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Die Wahrheit · 1901-08-16 · Heft 32 (16.8.1901) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 32 (16.8.1901)
Date
1901-08-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Ein tiefes talmndisches Wort sagt: „Wirf den Stein auf den Krug, bricht der Krug, wirf den Krug auf den Stein, bricht der Krug, auf alle Fälle bricht der Krug. Die Airwendung auf den Lehrer ist nicht schwer und auf den jüdischen Religionslehrer noch leichter. Weiß das Kind etwas, hat es etwas gelernt, dann sind es nur seine Talente, seine Begabung, sein Genie — und wer würde es zu leugnen wagen, dass nahezu alle jüdischen Kinder Genies sind — die ihm diese Kenntniße vermittelten; kann es trotz seines Genies nichts, was auch Vorkommen soll, dann kann ja nur der Lehrer daran schuld sein; ans alle Fälle bricht der Krug. Werfet nur fleißig Steine auf ihn oder werfet ihn mit mehr oder weniger Wucht auf den Stein. — Oft schon kam mir dieses Gleichnis in den Sinn, nie aber so sehr, als dich vor einiger Zeit eine sogenannte Abhandlung über unseren Religionsunterricht in einer Zeitschrift las, welche als der ziouiftische Moniteur gilt, so nennt man es ja im Zeitnngsjargon. Verfasst war jene Abhandlung von einem sehr jungen Menschen, und ich dachte mir beim Lesen: > „Wie kommt Saul unter die Propheten"? d. h. mit anderen Worten, seit wann haben diese jungen Herren ihr Herz für die Religion und den Unterricht in ihr entdeckt? Sie wollen ja sonst von der Religion nichts wissen, ihnen ist ja das Judenthum etwas anderes als ein Glauben, ein Bekennen, ihnen ist es eine Nation allein, losgelöst von jedem religiösen Glauben. Die „Uebermenschen" bringen es zuwege, Juden ohne Religion zu sein. In jenem Aufsätze nun wird panschaliter allen Religionslehrern die Fähigkeit abgesprochen, zu unterrichten, die Art und Weise, wie unterrichtet wird — Hebräisch — und Religionsgeschichte — wird erbarmungslos verurtheilt, zum Schlüße wird — ein wenig Perfidie muss ja auch dabei sein, — der jüdische Religionslehrer verdächtigt, er sei von gewissen Killahgrößen abhängig und könne deshalb nicht unparteiisch seines Amtes oder in seinem Amte walten. Zahllos, mehr als mancher Haare auf dem Kopfe hat, sind, wie man sieht und hier zu hören bekommt, die Sünden, welche uns jener junge Herr vorwirft.' Es wäre an der Zeit uns zu rechtfertigen — wenn dieses Leporello-Sündenregister uns von anderer Seite vorgehalten würde, und nicht von — Leporello. Denn wer hat dich zum Richter eingesetzt?" so rufen wir aus. Ehrenwerthe Männer, welche sich viel Mühe in ihrem Amte geben, welche schlecht entlohnt und auf alle Begünstigungen, die anderen Lehrern zutheil werden, verzichtend, die ganze schwere Arbeit unes Lehrers verrichten, zu schmähen und zu verdächtigen, ist nicht schwer. „Das Tadeln ist gar leicht in eines anderen Sachen, doch kann's gemeiniglich der Tadler nicht besser machen." Jener junge Herr weiß am besten, welches Interesse unsere Herren Mittelschüler der Religion entgegenbringen, und welches Interesse in den meisten Fällen „die Herren Eltern." Und wenn du mit Engelszungen redetest, du bringst ihnen keine Liebe für die Religion bei. Das ist heute nicht modern, sich für die Religion, des Judeuthums zu begeistern. Das gehört ins alte Eisen. Mit ganz ungenügenden Keuutnißen des Hebräischen, mit vollständiger Unkenntnis unserer Liturgie und Geschichte kommen die jungen Leute in die Mittelschule, und nun soll ihnen der ganze, so umfangreiche Lehrstoff in zwei wöchentlichen Stunden beigebracht werden. Wenn Sie noch Eifer zeigten, die jungen Herren. Aber sie und ihre „Herren Eltern" wollen nur die „gute Note" auf dem Zeugniße; will der Lehrer, dass diese „gute Note" auch durch entsprechendes Wissen erworben werde, dann Geschrei in Israel, dann wird der Religionslehrer als Ouäler, als Pedant, als Zopf hingestellt, als Zeugnis-Verderber —und was weiß ich noch alles; dann fliegen nur so die Steine, um den armen Krug zu zerschmettern. Zugegeben, dass manche Lehrer nicht auf der Höhe ihrer Aufgabe stehen, aber haben wir nicht solche Männer anch in anderen Fächern? Und doch welches Wettkriechen vor dem Latein- oder Mathemariklehrer, wahrend unsere Herren Glaubensgenossen ihrem Religionslehrer mir einer oft unsagbaren Frechheit entgegentreten, die ihn nur enlmnlhigen und auf keinen Fall ihm die Lust und Freude eiilflößen kann, welche für den Unterricht so nöthig sind. Der Herr Verfasser jenes Artikels braucht nicht weit zu gehen und nur im nächsten Kreise Umschau zu halten. Fragen, wie unterrichtet man Hebräisch in der jetzigen Zeit, werden nicht im Handumdrehen ui einem Zeitungsartikel gelöst. Aui Religionslehrer-Versammlungen und in wissenschaftlichen Abhandlungen wurde diese Frage mit wahrem Ernste, mit Tiefe und Genauigkeit besprochen, aber ich glaube, alle diese Discussionen haben wenig Werth bei so verschiedenartigen Vorkenntnißen, welche unsere Mittelschüler mitbringen, bei dem wahrhaft geringen Eifer, welchen unsere Gymnasiasten und Realschüler für die Kenntnis unserer heiligen Sprache entwickeln. Es ist das alte Wort: Zur Liebe und zum Beten kann man niemand zwingen. — Aber „gute Noten' -wollen sie doch alle.

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