Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 28 (19.7.1901)
- Date
- 1901-07-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 28. Die Wahrheit. 'öeite 5. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass der Ritualmordwahn in derselben Zeit aufgetaucht ist wie der Hexenwahn, und dass beide gar manches miteinander gemein haben. Um daher insbesondere die Bekenntniße der wegen Ritualmords angeklagten nach ihrem wahren Werthe abznschätzen, müssen wir uns bei der Benrtheilung derselben vor Angen halten, worin die Folter bestand, und wenn wir die Acten des Trienter Processes lesen, sind es auch genau dieselben Folterqnalen, denen sich die des! Ritualmords angeklagten Juden unterziehen mussten. Wenn wir '.nun gerecht sein wollen, dürfen wir nicht eine doppelte! Wage haben, um auf der einen den Wer^h der Bekenntniße abznwägen, die von den der Hexerei angeschuldigten Christen i abgelegt worden sind, und auf der anderen den Werth sener! Bekenntniße, welche die wegen Ritualmords angeklagten Inden abgelegt haben. Von den beiderseitigen Bekenntnißen müssen; wir behaupten, dass sie keinen Werth haben, und wer die der! Hexerei angeklagten Christen trotz ihrer Geständniße für unj schuldig hält, muß auch die des Ritualmords angeklagten Inden! für unschuldig erklären, trotz der Bekenntniße, die man ihnen j ansgepresst hat. 1 Gott sei es gedankt, dass die Folter beseitigt ist, und dass auch keine Hexenprocesse mehr geführt werden. Denn wenn j auch manche Processe als Hs-xenprocesse bezeichnet werden, so! tragen dieselben doch mehr zur Unterhaltung bei als zum Schmerz, I weil wir kein rechtes Mitleid mit den dummen Menschen haben! können, deren Aberglaube von Schwindlern und Betrügern in j raffinierter Weiseausgebeutet wird. Uud wenn auch in gar > mancher Gemeinden da und dort noch eine Frau gefunden wird,; die großen Kummer und Schmerz in ihrem Herzen deswegen! tragen muß, weil sie von dem Aberglauben ihrer Mitmenschen! als eine Hexe angesehen wird, so wird sie doch nicht als Hexe! öffentlich angeklagt, weil diejenigen, welche die Anklage erheben wollten, sich vor dem Spott und der allgemeinen Verachtung fürchten, die sie durch eine solche Anklage an sich ziehen würden. I Mit dem Aberglauben der Hexerei ist auch ein anderer ' Aberglaube verschwunden, der im Mittelalter vielen Tausenden; von Unschuldigen den Tod gebracht hat. Es ist der Aberglaube j der Brunnenvergiftung, der für die Inden wie der Aberglaube! des Nilnalmords eine Quelle schwerer Leiden war. Es war im! Jahre 1348, als das Volk in Deutschland über die Juden herfiel uud in allen deutschen Städten, mit Ansnahme von Heidelberg und Regensburg, unzählige Juden ermordete. Man sagte ihnen nach, dass sie aus giftigen Pflanzen, Menschenllnt Urin und einer Hostie Gift bereiteten, welches in einem Beutel - bewahrt, in die Brunnen geworfen werde. Dadurch sollen die Juden die furchtbare»» Seuchen der damaligen Zeit herbeigeführt! haben. Die Päpste waren es, welche damals, wie gegen den Ritualmord, auch gegen die Brunnenvergiftung die Juden in Schutz nahmen und, erhaben über die Vorurrheile ihrer Zeit, die Aerzte unterstützten, die mit natürlichen Mitteln die Verbreitung der Pest zu verhindern suchten. Gegenwärtig dürste es kaum einen vernünftigen Menschen geben, der bei dem Ausbruche der Cholera oder einer ansteckenden Krankheit als Ursache derselben die Vergiftung der Brunnen durch die Juden bezeichuete; man würde einen solchen Menschen reis halten für das Irrenhaus. Und wem haben wir es zu dauken, dass die unseligen Hexenprozesse mit ihrem Jammer und der Wahn der Brunnenvergiftung durch die Inden verschwunden sind? Die ■ Wahrheit ist es, der wir zum Danke hier verpflichtet sind, denn sie ist es, welche ihre Fackel auch in die ärmsten, entlegensten Landgemeinden leuchten lässt und Aufklärung überall verbreitet. Schon die Kinder in unseren Schulen wissen es, dass das Wetter nicht von alten oder jungen Weibern gemacht wird, denen man nachsagt, dass sie einen Bund mit dem bösen Feinde geschlossen hätten, sondern auf Gesetzen beruht, die Gott Un die Natur gelegt hat, mib dass die ansteckenden Krankheiten und Seuchen nicht von Brunnen kommen, die von den Juden vergiftet sind, sondern ganz andere Ursachen haben, die man früher allerdings nicht kannte. Wo die Fackel der Wahrheit leuchtet, müssen die Wahngebilde des Aberglaubens verschwinden, in ihr Nichts zerfließen. Es wird darum auch die Zeit kommen, und sie ist gewiss nicht mehr fern, in welcher auch der Wahn des Ritualmordes sich vor der Fackel der Wahrheit nicht mehr halten kann. Wenn er auch gerade in unserer Zeit sein Haupt hoch erhoben hat, und die Fälle sich mehrten, die für Ritualmorde ausgegeben wurden; wenn auch in Büchern und Zeitschriften in Vorurtheilen befangene und von Leidenschaften verblendete Männer sich Mühe gegeben haben, den Nachweis zu liefern, dass der Ritualmord kein Wahngebilde, sondern eine geschichtliche Thatsache, und ein Gebrauch sei, der in den heiligen Schriften der Juden seine Begründung habe, ^vor der Fackel der Wissenschaft können auch diese Anklagen gegen die Juden wegen Ritnalmordes nicht bestehen, sie erscheinen in ihrem Lichte als das, was sie in Wahrheit sind: Borurtheile, Jrrthümer oder Judenhass. Das wissenschaftliche Mäntelchen, das man dem Ritualmord ningehängt hat, ist ihm bereils wieder abgenommen worden, und nachdem die Wahrheit ihre Fackel in die alten Archive hinein - leuchten ließ, hat der Ritnalmord auch keinen geschichtlichen Boden mehr. Bald wird man sich allgemein wundern und es; beklagen, dass, wie dem Hexenwahn und dem Wahne der Brunnengiftung, auch dem Wählte des Ritualmordes so viele Tausende zum Opfer sielen und irnschllldig sterben mussten. (Fortsetzung folgt.) lieber die Erlösung des Iudenthums. Wir haben jüngst in diesem Blatte mit einem Hinweis ans die Persönlichkeit des Autors der Broschüre Gustav Levinsteins : „Ueber die Erlösung des Judenthums" flüchtige Erwähnung gethan und sind nun heute in der angenehmen Lage, den Inhalt derselben eingehender zu würdigen. Ein Jude, Benedictas Levita, veröffentlichte vor einiger Zeit eine Abhandlung unter dem Titel: „Die Erlösung des Judenthums", welche in den gebildeten Kreisen Deutschlands Aussehen erregte und in den „Preußischen Jahrbüchern" Ausnahme gefunden hat. Der Verfasser glaubt den Schlüssel zur Lösung der Judenfrage gefunden zu haben: „Der ewige Jude stirbr. Unsere Kinder werden Christen." Zu diesem Schlüsse kommt Benedictus Levita, nachdem er in einem früheren Abschnitte erklärt hat: „Christen können wir nicht werden. Was aber nun? Wir dürsten nach Religion, wir glauben sie gesunden zu haben im Christenthum, wir sind ihm ganz nahe und können doch nicht zu ihm hinüber. Eine Formel, ein Blatt Papier trennt uns von ihm." Welche Formel meint Levita, welches Blatt Papier? Er kann sich mit nichts anderem als dem jüdischen Dogma vom einzigen, unsichtbaren und unvorstellbaren Gotte befreunden; er perhorrescirt mit Energie die Dogmen des Christenthnms, insbesondere die Trinität, und doch lässt er seine Kinder taufen. Warum V Ans zweierlei Gründen: Der erste ist ein reiw materieller. Um seinen Kindern die Gunst der christlichen Mitschüler zu gewinnen, damit sie tveiters Corvsflu'oenten, Osiiciere, Staatsbeamte rc. werden können, müssen sie durch die Taufe dem Dentschthum näher gebracht werden. Der zweite Grund ist ein idealer: „Wir haben entschieden religiöse Bedürsniße: das Bedürfnis, über diese Eroenwelt hinauszndenken, das Bedürfnis, einem sittlichen Ideale iiachznslreben." Endlich versteigt sich Benedictus Levita zu dem Satze: „Der große Rechtsbruch! der Kreuzigung wird heimgesncht am tausendsten Glied. Es! rächt sich furchtbar an uns der Ruf unserer Vorfahren: „Sein j Blut komme über uns und unsere Kinder." > Diesen sich widersprechenden Anschauungen, welche eclarant documentiren, dass Levita das wahre Wesen des Judenthums nicht kennt, tritt nun Gustav Levinstein in feinet' Erwiderung: „Ueber die Erlösung des Iudenthums" mit großer Schärfe entgegen. Seinem Gegner Schritt für Schritt die Unhaltbarkeit seiner Deductionen nachweisend, wendet er sich auch mit gerechter Erbitterung gegen die Zumnthung, die Kreuzigung habe durch die Juden stattgefunden und schreibt hierüber folgendes: „Wir wissen heute noch nicht, ob es Juden waren, die Jesus;nm