Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 32 (16.8.1901)
- Date
- 1901-08-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit. Pr. .82. Wie steht es mit der Geschichte unseres Volkes? Ist es nicht schwer, Interesse für einen solchen Gegenstand bei jungen Leuten zu erwecken, die vollgesogen sind mit den verschrobensten Ideen, welche sie aus dem Lesen moderner Romane schöpfen? Der Eine oder Andere mag ja für diese oder jene Gestalt unserer Geschichte sich erwärmen, das sind aber die Ausnahmen, der großen Mehrheit ist unsere ganze Geschichte die gleichgiltigfte Sache der Welt, sie ist ja nicht Prüfungs- Gegenstand für die so gefürchtete Maturitäsprüfung. Der Gottesdienst, ein Gegenstand auf den wir vielleicht noch zurückkommen, wir meinen den Jugend-Gottesdienst, ach, das ist das Schmerzenskind unserer religiösen Erziehung! Wie gerne wird dieser, gestehen Sie es nur Herr Zeitungsartikelschreiber, wie gerne wird er, verzeihen Sie das harte Wort, „geschwänzt"! Und wenn sie dort sind am heiligen Orte, die jungen Herren, betrachte man ihr Thun und Treiben! Treiben, das ist das richtige Wort. Wo ist die Andacht, wo die Aufmerksamkeit? Wer hört auf das Wort des Lehrers? Da werden Zeitungen gelesen, da wird geschwätzt, wenn nicht noch Aergeres geschieht. Bon unserem Gottesdienste wissen sie nichts, auf das Wort Gottes hören sie nicht, wenn sie es hören, verstehen sie es nicht. Sie gehen in den Gottesdienst, wel sie durch die Polizeileute der Schule dahingetlieben werden. Audiatur et altera pars, oder, wer zum Dajan geht, muss Beide anhörcn. Es ist leicht, die Lehrer zu beschimpfen, wenn man nicht erwägt, mit welchem Materiale er in unserer Zeit zu arbeiten hat, was für ein Auditorium ihm gegenüber steht. Da wäre noch sehr viel zu sagen, was uns auf dem Herzen liegt. Dass der Religionslehrer materiell von manchen Killahgrößen abhängt, ist eine niedrige Verdächtigung, die noch zu beweisen wäre; ist aber etwas darau, so wird es eine Mahnung sein, die Stellung dieser Parias unter den Lehrern materiell unabhängig :zu machen, was ja nicht allzuschwer fallen dürfte, besonders in Gemeinden, die oft auf viel weniger wichtige Dinge, als es der Religionsunterricht ist, große Summen verwenden und verschwenden Wir fassen zusammen: Soll der Religionsunterricht seinen höheren Zweck erfüllen, dann müssen die Eltern ihre Kinder zur Religion erziehen. Das Haus darf nicht die ganze Last von sich ab- und auf die zwei Stunden Religionsunterricht überwälzen. Wir wollen keine Reformierte, keine Nationalisten, keine Orthodoxen, keine Zionisten, wir wollen Juden sein. Dazu müsien wir unsere Kinder erziehen. Mit dem Judenthum wird heutigen Tages viel Mißbrauch getrieben. Man benützt es zu selbstischen, politischen Agitationszwecken. Und nun möchte gar mancher, dass diese niedrigen Ziele auch in der Schule verfolgt und angestrebt werden. Nie und nimmer soll der Religionsunterricht in das Getriebe des Tages hineingezerrt werden. Stellt endlich wieder die Religion auf das hohe Piedestal, welches ihr gebührt, stößet eueren Kindernkwieder Ehrfurcht und Hochachtung ein vor dem Allerheiligsten, dann wird auch der Lehrer der Religion mit Lust und Liebe an sein Werk gehen, und er wird sich gelohnt sehen für seine Mühen und Arbeiten. Gebe man nur nicht dem Lehrer Schuld für die Sünden, welche von ganz anderer Seite begangen werden. Auf Commersen und Kneipen studirt man allerwenigsten Religion. Wir wollen das heilige Gut der Religion unserer Jugend wahren, unsere Pflicht thun, aber Andere mögen diese auch erfüllen. Dann nur werden wir Erfolge erzielen, wenn wieder das Wort zur Geltung kommt: „Lernen geht über Alles". Paedagogus. Der Ritualmord vor den Gerichtshöfen der Wahrheit uud Gerechtigkeit*). (Schluss.) Der wuchtigen Beweiskraft der Frank'schen Broschüre kann kein normal denkender Mensch widerstehen und der Verfasser *) „Der Ritualmord vor den Gerichtshöfen, der Wahrheit und Gerechtigkeit von Dr. Fr. Frank. Regensburg, 1S01. Verlagsanstalt vorm. G. I. Manz. Preis 2 Mk. hat mit derselben gewiss viele Bethörte und Verblendete auf den Weg der Wahrheit geleitet. Freilich ist die Zahl der Ungläubigen noch immer eine beträchtliche, ja selbst in gebildeten christlichen Kreisen gibt es noch viele, die von der Haltlosigkeit der gegen das Judenthum gerichteten Anklage überzeugt, sich dennoch nicht zur unbedingten Negierung der Ritualmordfabel aufschwingen können. Und da der Ritualmord als jüdische Institution unhaltbar geworden ist und von vernünftigen Menschen nach so vielen untrüglichen Beweisen vom Gegentheil dem Judenthum in seiner Gesammtheit nicht mehr zur Last gelegt werden kann, so Muss das neue Schlagwort vom „abergläubischen Blutwahn" herhalten, der einzelne Juden bethören und sie zu einem vom jüdischen Gesetze so streng verpönten Verbrechen verleiten soll. Bemerkenswerth nach dieser Richtung ist der Jdeengang einer Besprechung, die die Frank'sche Broschüre in den „historischpolittschen Blättern für das katholische Deutschland", einem gewissermaßen officiellen Organe der deutschen Katholiken, erfährt. Daselbst heißt es: »In der Verlagsanstalt vorm. Man;, Regensburg ist kürzlich eine Broschüre erschienen mit dem Titel: „Der Ritualmord vor den Gerichtshöfen der Wahrheit und Gerechtigkeit." Verfasser ist der katholische Pfarrer und ehemalige Reichs- und Landtagsabgeordnete Dr. Frank in Königshofen, welcher schon vor mehreren Jahren eine eingehende Studie mit dem Titel: „Die Kirche und die Juden" veröffentlicht hat. Jeder, der sich für die „Judenfrage" interessirt, wird diese neue Publication mit Antheil und Dank begrüßen. Die historisch-politischen Blätter können sich das Verdienst zuschreiben, die Anregung zu derselben gegeben zu haben. Der Verfasser ist durchdrungen von Liebe zur Wahrheit und Gerechtigkeit und dürfte in einer bisher nicht erreichten Vollständigkeit Beweise dafür beigebracht haben, dass die allgemeine Anklage der Juden wegen Ritnalmordes auf den denkbar schwächsten Füßen steht. Gegenüber der stattlichen Reihe von Zeugen, die sich gegen den Ritualmord aussprechen (an der Spitze vor allem die Päpste, hohe weltliche und geistliche Fürsten) nehmen sich die Zeugen, die den Ritualmord als jüdische Institution beweisen zu können glauben, ziemlich kläglich aus sowohl ihrer Zahl als ihrer Qualität nach. Wir räumen bei dieser Geiegenheit gerne ein, dass wir es nach den eingehenden Darlegungen Frank's nicht mehr aus uns nehmen können, Professor Dr. Rohling in diesen Fragen als Gewährsmann zu betrachten. Immerhin halte ich dafür, dass Rohling bona fide an den Ritualmord und dessen Beweiskraft aus dem Talmud glaubt.*) Aber der Glaube allein ist noch kein Wissen; subjective Combinatiouen müssen als Hypothesen und dürfen nicht als Thatsachen bezeichnet werden: ebenso ist das absichtliche Verschweigen von relevanten Thatsachen sehr bedenklich." Nach diesen einleitenden Bemerkungen sollte man glauben,! dass die „historisch politischen Blätter" den Ritualmord in das Reich der thörichten Fabeln und böswilligen Verleumdungen verweisen. Scheinbar thun sie es, aber nur, um die Fabel in einer viel gefährlicheren Auslegung weiter zu verbreiten; denn nach einer illustrativen Gegenüberstellung des bekannten Falles von Damaskus in der Lesart Rohling's und der Frank's. in welcher der Recensent sich gezwungen sieht, sich auf die Seite des letzteren zu stellen, gelangt er zum folgendem Raisonnement : „Wenn nun auch Frank sicher darin Recht hat, dass bei den Juden allgemein gültige rituelle Vorschriften über Gebrauch von Christenblut nicht bestehen und nicht bestanden haben, so ist meines Erachtens doch die V ermuthung keineswegs unbegründet, dass einzelne Juden od er vielleicht auch ganze einzelne I u d e n g e m e i n d e n einem „gewissen Blutaberglauben" huldigen, der dem Judenthum als solchem natürlich nicht in die Schuhe geschoben werden kann." Diese Argumentation mit dem Hinterpförtchen erscheint uns fast noch gefährlicher als die offene und directe Anklage *) Wie es mit der bona fides Rohling's bestellt ist, haben wir ja in der vorigen Nummer d. Bl. zur Genüge dargethan und sehen uns darum nicht neuerdings veranlasst, den Recensenten der „historisch-politischen Blätter" vom Gegentheil zu überzeugen. (Anm. der Redaction).