Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 32 (16.8.1901)
- Date
- 1901-08-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 32. Die Wahrheit. Seite 5. des Ritual,irordes; denn wenn es ein Leichtes ist, die hohe Ethik des Judcuthums und den sittlich reinen Gehalt der jüdisch-religiösen Satzungen mit hundertfältigen Beweisen überzeugend zu belegen, so wird es ungemein schwieriger, gegen den Vorwurf des Aberglaubens anzukämpfen. Einerseits lassen sich Ausartungen des Aberglaubens im Allgemeinen psychologisch leichter begreifen, und anderseits haben religiöser Fanatismus und Aberglauben im Christenthum so viele blutige Orgien gefeiert, dass es einem Christen, trotz des Mangels irgendwelcher geschichtlicher Belege, geradezu unmöglich dünkt zu glauben, dass die Mutterreligiou nicht derartig böse Früchte gezeitigt 'hat wie die Tochterreligion. Im Uebrigen ist sehr wenig damit gedient, wenn der Recensent der historisch-politischen Blätter meint, dass der gewisse Blutaberglanbe des einzelnen Inden „dem Judenthum als solchem natürlich nicht zum Vorwurfe gemacht werden kann." Die vielen traurigen Erfahrungen nach dieser Richtung haben gerade das Gegentheil bewiesen. So oft Judenhass derartige Anklagen gegen Juden erhob, wurden sie immer mit allen Altributen des Ritualmordes ausgestaltet. Immer wurde das angebliche Verbrechen nnt dem osficielen Judenrhum in Verbindung gebracht. Bald soll die Synagoge der Schauplatz der Unthat gewesen sein, bald lollen Rabbiner oder Schächter, also Synagogen- und Gemeiirdebeamle direkt oder indirekt an derselben theilgenommen haben, Las Schächtmesser und der Schächtschnitt spielten in allen Fällen eine große Rolle — mit einem Worte immer wurde ein Ritualmiord construirt, für den das gesummte Judenthum als solches verantwortlich gemacht wnrde. Wer also deu Blutaberglaubeu keineswegs für unbegründet hält, der zieht an einem Strange mit den Ritualmordfabricanten, wenn er sich auch noch so sehr Mühe gibt, durch schöne Eomplimente vor der jüdischen Religion über seine wahre Gesinnung hinwegzutäuschen. Erfreulicher Weise haben auch hervorragende christliche Gelehrte diesen Anschauungen unumwunden Ausdruck gegeben, so unter anderem Professor Dr. Dalman in Leipzig, der auf der letzten allgemeinen Missionsconferenz zu Köln iu seinem Vortrage „Antisemitismus und Judenmission" sich über diese Frage folgendermaßen äußerte: „Ich bin weit davon entfernt zu behaupten, dass nicht ein. Jude auch aus abergläubischen Motiven einen Mord begehen könne. Aber bisher sind nicht die geringsten Anzeichen von einer i rg e n d w o unter den Juden vorhandenen Richtung dieser Art hervorgetreteu, so dass selbst ein blutleerer Leichnam nur darauf deuten würde, dass ein Mörder der Entstehung sichtbarer Spuren seines Verbrechens Vorbeugen wollte, es müssten denn andere Motive geradezu erwiesen werden. Uebrigens wurden in letzter Zeit nicht irgendwelche Juden unbekannter Herkunft sondern deutsch-jüdische Schlächter, also Religionsbeamte wegen „Ritualmordes" verdächtigt." Bemerkenswerth ist auch das Urtheil Professor Dalman's über die antisemitische Agitation, das an dieser Stelle wieder- .gegeben sei: „Dieser Agitation kann der Vorwurf nicht erspart werden, dass sie von Anfang an und nahezu ausnahmslos durch Leidenschasllichkeir, Uebertreibungen und Unwahrheiten ihre Sache mehr geschädigt als gefördert hat. Utopische Ziele von Judenentrechtung. Judeuausireibung und Judenermordung hat man aufgestellr und . für diese Ziele mit vergifteten Waffen gekämpft. Die Fabeln einer internationalen Organisation der Juden zur Unterjochung der Welt und vom rituellen Morde, welcher ein Geheimartikel der jüdischen Religion oder doch einer geheimen jüdischen Secte sein sollte,- wurden von leichtfertigen Zeitungsschreibern in Curs gebracht, von gewissenlosen „Gelehrten" bewiesen, von einer jede Belehtung in den Wind schlagenden urtheilslosen Menge aller Stände geglallbt. Erst als man anfieng, die heilige Schrift und die Männer der heiligen Geschichte ebenso wie die Träger der Krone mit bemfetbeu Schmutz zn bewerfen, den man den Juden gegenüber nicht sparte, giengen einigen die Augen darüber auf, dass dieser vermeintliche deutsche Kampf für Thron und Altar doch nicht ohne weiteres von jederman unterstützt werden könne. Die offenbare politische Unfruchtbarkeit der gauzen Bewegung, welche die Gegensätze nur geschärft, zur Lösung des vorliegenden sozialen Problems aber nichts Erhebliches geleistet hat, scheint in letzterer Zeit neben dem Selbsterhaltungstrieb der übrigen politischen Parteien das öffentliche Urtheil über diese Bewegung in weiteren Kreisen -ernüchtert zu haben." Zu dieser Ernüchterung hat auch Pfarrer Dr. Frank mit seiner Broschüre über den Ritualmord ein gutes Theil beigetragen, wofür ihm nicht nur wir Inden sondern auch alle wahrheits- und gerechtigkeitsliebenden Christen anerkennenden Dank wissen j werden.! Hieronymus form. | Am 9. d. M. beging der greise Dichter und Philosoph! Dr. Heinrich Landes mann (Hieronymus Lorm) seinen! 80 Geburtstag. Die gesammte österreichische und gewiss auch! europäische Presse mit Ausnahme derjenigen, die in der Schlacke j ihr Element findet, senkte das Banner vor dem seltenen Manne,! der ein fast unlösbares physiologisches Räthsel bildet. Auch wir! können es uns nicht versagen, ehrfurchtsvoll das Haupt vor der - Majestät des Geistes zu neigen, und indem uns die Gestalt! Lorms vorschwebt, fragend den Blick gegen den Himmel zu richten. Aber nicht blos eine Frage drängt sich uns auf die - Lippen, sondern eine Unmasse von Fragen thürmt sich in! unserem Geiste auf. Die Bibel lehrt uns, dass Gott oft i Männer zu großen Missionen ausersah, denen ein körperliches! Gebrechen anhaftete. Unser großer Lehrer und Gesetzgeber; Moses und der Prophet Jeremias litten an einem organischen j Sprachfehler, und als ihnen die Sendung anbefohlen wurde,; wandten sie vergebens dies ein. Bon den Engeln lehrt uns 1 die heilige Schrift, dass sie, wenn sie auf die Eroe hinaosteigen! sollen, menschliche Formen annehmen müssen jedoch von den zum Scheine angenommenen Sinnen blos die Sprache gebrauchen. Dem l Dichter aber mussten erst Gesicht und Gehör genommm werden, damit er das werde, was er ist. Dass jedem Lebewesen und i insbesondere der menschlichen Gattung von der Natur eine * bestimmte Aufgabe auf Erden zugewieseu wird, scheint festzu-; steheu; dass aber die Natur durch Präoentiv-Maßregeln sich! erst vergewissern muss, dass das eine oder andere menschliche Wesen i auch der ihm gestellten besonderen Ausgabe gerecht werden j wird, ist uns ebenso unbegreiflich wie unfassbar. Du sollst die! Menschheit erleuchten, du selbst aber von ewiger Nacht umgeben j sein. In allen Sprachen, der das Gemüth und der Geist fähig! sind, in der Poesie, in der Prosa, der philosophischen Sentenz! sollst du zur Menschheit reden, kein Laut aber soll an dein Ohr! dringen. Wer vermag dies zu verstehend Lorm selbst gibt! eine Antwort:! ..O wundes Herz mit deinem Streben,! Bist Du ein Narr blos der Natur; I Für ihre Zwecke musst Du leben,! Die Deinen sind der Köder nur." Und Graf Albrecht Wickenburg sagt in seiner poetischen i Liebeswidmung: i „Du kamst dem Ewigen um so näher,! Die tieslosen Tiefen schaut Der blinde Seher." j Ueber den Lebenslauf des greisen Dichters, der in Brünn! im Kreise seiner Familie seinen Ehrentag beging, wird von! anderer Seite geschrieben: , Hieronymus Lorm, der bedeutendste derzeitige Dichter unseres Stammes, dessen Werke von tiefem Geiste durchdrungen, leider aber nicht genügend gewürdigt sind, erblickte am 9. August im Jahre 1821 in Nikolsburz das Licht der Welt. Kaum dem Kindesalter entwachsen, im Alter von 15 Jahren, erblindete er in Folge einer Lähmung, die ihn während seiner Studien! an der Wiener polytechnischen Schule ereilte. Die Lebensgeschichte Lorm's, dessen eigentlicher Familienname Heinrich Landesmann ist, ist eine Leidensgeschichte in des Wortes vollster Bedeutung. Schon im zartesten Alter von Krankheiten heimgesucht, ist es nur der aufopfernden Pflege der Mutter zu danken, das Lorm nicht schon damals dem Todesengel anheimfiel und dass er trotz seiner körperlichen Leiden einen überaus