Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 29 (26.7.1901)
- Date
- 1901-07-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29. Die Wahrheit. Seite 7. Was auch die Propheten künden. Dir zur Buße läss'ger Sünden Wohl des Himmels Zorn gesandt Götzen bau'» wir nicht Altäre, Nur ein Spott den Fremden wäre Freiheit ohne Vaterland. Will mich Frankreich glücklich machen So sag ich (denn ich muß doch lachen lieber solchen Unverstand) Nicht wie Jener in der Tonne Lieber geh' mir aus der Sonne!" Sondern: „Bleib mir aus dem Land!" Und dies aus dem Lande bleiben Wolltest Du sein gründlich treiben Recht mit deutscher Gründlichkeit I Gibst Du Deine deutschen Länder I Mir heraus als Friedenspfänder, j Dann wär' auch mein Lenz nicht fern.! Inzwischen waren die ersten Bände der „Briefe aus Paris",! von Ludwig Börne erschienen; im fünfzehnten Briefe schrieb! „der fahrende Landsknecht der Revolution und blutdürstige - Robespierre der Feder" ('0 Passender, d. h. erst bester! Gelegenheit: „Das Freiheilsgedicht von Simrock, das Sie mir * geschickt haben, ist auch in diesem unseligen romantischen Geiste ‘ gar nichts Muthentflammendes darin, nur Mnthtödtendes. Ich , mag mit diesem Heiligen nichts mehr zu thnn haben. Es ist 1 aber eine schöne Ersindung mit den Pflastersteinen, dem Gegengift! der Pulverersindnng!" Und gleichsam zur Ergänzung unterm; 26. Jänner 1831: „Nächstens gibt man zum Besten der Polen! ein großes Concert. Die ersten Künstler und Künstlerinnen! nehmen daran Theil. . . . Eine polnische Commission hat sich! gebildet, an deren Spitze Lafapette steht. Unter den Mitgliedern | sind auch Delavigne und Hugo. Diese wollen durch Gedichte; begeistern. Der Referendar Simrock in Berlin wird sich hüten, [ sich das zweite Mal zu verbrennen, der besingt die polnischen! Farben gewiss nicht. . . ."! (Schluß folgt.)! Aufruf! Montag, den 15. Juli, brach in der Judengasse der j Gemeinde Nenbidschow ein verheerendes Feuer ans. In wenigen! Minuten stand die ganze Gasse in Flammen, die zum größten! Theile von der ärmsten Elaste der jüdischen Bevölkerung, die! sich von Federn- und Hausierhandel ernährt, bewohnt war.! Durch den herrschenden Sturm angefacht, verbreitete sich! das Feuer mit rasender Schnelligkeit, so dass die Menschen! kaum ihr nacktes Leben retten konnten, ihr Hab und Gut fiel | den Flammen zum Opfer. Innerhalb weniger Stunden lagen 28 Häuser in Schutt und Asche, der Tempel wurde mit übermenschlicher Mühe gerettet. 60 jüdische Familien mit zahlreichen Kindern und Greisen sind obdachlos und dem Elend preisgegeben, die Noth ist furchtbar. Darum ergeht an die jüdischen Glaubensgenossen die inständige Bitte, sie mögen dazu ihr Schärslein beilragen, um die bittere Noth der Unglücklichen zu lindern! Die kleinste Gabe hilft das grenzenlose Elend zu vermindern. Rasche Hilfe ist doppelte Hilfe. Gütige Spenden sind zu dichten an: Friedrich H e r r m a n n, N e u b i d s ch o w, Böhmen, oder an die Redaktion d. Bl. zu richten. Das Laddifchgrbet. Von Bernhard Loewenthal. (2. Fortsetzung.) „Was heißt das^ mit der Zeit mitgehen", hatte er einem vorlauten Geschäftsfreunde geantwortet, der ihn bewegen wollte, am Sonnabend sein Geschäft zu öffnen, „wer fest stehen will, braucht mit der Zeit nicht mitgehen, lass' die Zeit mit mir mitkommen. Ob er nun recht hatte oder nicht, inwieweit seine Ansichten sich mit dem öffentlichen Leben vertrugen, darum kümmerte er sich nicht. Seine beiden Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, wurden in der angestammten Religion streng erzogen. „Ich will, dass mein Kind einmal Kaddifch nachfagen soll", betonte er oft, „und nicht drei Wochen nach meinem Tode zum Concert geht!" Jacob,! der allere von den Geschwistern, hatte keinen Sinn für das Geschäft, und der Vater, als er die Neigung des jungen Mannes, Medizin zu studieren, erkannt hatte, willfahrte gern dem Wunsche des Sohnes „Wie Gott will, dachte der alte Bankier, wird der Sohn nicht das Geschäft nehmen, so bleibt es für Rachel, sie wird sich doch auch einmal' verheiraten. Diese war zu einem bildschönen Mädchen herangewachsen und stets war es eine stille Freude für den Vater, wenn sie, bevor er am Freitag Abend in den Tempel gieng, an Stelle der längst verstorbenen Mutter im Wohnzimmer fromm die Sabbathlichte segnete. Sie that dieses mit so inbrünstiger Andacht, dass der religiöse Vater jedesmal sagte: „Das Kind wird die Freude, der Sonnenschein meines Alters werden." Der alle Mann sollte sich getäuscht haben. Im Hause Gntkinds verkehrte seit Jahren schon ein Studienfreund Jacobs, ein junger talentierter Maler. Trotzdem Max Wild, so war der Name desselben. Christ war, fühlte er sich doch nirgends so wohl wie im Hanse des Bankiers. Bald tvar er mit den Gebräuchen eines echt jüdischen Hauses vertrant, und tvenn man mit ihm sprach, glaubte man, er müsste unter Juden erzogen sein. Kein Hass, kein Bornrtheil, trübte die Anhänglichkeit an die Familie seines Freundes, im Gegentheil, er gewann den Glauben lieb, der da zuerst gelehrt hat: „Liebe, deinen Nächsten wie dich selbst!" Oft saß er stundenlang mir Rahel, und schöne Gedanken über Menschen, Menschheit, Glauben und Religion wurden ausgetauscht zwischen den beiden jungen Leuten. Max Wild war aus reicher, angesehener Familie, und schon oft hatte man im Kreise seiner Bekannten mießliebige Aeußerultgen über feinen Verkehr im Hause des „frommen Bankier" fallen lassen. „Ich glaube, Du lässt Dich mal taufen," sagte neulich ein Bekannter scherzend zu ihm, „und heiratest die „schöne Jüdin und das Geld!" Wild fuhr auf: „Die Jüdin vielleicht, das Geld brauche ich nicht!" Als er an diesem Abend nachhause kam, riss er die Gemälde von der Wand, schlug Farbentopf und Palette entzwei, setzte sich an's Fenster und in die Dunkelheit hinausflarrend schluchzte er wie ein kleines Kind. Um dieselbe Zeit lag Rahel Gntkind vor dem Bilde ihrer verstorbenen Mutter auf den Knieen. Ihr rabenschwarzes Haar fiel wie eine Fluth über ihr schneeweißes Nachtgewand, die Hände hatte sie betend erhoben: „Mutter, Mutter!" schrie sie auf „hilf deinem armen Kinde, steh' mir bei, gib', dass ich diese Liebe zu ihm aus meinem Herzen reißen kann, oder gib, dass er mir gehört, ganz und gar mir, eile hin gute Mutter zum Throne des Allmächtigen Vaters und bete für mich, für mich, für ihn und den — Vater-" O, ne wusste es gut genug, wie schwer es den alten Mann treffen würde, wenn sein Liebling ihm ihre grenzenlose Hingebung gestehen würde zu dem Andersgläubigen, sie wusste, dass sie damit etwas thun würde, was sich vielleicht niemals mehr gutmachen ließ — aber sie konnte nicht anders. Die Liebe, dieser göttliche Funken, welcher oft himmlisch glühend und beglückend, öfter aber noch verheerend und die Schranken der menschlichen Gesetze niederwerfend, sichsin die Herzen stiehlt, das wonnige Gefühl, das dem Menschen die grüßte Seligkeit, die innere Zufriedenheit oder die größten Qualen bereitet, hatte auch hier wieder einmal seine Macht erprobt und es hatte gesiegt. Bei Rahel galt nicht Vater, Reichthum und Familie mehr, nicht mehr Gott und Glauben, da galt es nur noch dem Manne anzugehören, den sie liebte und von dem sie sich wiedergeliebt wusste. Allem wollte sie gern entsagen, um ihm als sein Weib zu folgen. Allem? Ihrem Glauben auch? Durste sie es wagen, mit Gott zu streiten, mit dem allgütigen Vater im Himmel zu hadern? Nein, nein — das durfte sie, das konnte sie nicht. (Fortsetzung folgt.)