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Die Wahrheit · 1901-07-12 · Heft 27 (12.7.1901) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 27 (12.7.1901)
Date
1901-07-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Eeite 6. Die Wahrheit. Nr. 27. Gemeinden, Körperschaften und Vereine wetteiferten geradezu miteinander in der Creirung humanitärer Institutionen und Wohlsahrtseinrichtungen, die im Sinne des erlauchten Herrschers de» von Noth, Krankheit und Missgeschick Heimgesuchten, den Enterbten des Glückes und der Gesellschaft Hilfe, Trost und Linderung in ihren Leiden bringen und sie rechtzeitig Dor Elend und Untergang bewahren sollen. Dass auch die Judenschast der Monarchie, wie bei jeglichem Anlässe, in ihrer oftbewiesenen uud selbst an höchster Stelle vielfach anerkannten Gesiunungstreue und Loyalität zu Thron und Dynastie, auch an diesem Huldigungsacte regen, innigen Autheil nahm und den Intentionen des alleredelsten Jubilars gemäß, zahlreiche Werke der Humanität und Nächstenliebe in's Leben rief, ist ohnehin zur Genüge bekannt und bedarf wohl nicht des Weiteren commentirt zu werden. Der Zweck dieser Zeilen ist vielmehr, einer Institution, die ihre Gründung gleichfalls dem freudigen Ereignisse des Negierungsjubiläums zu verdanken hat, deren Fertigstellung und Uebergabe jedoch aus baulichen Gründen bis in die jüngste Zeit sich verzögert, das Wort zu reden und die öffentliche Aufmerksamkeit zuzuwenden. Es ist dies das durch die Opserwilligkeit des Vorstandes der Wiener israel. Cnltusgemeinde und die Munificenz hochherziger Gemeindemitglieder und der unvergesslichen Baronin Hirsch geschaffene Siechenhaus, jene Anstalt, die dazu bestimmt ist, unseren armen, kranken, unheilbaren Glaubensgenossen in ihrer schweren Bedrängnis ein ruhiges, gastliches Heim und eine sorgfältige, liebevolle Pflegestätte zu bieten. Wohl ist der Werdegang dieses der Nächstenliebe und Barmherzigkeit geweihten Hauses erst anlässlich der vor Kurzem stattgehabten Einweihung von maßgebender Seite mit beredten Worten geschildert worden, allein die hohe Bedeutung, die diesem rein menschlichem Nähren und Empfinden entsprungenem Musterwerke innewohnt, und der Umstand, dass dieser Tage die ersten Pfleglinge, diese Aermsten der Armen, diel Auserlesensten der Mitleidswürdigen ihren Einzug in die Anstalt halten werden, geben uns Anlass, die baulichen und administrativen Einrichtungen desselben noch einmal eingehender zu erörtern. In der Seegasse, einer stillen, geräuschlosen, abseits vom Getriebe und Getümmel der Großstadt liegenden Verkehrsader des 9. Bezirkes, dort, wo viele Dezennien hindurch das Israel. Hospital sich befand und an dessen Stelle im Jahre 1890 das Alterversorgungshaus erstand, hat auch das neueröffnete Siecheuhaus seinen Platz gefunden; dort erhebt sich der imposante Zubau. um mit dem stolzen Bewusstsein, der Menschenliebe gewidmet zu sein, dem nachbarlichen Schwesterinstitute sich ebenbürtig anzugliedern. Ist man durch das Vestibüle iu das Hochparterre des im neuesten Style der italienischen Nenaissance aufgesührten dreistöckigen Versorgungshauses getreten, so begrüßen den Besucher die wolgelungeue Marmorbüste Sr. Majestät des Kaisers, sowie zahlreiche Jnschristentafeln, aus denen in goldener Lettern der Grüuduugsaulass, sowie die Namen der Persönlichkeiten verzeichnet sind, die an der Gründung der Anstalt und am Ausbau uud an der Vollendung derselben hervorragenden Autheil genommen haben. Es muthel einen fast wie ein Lied jaus alter Zeit an, wenn man die Namen der Eultnsvorfteher und Mitglieder des Baucomit«s liest, die damals sungirten, als die Gründung des Altersversorgungshanses beschlossen wurde. Ein Theil dieser verdienstvollen Männer ist ans dem Leben geschieden, andere haben sich zurückgezogen. Präsident der Cultusgemeinde war zu jener Zeit Arminio Cohn, Obmann des Baucomitos Emanuel Baumgarten. Vom Vestibüle aus gelangt man durch einen Corridor zu den im Parterre gelegenen und über das Stiegenhans zu den in den Stockwerken des rechtseitigen Znbaues befindlichen Abtheilungen des Siechenhauses. Die zur Ausnahme der Pflegilinge bestimmten, geräumigen und lichten, mit allen Errungenschaften der modernen Technik und Hygiene ausgestatteten .Säle, die in blendenweißem Linnen erstrahlenden, comfortabal eingerichteten Betten und zahlreiche zur besonderen Bequemlichkeit der Kranken dienende Utensilien wirken überaus wohlthuend auf den. Besucher ein, der den EindruckUgewinnen muß,jdass die Insassen der Anstalt hier wirklich liebevolle und aufopfernde Pflege finden werden. Angrenzend an die großen Säle befinden sich vortheilhast installirte Wasch-, Toilette- und Garderobezimmer. Unmittelbaren Anschluss an die Krankensäle haben auch die Wohnräume des Wartepersonals, und es ist die Vorkehrung getroffen, dass sämmtliche Patienten von ihrem Lager aus mittelst des daselbst angebrachten Telegraphentasters die in ihren Wohnränmen weilenden Wärterinnen avisiren können. Für außergewöhnliche Pfleglinge sind in der Nähe der Hauptsäle einzelne Extrazimmer eingerichtet,-während in vorschriftsmäßiger Entfernung von den Krankenränmen sogenannte Jsolirzimmer sich befinden, die vorkommenden Falles ausschließlich für infectiöse Krauheiteu reservirt sind. Die übrigen Verwaltungsräume der nunmehrigen Doppelanstalt werden künftighin, sofern sich das als Bedürfnis erweist, den gemeinsamen Zwecken dienen. Und zwar: im Paterre links die Haus- und Aufnahmskanzlei, die angrenzende Anstaltsbibliothek, die eine reichhaltige Büchersammlung aufweist; nebenan die Wohnung des Verwalters Koditschek, der in dieser Eigenschaft gemeinsam mit seiner Gattin bereits seit zehn Jehren in verdienstvoller Weise die Anstalt verwaltet. Im ersten und zweiten Stockwerke sind die Wohnungen der Versorgungsinsassen untergebracht, in letzterem befindet sich auch ein geräumiger, geschmackvoll decorirter Betsaal, die sogenannte Haussynagoge, an der sich die durch eine zerlegbare Wand getrennte Lesehalle anschließt. Ein Theil des dritten Stockwerkes enthält den Wohnraum des ständigen Hausarztes, während der andere weitaus größere Theil eine Anzahl ein- und zweifenstrige Zimmer umfasst, die für die eventuell nothivendige Erweiterung des Belegraumes reservirt sinv. Das Souterrain, das gegen den Hofraum als Parterre erscheint uud vollkommen trocken und bewohnbar ist, enthält die geräumige, nach ritueller Vorschrift in zwei Theile gesonderte Anstalts-Küche, von welcher die Speisen mittest Aufzug in sämmtliche Stockwerke befördert werden; anschließend an die Küche befindet sich ein mit einem Warmwasser-Apparat ausgestatteter Spülraum, eine Speisekammer, Holz- und Gemüsekeller, sodann die Portierswohnnng, ein Bettendepot; einen Dampsheizungs-Aapparat, der, sämmtliche Räume des Hauses mit Wärme versieht, einen Desinsectionsraum, eine Waschküche, Dienstbotenzimmer, sowie Badezimmer für Männer und Frauen uud verschiedene Depöträume. An den rückwärtigen Theil des Gebäudes stoßt ein ziemlich ausgedehnter Hausgarten, der mir seinen dichtbelaubten, schattenspendenden Bäumen, mit seinen blumenbesetzten und wohlgepflegten Beeten und 'den mit feinem Kiesel bestreuten Gehwegen auf das Auge anmuthig und erquickend wirkt, während der angrenzende, aus dem 15. Jahrhundert stammende, mit größentheils noch guterhaltenen Grabsteinen bedeckte Friedhof der ganzen Scenerie ein ernstes, weihevolles und historisches Relief verleiht. Bevor wir das Haus durch das Vestibüle des Siechenhauses, das gleichfalls mit marmornen Gedenktafeln — deren eine die Namen des gegenwärtigen Cultusvorstandes der Nachwelt überliefert — geschmückt ist, verlassen, müssen wir noch des Damencomitos und der Versorgungshaus-Commision, besonders aber der unermüdlichen Obmännin, Frau Diamant, und des -rastlos wirkenden Herrn Oberingenieur Edler von Mises Erwähnung thun, die einen hervorrgenden Autheil an der mustergültigen Verwaltung dieser Anstalt nehmen. Und so wäre es denn dem Vorstande der Wiener Cultusgemeinde im Vereine mit edelgesinnten Menschenfreunden gelungen, zur bleibenden Erinnerung an das 50jährige Regierungs-Jubiläum unseres Kaisers das große Doppelwerk der Humanität und Nächstenliebe, das der Menschheit zum Wöhle,- der Gemeinde, der Stadt und dem Lande zur Ehre und Zierde gereicht, zu vollenden, und im Anschluß an die Versorgungsanstalt auch noch jene Stätte zu errichten, woselbst arme sieche uud unheilbare, Glaubensgenossen Aufnahme, durch sorgfältige Pflege Linderung ihrer

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