Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 28 (19.7.1901)
- Date
- 1901-07-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28. Die Wahrheit. Seite 7. -ein Herrn Architekten Fleischer, welcher in gewohnt uneigennütziger Weise die Pläne für das wahrhaftig künstlerische Grabdenkmal ertworsen und die Ausführung desselben überwacht hat, den wärmsten Dank aus. In Hursicht aus das zur Verlesung gelangte Schreiben des Herrn Regierungsrathes Dr. Heinrich Sieger, des Inhaltes, dass er sich infolge Ueberbürdung durch Berusspflichten genöthigt sehe, sein Mandat als Cultusvorsteher niederzulegen, gibt der Präsident seinem lebhaften Bedauern Ausdruck, dass es seinen Bemühungen nicht gelungen sei, Herrn Dr. Steger von seinem Entschlüße abzubringen, und gedenkt des warmen Interesses, welches Dr. Steger als treuer Anhänger des Judenthums zur Förderung desselben und insbesondere in der Abwehr ungerechter Angriffe zu jeder Zeit bekundet habe. Die Versammlung stimmt Len Ausführungen des Präsidenten zu und auch seiner Mittheilung, dass er Herrn Dr. Steger das Bedauern über seinen Austritt zur Kenntnis bringen werde. Cultus-Vorsteher Dr. Joseph Breuer referirt über die Anstellung zweier Hilfsärzte für die israelitische Versorgungs- Anstalt. Entsprechend seinem Vorschläge werden die Herren: Dr. Julius Frisch und Dr. Otto Paul Gerber zu Hilfsärzten ab 15. Juli 1901 bestellt. Namens des Aufnahmscomiles für die israelitische Versorgungsanstalt referirt Herr Vertreter Oberingenieur Arthur- Edler v. Mises über die Ausnahme von 14 Männern und 18 Frauen in das neue Siechenhaus, weiters über die Aufnahme von 14 Personen in das Bersorgungshaus und gibt bei diesem Anlasse ein Bild überden Pfleglingsstand des Alterversorgungshauses. In das am 1. November 1890 eröffnete Altersversorgungshaus wurden an Insassen des alten von Wertheimftein'schen Siechenhauses 13 Personen übernommen, von welchen derzeit noch zwei am Leben sind. Die Zahl der Insassen des Alterversorgungshauses seit der Eröffnung desselben im Jahre 1890 bis zum 7. Juli 1901 betrug 400. Von diesen sind 221 gestorben, 9 sind freiwillig ansgeschieden, so dass sich derzeit im Versorgungs- Hause 170 Pfleglinge befinden. Nach der Zuständigkeit entfallen auf: Wien. 42=24-7% Nieder-Oesterreich, außer Wien. 1=0'6% Böhmen.18=10*5u/o Mähren.28=16-4% Schlesien. 1—0-6% Galizien.17=10% Triest.1=0 6% Ungarn.61—36% Vereinigte Staaten .... 1=0 6% Der Präsident nimmt Anlass, den Herren Vorstehern Dr. Breuer und Oberingenieur von Mises für ihre Mühewaltung den Dank des Vorstandes auszusprechen. Die vom Statntencomite für das Versorgungshaus vorgelegte Hausordnung für die Versorgungsanstalt der israelitiscken Eultusgemeinde wird im Sinne des Referates des Herrn Baurathes Theodor Ritter von Goldschmidt en bloc angenommen. Vertreter Dr. Maximilian Steiner referirt über die Bestellung eines Functionärs für die Seelsorge im Gefangenhause des k. k. Landesgerichtes an Stelle des Herrn Lectors M. Friedmann, welcher diese Functionen seit 30 Jahren in ausgezeichneter Weise versehen, und mit Rücksicht auf sein hohes Alter um Enthebung von diesem Posten angesucht hatte. Entsprechend dem Vorschläge des Vertretercollegiums wird Herr Dr. Armand Kaminka, gewesener Oberrabbiner von Esfegg, provisorisch mit diesen Functionen bis Ende dieses Jahres betraut. In die vorbereitende Commission zur Bildung einer historischen Commission werden zu den in einer früheren Sitzung gewählten Fachmännern die Vorstandsmitglieder: Architekt Max Fleischer, Dpeent Dr. Joses Grünfeld, Director D. Simon, Dr. M. Spitzer, Dr. Maximilian Steiner und Baurath Wilhelm Stiaßny entsendet. Schluss der Sitzung halb 8 Uhr Abends. Aresde«. Der Zusammenbruch der Leipziger Bank hat auch der hiesigen jüdischen Gemeinde einen schmerzlichen Verlust bereitet. DaS sallme Institut hat sich bekanntlich eines ganz besonder» Vertrauens der hohen Regierungsstellen.tot Sachsen zu erfreuen gehabt. Nun hatte der Banner Wilhelm Schic der jüdischen Gemeinde in Dresden ein Vermächtnis ui verschiedenen Werthpapieren hinterlassen, darunter 162,000 Mark in Actien der Leipziger Bank mit der Bestimmung, dass die hinterlassenen Werthpapiere nicht verkauft werden dürften. Diese Bestimmung war zu einer Zeit getroffen worden, in der die Leipziger Bank noch eine streng solide Zettelbank war. Nachdem jedoch die Bank auf das Privilegium der Notenausgabe verzichtet hatte und überhaupt ihr Wirkungskreis ein ganz anderer geworden war, wandte sich der Gemeindevorstand im Jahre 1893 und nochmals 1896 an das sächsische MinisWüurn des Innern mit einem motivirte» Gesuch, ihm von der BestimmungMs Testators Dispens zu ertheilen. Man möge ihm gestatten, die Bankpapiere zu verkaufen und die betreffende Stiftung in mündelsicheren Hypotheken und Staatspapieren anzulegen. Die Gesuche des Gemeinderathes wurden beide Male abschlägig beschieden, und zwar mit der Motivirung. dass die hinterlassenen Bankpapiere sich in der Verzinsung sehr bewährt hätten. Die Actien der Leipziger Bank notirten damals ca. 155. Die Gemeinde erleidet mithin einen Verlust von ca. 250,000 M., deren Ertrag zur Gewährung von Renten an Erwerbsunfähige und Kranke bestimmt war. London, 5. Juli. Die Anglo Jewish Association hielt am vorigen Sonntag ihre diesjährige General-Versammlung ab. Der Bor, sitzende, Herr Claude-Montefiore, schickte seinem Jahresbericht den Ausdruck des Bedauerns voraus, dass die englische Judenheit den Bestrebungen der Gesellschaft so geringes Jntereffe entgegenbringe, wodurch die Einnahmen abermals erheblich zurückgegangen seien. Man müsse es wirklich sonderbar finden, dass die sechzig Mitglieder des ^Vorstandes Monat für Monat sich zusammenfinden, um über die Verwendung einer Jahres- Einnahine von höchstens 3250 Lstr. (65000 Mk.) zu berathen. Dieses geringe Einkommen sei deshalb doppelt zu bedauern, weil dasselbe das Hindernis bildet, um neben der Alliance israelite eine gesonderte Thätigkeit zu entfalten. Das werde nicht eher geschehen können, als bis sich einige englisch-jüdische Millionäre bereit gesunden, für die Association dasselbe zu thun, was drei sranzösis che Juden für die Alliance gethan haben. Für Schulen in neun Städten der Türkei mit circa 200,000 Glaubensgenossen habe die Gesellschaft 1040 Lstr. (ca. V2 der Gesammtausgaben) bewilligt. Hier sei noch ein weites Feld für eine von der Alliance unabhängige Wirksamkeit, der aber unsere reichen Juden und Jüdinnen kein Interesse entgegenbringen. Für die zweite ihrer Aufgaben, für die Inschutznahme und Unterstützung der um ihres Glaubens willen oder unter außerordentlichen Calamitäten leidenden Juden, habe die Gesellschaft weit weniger als in früheren Jahren zu leisten gehabt, da einerseits di: Judenverfolgungen seltener geworden seien, anderseits in gewissen Ländern eine Einmi schung seitens der Association zwecklos, ja geradezu schädlich gewesen. Die Lage der ruffischen Juden sei unverändert geblieben, dagegen habe sich die ungleich schlimmere der 269,000 rumänischen Glaubensgenosse» verschlimmert. Was soll aus diesen Bejammeruswerthen werden, die einer ebenso grausamen wie niederträchtigen Verfolgung ausgesetzt sind, ohne dass sich im gesammten Europa ein Arm zu ihrem Schutze erhebt? Die Auswanderung müsse, wenn sie nicht den Jammer verschärfen soll, in engen Grenzen gehalten, werden. Es könne an eine Hilfsacti on im Lande selbst gedacht werden, indem man versucht, mit wenigen, zur rechten Zeit und am rechten Orte angewendeten Mitteln bei den rumänischen Juden die Selbsthilfe anzuregen u..d zu fördern. Die Alliance habe in dieser Beziehung Großes geleistet. Namentlich haben die von ihr begründeten Volksküchen vielen Tausenden rumänischer Juden buchstäblich das Leben erhalten., Die erforderlichen Mittel sind der Alliance infolge einer allgemeinen Sammlung zugestoffen, wobei leider constatirt werden müffe, dass die englischen Juden sich nicht von ihrer glänzenden Seite gezeigt haben. Ein großer Theil der englischen Beiträge sei überdies nicht aus England selbst, sondern aus Südafrika geflossen. Da die Mittel der Alliance israelite universelle nahezu erschöpft sind, soll im Ok tober eine neue Sammlung veranstaltet werden. „Ich hoffe ernstlich", so schloß Redner, „dass England dabei nicht Zurückbleiben wird. Wir waren es, die am lautesten geschrieen - haben: „Die rumänischen Juden sollen nicht auswandern, sondern zu Hause bl-iben!" Jetzt ist es an uns, der Alliance zu helfen, die rumänischen Juden in Rumänien selbst zu unterstützen. Es ist sehr wohlfeil, über das traurige Schicksal der rumänischen Glaubensgenossen betrübt zu sein. llein der Amerikaner würde mit dem Sammelteller in der Hand fragen: Wieviel sind Sie betrübt?" Ich gebe zu, man wird bei uns sehr in lnspruch genommen. Aber diese Inanspruchnahme hindert doch manche on uns nicht, großen Luxus und Extravaganzen sich zu leisten." Bei er darauffolgenden Wahl von 24 Vorstandsmitgliedern wurden die iSherigen Inhaber der Aemter wiedergewählt.