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Die Wahrheit · 1901-07-26 · Heft 29 (26.7.1901) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 29 (26.7.1901)
Date
1901-07-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 29 Persönlichen Erfahrungen gemacht habe. Wenn man, als ich mich vor einigen Jahren entschloß, die Judenfrage zu studiren und über dieselbe zu schreiben, mich gefragt hätte, ob das Werk antisemitisch ausfallen würde, so hätte ich diese Frage wahrscheinlich bejaht. Ein ernstes, und wie ich glkube gründliches Studium der Sache hat mich ein Besseres belehrt, und ich habe geglaubt, sowohl den Juden, als den Antisemiten einen Dienst zu erweisen, wenn ich das Resultat meiner Arbeiten : „Der Antisemitismus beruht aus religiösem Fantanismus" darlege und beweise. Ja, einen Dienst allen jenen Antisemiten, die zu überzeugen mir gelungen sein sollte, dass sie aus falscher Fährte sind, wenn sie den Juden Schuld geben an einer ganzen Reihe von politischen und socialen Missständen, woran dieselben ganz unschuldig sind, weil sie dann umkehren, eine andere Fährte suchen können und die richtige vielleicht entdecken werden. Ich werde einem jeden meiner verehrten'' Gegner zu Danke verpflichtet sein, wenn er mir Jrrthümer Nachweisen wollte, um dieselben in künftigen Arbeiten corrigiren, respective vermeiden zu können. Nur bitte ich um wissenschaftliche Begründung eventueller Kritiken, denn bloße Behauptungen des Gegentheils, oder gar Schmähungen könnte ich leider nicht als Gegenbeweise ansehen." Dass ein Buch, das sich mit dem Wesen des Antisemitismus befasst, auch die Ritualmordfrage nicht unbesprochen lassen kann, ist wohl selbstverständlich, und nachdem Graf Coudenhove die lügnerischen Anschuldigungen gegen die Juden in das wahre Licht gerückt hat, schließt er seine diesbezüglichen Ausführungen mit folgenden Worten: „Immer und immer das alte Lied > Gewisse Christen wissen, was in den geheimsten jüdischen Conventikeln geschieht: Millionen von Juden haben keine Ahnung davon. Andere Ehristeu sind genau unterrichtet über das, was in den Versammlungen der Freimaurer vorgeht: nur die Majorität der Freimaurer hat davon keine Ahnung. Was die für Trotteln sein müssen! Die chinesischen Litterati wissen bestimmt, was in den christlichen Kirchen in China für Greuelthaten verübt werden. Rur wir Christen haben davon keine Vorstellung. Eine gewisse Classe von sogenanten Aufgeklärten weiß genau, was der Jesuitenorden beschließt, denkt und will, aber kein Jesuit hat Kunde davon. So fabelt einer über den anderen; jeder weiß besser, was im Nebenhaus geschieht, als der eigene Hausherr. Das ist thatsächlich großartig. Das ist und bleibt für wich ein Beweis von der fabelhasten Urtheilsunfähigkeit der weiften Menschen." Die Lüge vom Ritualmord führt natürlich auch zu dem größten^ Lügner, zu Professor Rohling, über den Graf Coudenhove folgendes schreibt: „Hier kann ich nicht umhin, meine unmaßgebende Meinung über den Mann abzugeben, der gewissermaßen der Vater des religiösen Antisemitismus genannt zu werden verdient. Ich meine Len früheren Prager Universitätsprofessor Dr. August Rohling. Gr ist viel geschmäht, tief beleidigt worden; er wurde öffentlich Lügner, Meineidskanditat, Betrüger geschimpft und sein ehrlicher Name in den Koth gezogen. Ich kenne Rohling gut; er ist wein Freund, ich schätze ihn hoch und würde, was seine Ehrlichkeit und Anständigkeit betrifft, die Hand in's Feuer legen. Er war einmal während mehrerer Tage mein Gast; ich Hab Stunden Lang mit ihm über die Judensrage gesprochen nnd weiß genau, wie er darüber denkt. Run behaupte ich, dass Prozessor Rohling Lurch seine theologischen und mystischen Studien in einen Zustand versetzt worden ist, der einer partiellen Hirnlahmung und der <Staarülindheit gleichkommt. Er ist, da er seinem Hang zur Mystik vachgezeben, nicht mehr fähig, die einfachsten Dinge der Welt vbjectiv zu beurtheilen, sobald dieselben mit dem katholischen Glauben in entfernter Beziehung stehen. Für ihn ist Alles, was nicht katholisch ist, einfach Jrrthum und fast immer bewusster strafbarer, Jrrthum, Teufelswerk. Man muss lesen, wie Rohling Äber den Protestantismus, über die Rationalisten, über den Liberalismus schreibt; man muss seine Werke studiren über die christliche Eschatologie, über den Zukunftsstaat, über die Wunder in nicht katholischen Konfessionen, um sich eine Vorstellung davon zu machen, wohin die Lehre der alleinigen Seligmachung, der Schuldbarkeit des Jrrthums, der Inspiration sämmtlicher kanonischer Schriften einen gelehrten und edlen Mann landen lassen kann. Rohling vertheidigt die Inquisition, die Ketzergerichte und Aehuliches; er glaubt au eine Unzahl von Wundern göttlichen und dämonischen Ursprungs, das Studium mystischer und apokalyptischer Werke hat seinen Verstand verwirrt. In allen Fragen jedoch, die mit der Religion nichts zu thnn haben, sieht er klar und scharf. Er hasst das talmudische Jndenthum mit der ganzen Wucht eines odium theologicum, hasst aber nicht den Inden,! nicht das jüdische Volk. Ja ich habe häufig den Eindruck gewonnen,! dass er die Juden als Menschen eher liebt als hasst. Nicht um die Juden zu kränken, hat er zur Feder gegriffen, sein Zweck ist, i wenigstens Einen von ihnen zum Katholizismus zu bekehren.! Rohling ist der festen Ueberzeugnng, dass die ungeheure Mehrzahl i der Juden ewig in der Hölle brennen wird, er will daher so! viele von ihnen retten, als er kann. Zn diesem Zweck entwirft i er Schanerbilder vom Talmndismus und verschweigt Alles, was sich Gutes von ihm sagen lässt. Die Freude, eine für seine Bekehrungszwecke günstige Stelle in einem hebräischen oder sonstigen Werke entdeckt zu haben, ist bei ihm, wie ich glaube, eine derartig große, dass er sie ein zweites Mal zu prüfen und zu untersuchen nur aus Furcht unterlässt, dieselbe könnte sich bei näherer Betrachtung und Prüfung vielleicht nicht für so brauchbar erweisen, als beim ersten oberflächlichen Durchfliegen. Nur so erkläre ich mir seine Jrrthümmer. Rohling ist sicherlich unfähig, wissentlich eine Lüge zn sagen, aber er ist blind. Liebe macht bekanntlich blind; der Verliebte sieht nicht! mehr die Fehler des geliebten Wesens und verabscheut Jeden,! der dasselbe nicht in gleichem Maaße bewundert. So Rohling. Seine grenzenlose Liebe gehört ausschließlich der römisch-katholischen Kirche, sie ist sein Alles in dieser Welt; ihr Seelen zuzusühren, ist sein brennendster Wunsch. Rohling gehört mit seinem Fühlen und Denken einer längst entschwundenen Zeit an; er hat keinen Sinn, noch weniger Sympathien für die moderne Aufklärung, für die freie Wissenschaft. Er gehört in die Kategorie der alten Scholastiker des Mittelalters. Die Reinheit seiner Absichten und seines Charakters ist aber nach meiner Meinung über allen Zweifel erhaben." Dieses von freundschaftlicher Hand gezeichnete Bild ist ein geradezu vernichtendes Urtheil über die Persönlichkeit Rohlings, das noch dadurch an Gewicht gewinnt, als Graf Coudenhove eigentlich beabsichtigte, Rohling vor der Oeffentlichkeit zu rechtfertigen und seine dona fid68 zu begründen, die freilich allseitigen Zweifeln begegnen.muß. Der Ritualmord vor den Gerichtrhösen der Wahrheit und Gerechtigkeit*), in. Ordensleute, und unter diesen als Erster der Dominikanermönch Thomas Cantipratanus, haben durch feindselige Predigten oft Veranlassung gegeben, dass den Juden Ritualmorde worgeworfen wurden und späterhin sind auch geistliche und weltliche Fürsten als Ankläger ausgetreten. Erleuchtete Päpste haben unter Hinweis auf die Nichtigkeit der Anklage gegen diese böswilligen Verleumdungen zu wiederholten Malen Stellung genommen, indem sie gleichzeitig die Motive derselben offen darlegten. In seiner dritten Bulle, die an die Erzbischöfe und Bischöfe Deutschlands gerichtet ist, nennt Papst Jnnocenz IV. weltliche Fürsten, andere Adelige und Machthaber, welche um ungerechterweise die Güter der Juden zu plündern und sich anzueignen, gottlose Anschläge gegen sie ersinnen, und wenn irgendwo ein Leichnam gefunden wird, den Mord bös- *) „Der Ritualmord vor den Gerichtshöfen, der Wahrheit und Gerechtigkeit" von Dr. Fr. Frank. Regensburg, 1901. Verlagsanstalt vorm. G. I. Man». Preis 2 Mk.

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