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Die Wahrheit · 1901-07-26 · Heft 29 (26.7.1901) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 29 (26.7.1901)
Date
1901-07-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 29. mals gebilligt wurde, unter allen Anklägern der Juden wegen Ritualmordes als der eifrigste, beharrlichste und rücksichtsloseste genannt werden muß. Kaum ist irgendwo ein Leichnam gefunden worden, so wird mit der veinlichsten Sorgfalt alles ausgespürt, ob nicht irgendwie ein Anzeichen, und sei es auch das allerunbedeutendsie, aufgefunden werden kann, um den Todesfall als einen Ritualmord hinzustellen und den Verdacht, denselben begangen zu haben, auf die Juden hinzulenken. Bald ist es die Zeit, wann der Leichnam gesunden, bald ist es der Ort, wo man ihn gefunden, bald sind es Wunden, die sich am Leichnam finden und aus den Schachtschnitt Hinweisen, bald ist es die Blutleere, die als sichere Anzeichen eines Ritualmords von dem Antisemitismus bereits festgestellt sind, ehe noch ein gerichtlicher Augenschein des Leichnams und des Fundortes vorgenommen werden konnte. Ist die gerichtliche Untersuchung eingeleitet, dann erlaubt sich der Antisemitismus in seinen Zeitungen den Gerichten die Fährten zu bezeichnen, die man einfchlageu muss, um den oder die Mörder aufzusinden, er schlägt bestimmte Personen als Zeugen vor, stellt wohl auch selbst Zeugenverhöre an und sucht auf alle Weise einen Einfluß auf den Gang der Untersuchung und des gerichtlichen Vorgehens zu erlangen. Die Untersuchungsbeamten, die Richter, die Sachverständigen, die Geschworenen werden gerühmt oder herabgesetzt, je nachdem sie den antisemitischen Anschauungen mehr oderweniger zugeneigt sind. Wenn die Verhältnißej dazu angethan sind, sucht man auch einen gewaltsamen Ausbruch des Volkswillens, wie man es nennt, herbeizuführen, und durch Ruhestörungen auf Richter und Geschworene einzuwirken. Ist das Urtheil gefällt und gar eine Freisprechung angeklagter Juden erfolgt, dann scheut sich der Antisemitismus nicht, den ganzen Richterstand auzügreifen und dem Volke in der kräftigsten Weise zu zeigen, wie es sammt seinen Richtern all die Juden verkauft und verrathen ist. Hiezu kommen noch einige Verdachtsgründe von allgemeiner Natur, die von dem Antisemitismus und auch von solchen Leuten, die weder Antisemiten sind, noch sein wollen, vorgebracht zu werden pflegen, um den Verdacht des jüdischen Ritualmords als begründet zu erweisen. Es ist doch sonderbar, sagt man, und muß höchst auffallend erscheinen, dass gerade immer zur österlichen Zeit, wenn die Juden Christenblut nöthig haben sollen, solche Todesfälle Vorkommen, die man als Ritualmorde bezeichnen kann. — Diese Erscheinung ist blos auffallend für diejenigen, welche auf die Todesfälle im Laufe des Jahres nur dann ein genaues Augenmerk darauf richte», wenn sie zur österlichen Zeit Vorkommen, und diese dem Gedächtniße fester eiuprägen, so dass dieselben in der Folgezeit ihnen immer lebhaft wieder vor Augen stehen, sobald wieder vom Ritualmorde im allgemeinen oder von einem einzelnen Ritualmord die Rede ist. Wüden sie auf die übrigen Todesfälle, die zu den anderen Zeiten des Jahres Vorkommen, ihr Augenmerk in derselben Weise richten und sie ebenso ihrem Gedächtniße eiuprägen, dann würden sie bald, schon im Verlause einiger Jahre die Wahrnehmung machen, dass ebenso wie zur österlichen Zeit auch in den anderen Zeiten des Jahres solche Todesfälle Vorkommen, die nach der Weife der Antisemiten als Ritualmordsälle verdächtigt werden können. (Schluss folgt.) Ämrock und öörne. In einer der ersten August-Nummern des Berliner „§mmüthigen" vom Jahre 1830 hatte der preußische Kammergerichtsreferendar Carl Joseph Simrock ein Gedicht „Die drei Tage und drei Farben" veröffentlicht, in dem er die Juli- Revolution zu verherrlichen schien. „In drei Tagen ward ein Thrsn verloren, in drei Tagen ward ein Volk befreit!" Die Deutung, die er von der blauen Farbe der französtschen*Tricolore auf die Unterthanentreue machte, zeigt, dass das Gedicht in einem Zeitpunkte entstanden war, als die Thronbesteigung Ludwig Philipp's noch nicht bekannt geworden und nach der Verzichtleistung Karl X. der Herzog von Bordeaux für den muthmaßlichen Thronfolger galt. Simrock konnte also trotz seines Liedes ein sehr guter Anhänger des Königsthums sein, wie er in Wahrheit ein guter Althänger des preußischen Königthums war. Ahnungs- und sorgenlos ging er auch am Tage nach der Veröffentlichung des Gedichtes auf das Kammergericht, wo er drei Termine zu halten halte. Als er nach Hause geben wollte, sagte ihm der Präsident: „Ich habe Ihnen eine Eröffnung zu machen." Er las den Jithalt einer Cabinetsordre vor, durch die der poetische Referendar zu seiner nicht geringen Ueberraschung — entlassen war. Eine Abschrift, die er sich erbeten^ wurde ihm verweigert; schweigend mußte er ein Protokoll unterzeichnen, dass ihm der Inhalt der Cabinetsordre mitgetheilt sek. Der Dichter hatte gesagt, ein Volk sei in drei Tagen befreit,, und das war damals in Preußen und besonders in Berlin hinreichender Grund, sich eines solchen gefährlicheu Staatsdieners zu entledigen. Ungefähr um dieselbe Zeit hatte der später als Kunst- und Musikschriftsteller rühmlichft bekannt gewordene Buchhändler August Gathy eine ebenso großes Aufsehen erregende, als in der That sehr unbedeuiende Broschüre veröffentlicht: „Der Völkerfrühling und seine Verkünder" von Jordanus Brunow, Nürnberg 1831, bei Hoffmann und Campe. S. kl. 8°, und darin als solche „Völkersrühlings-Verkünder" neben H. Heine und dem heutigen Tages fast vergessenen Publicisten Johannes Weitzel auch — Ludwig Börne gefeiert. Diesem vorerst pseudonym gebliebenen Panegyristen antwortete der gemaßrcgelte Kammergerichtsreferendar in dem eben mit dem „Freimüthigen" vereinigten Berliner „Conversationsblatte" vom 22. September 1831 Drei Propheten. 1. Deutsches Volk, nun kannst Du lachen, Frankreich will Dich glücklich machen. Dich und Dein verwais'tes Land. Sieh' es hat dem Halbunmünd'gen Völkerfrühling zu verkünd'gen Drei Propheten ausgesandt. Deine Fürsten abzudanken Rathen Dir die edlen Franken Räth der gute wälsche Hahn All Dein tausendjähr'ger Jammer, Ohne D eputirtentammer Wird auf einmal abgethan. Freiheit wird Dir Frankreich schenken- Kannst Du erst vernünftig denken: Darin bist Du noch zurück. Auch gebildet sollst Du werden Dich nicht linkisch mehr geberden. Sieh, so machst Du noch Dein Glück. Lass' Dich nicht zum Glücke zwingen Denn sie haben scharfe Klingen Und Kanonen — mordio! Hüte Dich, sie zu erboßen Wohl gar vor den Kopf zu stoßen. So ein Kopf brennt gleich wie Stroh. Thu, was die Propheten sagen. Sonst wirst Du auf's Haupt geschlagen Und das wäre Schade d'rum, Denn Du hast doch gute Gaben, Ja, es sind sogar die Schwaben, Wie man sagt, nicht alle dumm. 2. Frankreich will mich glücklich machen? Nun, gewiss, das ist zum Lachen Aber heute lach ich nicht Thränen will ich auch nicht weinen Kein so hohler Glanz besticht. Alle haben sie'S erfahren. Wir wir kaum vor sechszehn Jahren Freudig opfernd Gut und Blut Uns mit gottgeweihten Waffen Dieser Glück vom Hals zu schaffen Weder Tag noch Nacht geruht.

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