halbjährig ... ft. 6.— Für Lultusbeamte: «an,jährig ... ft. 10.— Für Ausland: Sanzjährig .... 12 «ark 6 Rubel oder 16 Fre». Ar. 33. Wie», 83. Äugnst 19K1. Anhalt: Geineindebund und Cantorentag. — Ein christliches Urtheil über den Zionismus. — Ein Wort über Abc. Goldfaden. — Verschiedene Nachrichten. — Litteratur. — Rückblick auf Wien und den Cantorentag. — Feuilleton: Das Kaddischgebet. Wir ersuchen die geschätzten Herren Abonnenten, nm Einsendung der laufenden und rückständigen Abonnementsbeträge. Die Administration. Gemeiridelmnd und Cantorentag. Als vor ungefähr zwei Jahren im Sitzungssaale der Wiener Cultnsgemeinde Delegirte aus allen Kronländern und Vertreter der hervorragendsten jüdischen Vereine der Reichs- Hauptstadt sich zur Constituierung des „allgemeinen österreichischisraelitischen Bundes" zusammensanden, glaubte man sich der Hossnung hingeben zu dürfen, dass endlich auch in Oesterreich eine Institution geschaffen sei, die alle religiösen und provinziellen Schattirnngen des österreichischen Judenlhums umfassend, bei der Durchführung ihrer Agenden mit jener Autorität ' ausgestattet sein werde, die naturgemäß der Vertretung einer Gesammtheit innewohnt. Freilich mischte sich in den Hellen Enthusiasmus das allgemeine Bedauern über den durch den Widerstand der Regierurg mislnngenen Versuch der Gründung eines ossiciellcn Gemeindebundes, und bei manchem Theilnehmer der Versammlung stiegen bange Zweifel auf, ob denn die neugegründete Organisation, die am Beginne ihres Werdeprocesses als KrystaÜisationspnnkt des jüdischen Gemeindelebens gedacht war. nicht schon in Folge des geänderten Titels ihren ursprünglichen Zweck verfehlen und von dem eigentlichen Gebiete ihres natürlichen Wirkungskreises abweichen werde. So sehr auch die damaligen Verhältniße eine erhöhte Thätigkeit nach der Richtung der Abwehrbewegung forderten, und es wünschenswerth schien, dass der „allgemeine österreichisch-israelitische Bund" an den diesbezüglichen Bestrebungen der bereits bestehenden Vereine Antheil nahm, so durste er darüber dennoch nicht jenen Theil seines Programmes vernachlässigen, der die Hebung und Förderung des jüdischen Gemeindelebens bezweckte und aus dem allein er seine Existenzberechtigung schöpfte. Die Ungläubigen und die Zweifler haben leider Recht behalten, und forscht man heute darnach, was der „allgemeine österreichisch-israelitische Bund" bisher geleistet hat, so hört man allgemein, in Wien wie in der Provinz, den erstaunten Ausruf: „Gehört denn der Bund noch zu den Lebenden oder hat er überhaupt jemals ein Lebenszeichen von sich gegeben?" Die Frage ist leicht begreiflich. Die Abwehrthätigkeit, in welcher der Bund bisher seine ganze Bestimmung und Befriedigung suchte, kann nicht immer mit der großen Trommel betrieben werden, und nach anderer Richtung hat er nichts gethan, oder so wenig Nennenswerthes, dass davon nichts in der Oessentlichkeit verlautete. Und gerade die innere Organisation der Gemeinden, das weite Gebiet der socialen und cultnrellen Einrichtungen sollte in erster Linie von dem Bunde gepflegt werden, der seine Entstehung dem allseitig empfundenen Bedürfniße nach einem „Gemeindebunde" verdankte. Welch großes Arbeitsfeld seiner harrte, das hat unter anderem auch der letzte in Wien abgehaltene „allgemeine Cantorentag" bewiesen. Jede einzelne der auf demselben gefassten Resolutionen klingt wie ein Mahnruf an die Leitung des Bundes, sich endlich jenen dringlichen und unaufschiebbaren Aufgaben, zuzuwenden, denen die unzureichenden Kräfte und Mittel der einzelnen Gemeinden nicht gewachsen sind, die aber von dem die Gesammtheit repräsentierenden Bunde überwältigt werden können und müssen, so er nicht als inhaltsloser Begriff, als eine Fehlgeburt ohne Lebenszweck und Daseinsberechtigung angesehen werden will. Betrachten wir;. B. die geradezu unerträgliche Lage der jüdischen Gemeindebeamten, nicht nur die der jüdischen Cantoren, hie am letzten Cantorentage in so düsteren Farben getreu nach der Natur gezeichnet wurde, sondern aller jüdischen Cnltusbeamten vom Rabbiner bis zum letzten Schammes. Welch himmelschreiendes Unrecht wird an ihnen jahraus jahrein begangen, ohne dass von irgend einer Seite etwas geschieht, um Uebelstände zu beheben, die den Grundbegriffen der jüdischen Religion und den in der Gegenwart allgemein anerkannten Anschauungen über soziale Verpflichtungen Hohn sprechen. Staatliche und communale Verwaliungen, öffentliche und private Institute haben Wohlfahrtseinrichtungen jeder Art und bereiten ihren Angestellten ein> wenn auch nicht übermäßiges, so doch immerhin sicheres und. standesgemäßes Auskommen, nur für die jüdischen Cultusgemeinden, die ihre Beamten mit kärglichem Lohne besolden unk es ihnen so unmöglich machen, auch nur den kleinsten Sparpfennig bei Seite zu legen, sind, mit Ausnahme einiger weniger Großgemeinden, Jnvaliditätsnnd Alterspensionen, Witwen- und Waisenversorgung und wie sonst alle socialen Errungenschaften des modernen Gesellschaftslebens heißen mögen, unbekannte Begriffe. Darum gibt es ja auch in den jüdischen Cultusgemeinden so selten definitive Anstellungen, fast überall vorübergehende