Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 31 (9.8.1901)
- Date
- 1901-08-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 31. Oie Wahrheit. Seite 5. bankerott der Assimilation. Die vornehmste polnische Revue, das Organ der maßgebenden Kreisen Russisch-Polens, der in Petersburg erscheinende „Kraj" bringt an leitender Stelle unter obiger Ueberschrifl einen längeren Aufsatz aus der Feder des hervorragenden polnischen Plldlicisten Anton Choloniewski über die Strömungen und kulturellen Bestrebungen der Juden Galiziens. Dieser Artikel, eine vorurtheilslose Stimme, verdient wiedergegeben zu werden, und so möge er auszugsweise in deutscher Ueberlragung folgen : Gelegentlich des Hinscheidens des galizische»» Landtagsabgeordneten Goldmann constatirten sämmtliche galizische Blätter ohne Bedenken und beinahe übereinstimmend, dass die Idee einer Assimilirung der Juden, deren hervorragender Repräsentant der verstorbene Politiker war, total Schiffbruch gelitten hat. Diese Mittheilungen machten den Eindruck einer gelegentlichen Erinnerung an eine feststehende Thatsache, die bereits gründlich besprochen und abgelhan war und deren Erwähnung nur 6n passant geschieht. Es dürste aber für das nichtgalizische Publikum eine interessante Ueberraschung sein, wenn gleichfalls sn passant bemerkt wird, dass in Galizien, streng genommen, diese Angelegenheit nicht nur nicht besprochen und erörtert, sondern nicht einmal flüchtig gestreift worden ist, und doch wird der „Bankerott der Assimilation" seit Jahren ans Treue und Glauben als feststehendes Factum hingenoinmen. Diese allgemeine Meinung ist die Folge eines wüsten und oberflächlichen Denkprocesses. Vor ungefähr fünfzehn Jahren machte eine Action mehrerer jüdischer Bürger, die Inden ^Galiziens zu polonisiren, viel von sich reden. Es wurde eigens ein Verein gegründet, der ein Herd sein sollte, vor welchem die Strahlen, jener Idee nach allen Kreisen sich ausbreiten sollten. Es wurde zu diesem Zwecke eine specielle Zeitschrift in's Leben gerufen und man war der Meinung, dass diese zwei Factoren genügen werden, aus sämmtlichen Juden Galiziens mit einem Schlage Polen zu machen. Aber diese Kleinigkeit war in praxi nicht so leicht realifirbar. Das Journal erschien regelmäßig allwöchentlich, im Vereine fanden eifrig Versammlnngen und Ausschußwahlen statt, aber bei den jüdischen Massen, die von ihren Geschäften ganz absorbirt wurden, war gar keine nennenswerthe Veränderung wahrzunehmen. Die angenehme Zerstreung währte einige Jahre. Dann beganit die polonisirende Zeitung unregelmäßig mit Umerbrechnngeu zu erscheinen und im Vereine ward es immer mehr öde. Dann verschwand die Wochenschrift ganz vom Horizonte, der Verein ging ln die Brüche und dann — dann tauchten die Zionisten auf. Eines Tages wollte sich die galizische Presse in irgend einer Angelegenheit mit der Assimilation verständiger» und — fand sie nicht mehr. Dafür erschien die erste Nummer des sioniftischen Organs „Przyszlose”— „Die Zukunft" —und bald darauf Herzl's Buch der „Jndenstaat". Man hielt noch Umschau nach dem Landtagsabgeordneten Goldmann, dieser aber amtirte ruhig in seinem Bankbureanx. Sonst also musste doch die Assimilation bankerott sein. Dies wurde als feststehend angenonlmen — und die Sache war für die galizische Presse abgethan. Als vor einigen Wochen Herr Goldmann, der eigentliche Fürsprecher der Polonisirung, starb, wurde er in den Nekrologen der letzte Repräsentant der bankerott gewordenen Assimilation genannt. Und doch ist sie — nicht bankerott. Es ist unglaublich und doch wahr, dass solch eine erstclassige Angelegenheit, wie die „Judenfrage" für Galizien ist es, in der polnischen Presse . nicht einmal einer gründlichen Besprechung unterzogen worden ist, selbst damals nicht, als die Assimilation ganz im Verschwinden begriffen zu sein schien und die Vorboten des Zionismus auf dem Plane erschieneit. Ohne, wie gesagt, eine Angelegenheit von solcher Tragweite gewissenhaft zu studiren, that man die Sache mit der Phrase ab, der Versuch einer Polonisirung der Juden Galiziens sei gescheitert. Und doch ist dies nur eine Phrase und weiter nichts. Der Prozeß einer Polonisirung der galizischen Juden war schon vor der Gründung deS Vereines und des Wochenblattes vorhanden, existirt auch jetzt und wird auch weiter stattstnden Es ist dies ein elementarer, nochwendiger, von den Bestrebungen einzelner Personen oder politischen Gruppe»» unabhängiger Proceß. Weder der Verein noch die Zeitschrift vermochleu hier viel auszurichten, und nur eine starke Kurzsichtigkeit vermag aus ihrem Zusammenbruche weitgehende Schlüsse zu ziehen. Die öffentliche Meinung Galiziens hat, indem sie sich übereilt ein solches Urtheil bildete, einen großen Fehler begangen. Auf jüdischer Seite wurde wieder der Fehler begangen, dass inan di- Sache naiv und unreif in Angriff nahm. Diese ganze sogenannte Bewegung hatte alle Merkmale 'einer jugendlichen Arbeit. Ein paar Vorlesungen, Fe ftversan»mlnngen, populäre Broschüren sollten das große Werk schaffen. UeberdieS beschränkte sich die Action auf jene Kreise, die ohnehin ein vorzügliches Polnisch sprechen, die aber nur einen kleinen Bruchtheil der jüdischen Bevölkerung bilden, und es ist leicht begreiflich, dass diese Action nach kurzer Tauer im Sande verlaufen musste. Während all dies vor sich ging, machte die Assimilation in der jüdischen Gesellschaft langsam aber stetige Fortschritte. Die Schule war der wichtigste Assimilator und nebst der Schule — das Leben. Die junge jüdische Generation, die die Volksschule, Gymnasium und Universität absolvirte, lernte auch polnisch denken. Die Benützung der polnischen Sprache »nachte bei brn Juden rapide Fortschritte. Während vor dreißig Jahren m den Straßen Lembergs diejenigen J»»den, welche sich des Polltischen als eineu Gesellschaftsprache bedienten, nicht zahlreich »varei», ist es hettte eine allgemeine Verkehrsstraße. Die rapid »vachsende Schaar der gebildeten J»»den spricht polnisch. Der Gemeinderath der Stadt Brody, ans einer jüdischen Majorität bestehend, beschließt die Polonisirung des dort bestehenden deutschen Gymnasiums. Selbst diejenigen Juden, die sich als zu einer besonder»» Nationalität angehörend betrachten, all die jungen Doctoren, die den Stab des Zionis»nus bilden, bedienen sich der polnischen Sprache, und in diesetn Jdio»n agitiren sie für eineu zukünftigen Judenstaat. Diese Syinptome sind beachtensrverth n»»d ihr Vorhandensein verdanken »vir der langsamen aber sicheren Wirkung! der Schule. Die jüdischen Kinder assimiliren sich sprachlich nicht! nur durch die Schule »»nd Lectüre, sondern auch durch den i Verkehr mit polnischen Kindern, »vas sonst im gesellschaftlichen Leben fetten genug geschieht. Zwar bildet sich auch auf der Schulbank oft genug ein Antagonismus heraus, er ist aber nicht die Regel. Ohne Schule wäre er auch vorhanden nur in größeren Dimensionen. Hier in der Schule verlvischen sich sehr oft jene spitzen Kanten, »velche durch eine lange Jahrhunderte anhalteltde Abichließnng zwei naher und sich fremder Organismen entstanden fiub. Die gegenseitige Antipathie »limml milde Formen an oder verschwindet ganz Aber, »vas das Wunder-! barste, selbst in rein jüdisch confessionellen Volksschulen, das! ist dort, wo die jüdischen Kinder sich ungenirl des Jargons be- | dienen könnten, macht die polnische Sprache im»ner größere i Fortschritte. Im Lemberg exiftiren z»oei solche Volksschulen mit! Oeffentlichkeitsrecht. Die Schüler und Schülerinnen, die zu j Hause gezwungen sind, jüdisch-deutsch zu reden, sprechen in der | Schule aus eigenem Antriebe polnisch und das mit einer gewissen! Genugthunng iin Gefühle einer gewissen culturellen Ueber- , legenheil.! Ein ähnlicher Proceß fiubet auch auf der Arena des! gesellschaftlichen Lebens als Fortsetzung statt. Da die polnische I Cultur im Lande die herrschende ist, beugt sich ihr alles, »vas! einen civilisatorischen Impuls besitzt. Das Deutsche wird immer! vom Polltischen verdrängt. Zwar e»schöpft die Sprache noch nicht den Begriff der Nationalität, es lässt sich aber feststellen, dass es immer mehr jüdische Jltdividnen gibt, die nicht nur äußerlich, sondern auch »»»nerlich volonifirr sind. Dieser zweite. Proceß geht zivar nur langsam vo»» statte»», er ist aber als eine Folgeerscheinung der Jugenderziehung zu betrachten. U»Uer solchen Umständen also von einem „Bankerotte der Assimilation" sprechen, ist ein flächköpsiger Unsinn.