Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 28 (19.7.1901)
- Date
- 1901-07-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Hesterr.-ungar. Kclntoren-Deitrrng. Nr. 28. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 21. Iahrg^ Kollegen! DerlangeL in allen Kafes und Aeftauratiouen in Wien und der Urovinz „Are Wahrheit". Zum Cantorentag. Die Besucher des Caniorentages werde» darauf aufmerksam gemacht, dass Montag, den 29. Juli. 10 Uhr Vormittags, eine zwanglose Vorbesprechung in der Religiousfchule der Wiener Cultusgemeinde, I., Seitenstettengafse 2, stattfindet. Die officielle Eröffnung des Caniorentages ist für den Nachmittag desselben Tages bestimmt. Als Logis werden „Hotel E u r o p e", II./Asperugasse 2, und „Hotel Gut h", II., Stephaniestraße 6 und 8 empfohlen, die beide koschere Restaurationen haben. Außerdem wird noch auf die Koscher-Restauration Khuner, L, Adlergasse'6, aufmerksam gemacht, und von Cafehäusern Cafe „Residenz", 1., Franz- Josefs Quai 17, Cafe „Berlin-, II., Praterstraße 25 und Cafe „Orient", II., Praterstraße 66, als Ikencler-veuo-Plätze anempfohlen. Das Vereinslocale befindet sich I., ESeiteusteltengasse 4, 4. Stock; die Redaction der ./Wahrheit" II., Novaragasse 27. H. Weintraub und seine „Tempelgesänge". Von Ed. Birnbaum, Königsberg. (Fortsetzung.) Nach dem Tode Kaschtan's (j. Nr. 22 b. Bl.) sahen wir Weintraub in die Stelle seines Vaters vorrücken. Er blieb dort dis zum Jahre 1834, machte dann, wie er es von seinem Vater abgelernt hatte, Kunstreisen durch Rußland selbst, ferner nach der „Moldau-Wallachei" (dem heutigen Rumänien), von da ging die Reise nach der Bukowina, nach Galizien mit Tarnopol, Brody, Lemberg, von hier nach Ungarn (Pest, Preßburg rc.), alsdann, schreibt er selber in einem „Hergang seines Lebenslaufes", kam er nach Wien (1836, vgl. Nr. 19 d. Bl. über die betreffende Handschrift Nr. 75), wo er sich mehrere Monate aufhielt. Der Aufenthalt in dem damaligen Dorado des modernen Cantorenlhums war von einschneidendem Einfluss aus fein Kunststreben gewesen, denn hier offenbarte sich ihm eine ganz neue Kunstrichtung, welche mit allen „Traditionen" gebrochen hatte. Der Gedankenaustausch mit dem unsterblichen Regenerator des Syi.agogeugesangs, dem damals schon so berühmten Sulz er, konnte auf den „Asiaten", wie er von Culzer genannt wurde, nur befruchtend wirken, wie anderseits „seine Kunst" nicht ganz spurlos an dem feingebildeten Ohr dieses Großmeisters vorübergiug, der ihm mehrere Partitltren überließ und auch die Composition eines *pö3 pt „Componilirt 1836", überreichte, die sämmtlich jetzt in meinem Besitze sind*).- Weintraub beruft sich auch in der angeführten Skizze seines Lebenslaufes auf diese stark infiuirende Begegnung. Von da wandte er sich nach Preußen, wo er in Breslau, Posen, Kempen rc., mit größtem Beifall vorbetete. Ir/' letztgenannter Stadt wurde er auch angestellt, verblieb aber nur ungefähr 10 Monate in dieser Stellung, weil er das preußische Bürgerrecht nicht erreichen konnte. Er ging darum während der Messen nach Leipzig und Frankfurt a. O., an welchen Plätzen *) Letztgenannte Composition ist mit kleinen Abänderungen im 8odir-2ion I. gedruckt vorhanden, ich habe dieselbe 1892 auch in der Wiener Musikausstellug ausliegen gehabt, über welche s. Z. in dieser Zeitschrift ein den Umständen und Verhältnißen entsprechend gefärbter Artikel erschien. — Die Zeiten ändern die Gewichte! er unter Begleitung eines St rei ch-Q uartett s. die Freitag-Abende vorzubeten pflegte, aber auch den Sabbath- Morgengottesdienst unter Assistenz seines vorzüglich eingeschulten kleinen Chorpersonals mit riesigenl Beifall leitete. Auf Einladung, einflußreicher Kaufleute, nach Berlin zu kommen, fand er sich-, daselbst mit seinen Assistenten M i r k i n (später in Kopenhagen angestellt), Mordechai-Perez und Max Weintraub (späterem Cautor von Frankfurt a. M.) Ende Oktober 1837 ein, woselbst er u. A. im „Philharm. Verein" ein Concert gab, über welches folgendes Zeugnis in kalligraphischer Ausführung, vorhanden ist. „Dem Herrn Weintraub, welcher sich nebst seinen Gesangs- Gehülfen in dem, am 11. d. M. in unserem Vereine strttgehabten Concerte, durch die Ausführung einiger Gesangs-Piecen künstlerisch hat hören lassen, bezeugt der Unterzeichnete Vorstand sehr gern,, dass dies mit Präcision geschehen, und dass es für jede musikalische Gesellschaft interessant sein dürste, den Gesangs-Vortrag jener Herren zu hören, um das wirklich Originelle davon zu bewundern. Berlin, den 16. Januar 1838. Der Gesammt-Vorstand des Philharmonischen Vereins. Die Direclion: Leopold Ganz. Doussier (?). Benda. Die Repräsentanten: Schmidt. Klemm. Wilcke. Eberstein." Den Berlinex Aufenthalt von mehreren Monaten benutzte- Weintraub zu ernsten Compositions-Studien bei dem königlichen. Kammermusikus Carl Böhmer, der ein vielgesuchter Lehrer des Contrapunkts war*). Von Berlin ging Weintraub nach Breslau, woselbst er mit gleichem Beifall vorbetete und über welche Leistungen ein merkwürdiges Zeugnis des berühmten M o s e w i u s vorliegt, welches hier ^seinem Wortlaute nach folgen möge. ,,Der Herr Cantor Weintraub aus Dubna hat sich im Begleitung zweier Knaben und eines Baßsängers mehrere Wochen in Breslau ausgehalten und daselbst zu wiederholten Malen theils in den Synagogen, theils in Privatgesellschaften Proben des musikalischen Talents abgelegt, mit welchem er su reichhaltig begabt ist. — Seine Prodnctionen, als Componist, als Violinspieler und Sänger, alle tragen das Gepräge entschiedener Eigenthümlichkeit, und wenn man den Gesang seiner Bildung nach ins Auge fasst, so wird man gezwungen, seine Leistungen als außerordentlich anzuerkennen. — Eine Vocal- und Instrumental-Musik zur Einleitung der Sabbath-Vorfeier,. welche ich von ihm zu hören Gelegenheit hatte, und wobei ersich zugleich als fertiger gebildeter Violinspieler in einer charakteristischen Phantasie auszeichnete, noch mehr ein vierstimmiger Psalm für den Gesang ohne Begleitung, erschien mir eben so charakteristisch als effectvoll, eben so ausgezeichnet durch manche eigenthümliche harmonische Wendung, als durch den Vortrag selbst. — Originell ist die Behandlung der Singstimmen als Begleitung der Phantasie für die Geige, und gleichen Eindruck erfährt der Zuhörer bei dem Vortrage russischer und anderer Volkslieder, wie überhaupt die wohlgeübte, präcise Ausführung der Gesangsstücke in symphonischer Weise, unter mehreren die der O u v e r t u r e z u r I t a l i e n e r i« in Algier v o w *) Den Einfluss, welchen dieser Aufenthalt Weintranb's auf die damaligen synagogalmusikalischen Zustände Berlins ausübte, hat Lewan» dowski (in dem „Jüd. Kantor", Bromberg 1882, unter der Chiffre L. L.> in heiteren Plaudereien zu schildern gesucht.