Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 32 (16.8.1901)
- Date
- 1901-08-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Mr. 32 Die Wahrheit. Seite 7. 'fiinbet werden soll, kämpfen, eben die geeignete Persönlichkeit da sein soll, die die Wogen glättet und beiden Parteien zu genügen versteht. Eine solche Persönlichkeit hat unsere Gemeinde in dem neuerwählten Rabbiner Dr. Max Hoch gefunden. Einer würdigen Cantoren-Familie! «rsproffen, hat er die guten Grundsätze einer gottgefälligen Erziehung mit hinaus ins Leben genommen und sie mit männlicher Thatkraft verbünde», um so unserer Gemeinde jenes Ansehen zu geben, dessen sie schon längere Zeit entbehrte. Es ist heutzutage, besonders im, gemischtsprach' lichen Böhmen, keine leichte Aufgabe, seiner Gemeinde voll und ganz zu bienen und drei Sprachen vollkommen zu beherrschen, um sie bei jeder sich darbietenden Gelegenheit zweckentsprechend und stylvoll anzuwenden. Der Rabbiner soll auch ein humaner, feinfühlender Mensch sein, der im Verkehr mit dem Cantor den letzteren in seinem künstlerischen Streben und in seinen religiösen Anschauungen unterstützen soll. Beide Eigenschaften besitzt Herr Rabbiner Dr. Hoch in hervorragendem Maße. Unser Vorstand ist sich auch dieser guten Requisition bewusst und bereitete dem! neuen Seelsorger einen seltenen Empfang. Dienstag, den 30. v., wurde j derselbe vom Gesainchtvorstande im blumengeschmückten Conferenzzimmer! der israel. Schule empfangen. Vor demselbey hatte die Schuljugend! Aufstellung genommen und durch Ueberrei^ung eines prachtvollen! Blumenstraußes seitens eines Schülers den Herrn Rabbiner in herzlicher j Weise geehrt. Herr Rabbiner Dr. Hoch war von dieser spontanen Ehrung j ergriffen und zu Thränen gerührt, sagte Allen innigsten Dank und versprach, mit Hilfe Gottes und mit Unterstützung des Vorstandes, mit dem er vereint das Wohl der Gemeinde erstreben wolle, seine Pflicht nach jeder Seite hin zu erfüllen. Samstag darauf hielt er die Antrittsrede. Der Tempel war mit Blumen und Blattpflanzen geschmückt und eine zahlreiche Menge wohnte dem Gottesdienste bei und lauschte der form | vollendeten Rede. Oben aber auf der Frauengallerie saßen zwei Damen, Freudenthränen vergossen: die Mutter und Schwester des jungen, hoch begabten Redners. Möge das glücklich angesponnene Verhältnis zwischen Gemeinde und Seelenhirt von nnge trübter Dauer sein, damit die natiolen und persönlichen Meinungsverschiedenheiten, die oft so hart aneinander geriethen. einem dauernden Frieden Platz machen. Obercantor B. Singer. Srag. (Israelitischer Landes-Lehrerverein in Böhme n.) Die Generalversammlung findet Heuer am 25. und 26. Aug. statt. Programm: Am 25. August abends im Hotel „Bristol", Prag, Langegasse: Geselliges Zusammensein. Am 26. August im selben Local um 8 Uhr vormittags: Hauptversammlung, l. Verlesen und Genehmigung des letzten Protokolles 2. Vortrag. 3. Geschäftsber. für das 28. Vereinsjahr. (Rabbiner M. Freund. Bodenbach.) 4. Eassabericht und Feststellung der Jahresbeiträge pro 1902. (Rel.-L. D. Löwy. Prag), ferner Revisionsbericht. 5. Unsere „Mittheiluugen". (Rabbiner M. Freund, Bodenbach.) 6. Unsere „Jugendzeitung". 7. Anträge des Vorstandes. 8. Anträge der Mitglieder. 9. Wahl des Vorstandes und der Revisoren. Hyrnau. Am 31. Juli fand hier die Trauung des Cantor M. Turteltaub aus Vukovar mit Frl. Mina Kraus, Schwester des Ober- Kantors PH. Kraus aus Neusohl, statt. Den Trauungsact vollzogen der Oberrabbiner M. Stein und der Bruder der Braut. Der als Gast anwesende Obercantor Bela Guttmann aus Wien recitirte das Tischgebet welches vielen Beifall und Anerkennung fand. ' Das Kaddischgebet. Von Bernhard Loewenthal. (5. Fortsetzung.) Jacob musste, da der Vater fast keinen Sinn mehr für die Arbeit hatte, das Geschäftliche fast vollständig übernehmen und so seinem geliebten Studium entsagen. Er konnte die Schwester nicht in dem Maße verurtheilen, wie es der Vater that, aber doch griff nach und nach ein bitteres Gefühl des Grolls in seinem Herzen Platz gegen dasjenige Wesen, welches seine eigenen Zukunftspläne ihm zerstört hatte. Unterstützt von dem Reichthum des Vaters hatte er große Unternehmungen für die Gesundheit und das Wohl seiner Mitmenschen beabsichtigt und jetzt, da er längst seinen Doktor gemacht und auf dem Gebiete der Wissenschaft schon ziemlich Hervorragendes geleistet hatte, musste er sich in den Comptoirrock stecken. Mit stiller Resignation sah der Alte dem Schaffen seines Sohnes zu. Er kümmerte sich fast um gar nichts mehr, und als Jacob ihm eines Tages berichtete, dass er der Schwester das Muttererbtheil ausbezahlt habe, schien der Vater dieses ganz zu überhören, doch um die Mundwinkel zuckte es wie tief verhaltener Schmerz. — Der Gram um die Tochter hatte ihn vollständig gebeugt und mit jedem Tage schien er weniger Interesse am Leben zu haben. Einmal noch glühte ein Funkeu von Lebensfreude in ihm auf. Jacob hatte sich verheiratet und als er nach geraumer Zeit dem Vater eine Enkelin in den Arm legte, blitzte es in den Augen Salamons auf und ein müdes Lächeln, welches anssah wie der Abendsonnenschein, der über einsame Gräber glitzert, lag auf seinem Antlitz. Eines Tages, es war in der zehnten Morgenstunde, fa nd man ihn todt in seinem großen Lehnsessel. „Er hat einen leichten Tod gehabt", sagte der Arzt, „er ist hinübergeschlummert in das bessere Leben, so sanft wie in einen neuen Tag!" — —- Jacob hielt es für seine Pflicht, die Schwester vom Ableben des Vaters in Kenntnis zu setzen, und sie kam. Fast ohnmächtig führte der Bruder sie vom frischen Erdhügel, auf den die Todtengräber eben die letzten Schollen warfen. „Das kann ich nicht gut machen!" schrie sie auf. „Rein," sagte der Bruder leise, „was er und wir alle um Dich gelitten haben, Rahel, das kannst Du nur bereuen, gutmachen nicht mehr." Dann reichte er ihr die Hand. „Lebe wohl Schwester! Ich habe meine Pflicht erfüllt, wohl dem, der es stets thun kann, werde so glücklich wie — wie —" Die letzten W..!e verhallten, denn Jacob riss sich schnell los und stieg in den Wagen. Er konnte seine Thränen, die um den Vater und um ferne unglückliche Schwester sich ihm in die Augen drängten, nicht mehr zurückhalten, — Rahel wandte sich ab. „Er will dich nicht mehr kennen!" dachte sie — „mm ja, ich bin nur die Frau des armen Malers Max Wild, er aber ist jetzt der Chef des großen Bankhauses S. Gutkind sen. Rahel starrte noch einen Augenblick auf das hohe dickbemauerte Friedhofsthor, dann winkte sie einem Lohnkulscher. „Fahren sie nach dem Bahnhof!" Zu Tode erschöpft lehnte sie sich in die Polster. Rach einer Weile erst war sie fähig, ihre Gedanken einigermaßen nur zu sammeln. Ohne ein Wort der Verzeihung war der Vater von hinnen gegangen, ohne einen letzten Blick. Wohl hatte sie schwer gefehlt und jetzt erst, da es nicht mehr möglich war, die Verzeihuilg des alten Mannes zu erlangen, kam es ihr zum rechten Bewusstsein, wie sehr sie gegen ihn gefehlt hatte. Weshalb aber hatte er sich damals ihren Bitten, ihrem kindlichen Flehen so eigensinnig verschlossen? Konnte sie dafür, dass ihr Herz nun gerade einem Andersgläubigen sich erschlossen hatte? Und Max hatte ja ihren Glauben angenommen. Er war ja Jude geworden.-Und dann als sie sich in der kleinen Stadt, fern von dem unruhigen Getriebe der Residenz, dort wo kein Mensch sie kannte, ein Heim gegründet hatten und ein blondlockiger Knabe bald ihre Ehe segnete, da war es ihr, als ob sie jetzt die Verzeihung des Vaters erlangen musste. Kaum genesen, mit dem lieblichen, munteren Kinde, das so vergnügt schon in die Welt guckte, war sie damals nach Berlin gereist, um den Vater gegen Wild umzustimmen und ihn zu versöhnen. Mit Zittern und Zagen schritt sie durch das hohe Portal und es schien ihr, als ob die alten Steine neugierig und mitleidsvoll auf ihren Schmerz herablächelten. (Fortsetzung folgt.) Wie ersuchen die geschätzten Heeren Abonnenten, namentlich die geehrten Kerren Cantoren, um Einsendung der lausenden und rückständigen Abonnementsbeträge. Die Administration. Die löblichen Kemeindevorstände, ehrwürdige» Kerren Aaöviner «nd Kantoren werden auf die Anlage, welche diese Kr. enthält, autmerLfam gemacht.