Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 27 (12.7.1901)
- Date
- 1901-07-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr 27. Die Wahrheit. Seite 6. Juden nie aufhören würden, als Volk zu bestehen, nicht -etwa als Religionsgemeinschaft, sondern als Nation, im Gegensätze zu anderen Nationen, die im Laufe der Zeit untergehen würden. Demgemäß beten auch die heutigen Juden zum Gott ihrer Väter, bekennen vor ihm und danken ihm, dass er sie auserwählt von allen anderen Völkern. Beten, dass Gott sie sammeln möge von allen Enden der Erde und sie hei m - führe in ihr Land ("Lirr>2 j?pri) und dass Gott dann nach Jerusalem zurückkehren möge und der alte Cult daselbst wieder erstehe. Von Jerusalem aus würde dann Gott über «lle Menschen herrschen und sie zur Gerechtigkeit und Liebe' anhalten — Gott werde einzig sein und sein Name einzig! Nirgends ist auch nur eine Spur davon zu entdecken, dass die Juden ihre Nationalität aufgegeben hätten, oder auch nur glaubten, dass die Verschiedenheit unter den. anderen Nationen aushören würden. Verbinden sollen sich alle in Frieden, nicht aber miteinander verschmelzen! Freilich nannten sich die Juden in den verschiedenen Ländern eben nach diesen Ländern, deutsche, französische Inden u. s. w., ebenso wie sie sich nach Provinzen und Städten nannten, z. B. Schlesinger, Hamburger-, Berliner. Es ist aber den Inden nie eingefallen, sich zur deutschen, schlesischen oder Hamburger Nation zu zählen! Jeder Jude, der seine Thora kannte und seine Gebete mit Andacht verrichtete, wusste, dass er ein Nachkomme der Patriarchen sei und hoffte für sich oder seine Nachkommen die Rückkehr in das Land der Väter. Erst als man den Juden in einzelnen Ländern die Gleich« berechtigung verlieh und man dann wieder anfing, diese Gleichberechtigung ihnen streitig zu machen, da sagten die Juden zu den andern Völkern: Warum sollen wir unter anderen Gesetzen leben? Sprechen wir nicht eure Sprache? Dienen wir nicht in eurem Heere? Zahlen wir nicht dieselben Steuern wie Ihr? Wir gleichen Euch in allem und jedem! — Wir haben eine andere Religion? Was geht den Staat die Religion an?! Den Gedanken, dass die Juden die gleichen Pflichten erfüllen wie die Deutschen und nur in der Religion sich von ihnen unterscheiden, drückten manche so ans, dass sie sagten: Die Juden in Deutschland gleichen in allem den Deutschen, sind auch wirklich Deutsche, — nur mosaischer Cousessiou! Es wäre aber geradezu lächerlich zu behaupten, dass etwa ein Moses Mendelsohn, trotz seiner deutschen Bildung, sich nicht als Glied der jüdischen Nation gefühlt hätte! Warum sollte auch ein Jude jüdischer Nationalität nicht gut deutsch sprechen? . . . Allerdings, „als Israel fett geworden, da schlug es aus der Art."' Die wohlhabenden Juden des Westens, die sich ihrer Religion entfremdet haben, ihre Thora nicht mehr kannten, ihre Gebete nicht mehr verstanden, verloren nach und nach das Bewusstsein ihres Ursprungs, blieben Juden oft nur solange, als sich keine Veranlassung bot, den Juden abzulegen. Und wenn sie auch den Namen »Jude" beibehielten, so geschah es in ihren Augen doch nur, weil sie noch nicht Christen heißen konnten! Und merkwürdig! wenn man einen solchen Juden fragte: Wieso bist du Jude? Da antwortete er: Nur in Bezug auf die Religion! — Und von dieser Religion hatte er keine blasse Ahnung! Da kamen die Zionisten. Sie erinnerten die Inden, dass sie eben nicht nur „inbezug auf die Religion" Juden sind, sondern auch inbezug auf ihren Ursprung: sie gehörten zur jüdischen Nation! Darüber große Entrüstung im Lager der modernen Juden. Denn was werden die Antisemiten sagen, wenn die Juden selber sich nicht mehr für Arier hielten? Schrecklich! Diesen entrüsteten Juden kam Herr Oberrabbiner Doctor Güdemann, vielleicht unbewusst und gegen seinen Willen, mit seiner Broschüre „Nationaljudenthnm" zu Hilfe. Mit Vernachlässigung der geradezu zahllosen Stellen in Bibel und Gebetbuch, die nicht nur von der Ewigkeit der jüdischen Nation, sondern auch vom Nationalstolz — natürlich im edlen Sinne — vom Bewusstsein der nationalen Bevorzugung vor anderen Nationen sprechen, betonte der Herr Oberrabbiner nur daA religiöse Moment des Judenthums und leugnete seine Nationalität. Selbst Jeremia soll den Juden in Babylon bedeutet haben, sich als Babylonier zu betrachten (Seite 41) — derselbe Jeremia, der die Worte gesprochen: »Es werden Tage kommen, ist der Spruch des Ewigen, da wird man nicht mehr sprechen: So wahr der Ewige lebt, der die Kinder ^Israels aus dem Lande Aegypten herausgeführt. Sondern: So wahr der Ewige lebt, der heraufgesührt und gebracht den Samen des Hauses Israels aus dem Nordlande (Babylon) und ans allen Ländern, wohin ich sie verstoßen, und sie werden wohnen auf ihrem Boden" (23, 7 —8)! Dass die Juden wirklich gemäß den Worten Jeremias Babylonien verließen, in ihr Land heimkehrten und nationale und politische Selbständigkeit wiedererlaugten, das nennt Güdemann ein — Nessushemd (Seite 26)! Sonderbarerweise trauern aber die Juden um den Verlust dieses Nessushemdes und beten alltäglich im Tempel und Haus (Tischgebet!) um Rückkehr nach Zion und um Erhaltung der nationalen Selbständigkeit. Sehnen sich denn die Inden gar so sehr nach dem Nessushemde? Bewahre! »Zion galt und gilt den Juden als das Symbol ihrer eigenen, aber auch der die ganze Menschheit umsassenden Zukunft. In diesem, nichts weniger als nationalen Sinne ist auch die Bitte um Rückkehr nach Zion i u u n sere u Gebeten z u. verstehen (41)." Unmittelbar nach dem Nationaljudenthum (Ende Sommer! 1897) schrieb nun Lector Friedmann eine hebräische Abhandlung, über die jüdische Nationalität und stellte sich aus Grund der Thora und der Propheten im schroffsten Gegensatz zu Güdemann, ohne ihn freilich zu nennen, vielleicht weil es überflüssig war. Jedenfalls führte Friedmann eine scharfe Polemik gegen die Anschauung, dass die Juden keine Nation und dass ihre Bitten um Zion nur symbolisch zu verstehen wären. Als ich nun die Ab-! Handlung Friedmann's bearbeitete, glaubte ich es den Lesern schuldig! zn sein, wenigstens kurz ans Güdemann's »Nationaljudenthnm"! hinzuweisen. Dass Güdemann seinerzeit für die Beibehaltung! jener Gebete eiugetreten ist, wusste ich nicht. Mir war nur l sein „Nationaljudenthnm" bekannt, und aus dieses hingewiesen i zu haben, ich bekenne es, ist einzig. und allein — mein | Verbrechen!*) Dr. Kahan, Znaim. Das Ziechenhaus der Wiener Cultusgemeinde. „Es i st mein W u n s ch, d a s s d i e l o y a l e Gesinnung meiner Völker bei d i e s e m Anla s s e! d n r ch die Gründung humaner, gemeinnütziger! W e r k e z u m A u s d r n ck gelange." So geruhte unser! erhabener Monarch sich zu äußern, als im Jahre 1893, an-! lässlich der bevorgestanvenen sünszigsten Jahreswende seiner l Negierung, die Bevölkerung des Reiches voll Eifer und Begeisterung zu patriotischen Kundgebungen und festlichen Beranstaltllngen sich rüstete. Und in der Thal fiel der den edelsten Motiven entsprungene Wunsch des Herrschers aus fruchtbaren Boden und förderte heil- und segenbringende Schöpfungen. *) In Folge verspäteten Einlangens des Manuscriptes konnte die obige Erwiderung Dr. Kahan's auf das in Nr. 25 unseres Blattes enthaltene ..Eingesendet" des Herrn Lector M. Friedmann erst in der dieswöchentlichen Nummer veröffentlicht werden. Trotzdem uns dieselbe zu umfangreich schien und namentlich die einleitenden Ausführungen den Rahmen einer Berichtigung weit überschreiten, konnten wir uns dennoch nicht entschließen, Herrn Dr. Kahan das Wort abzuschneiden, und dies um so weniger, als uns die Beziehung Friedmann's aus die seinerzeit gehaltene Predigt des Herrn Oberrabbiner Dr. Güdemann ganz unlogisch erscheint. Anlässlich dieser Controverse haben wir Dr. Güdemann's „Nationaljudenthum" aufmerksam durchgelesen und müssen constatiren, dass zwischen den in'den angezogenen Predigten niederlegten Anschauungen, die gewiss heute noch von Vielen gebilligt, von Anderen vielleicht angesochten werden, und den Ausführungen im „Nationaljudenthum" ein Widerspruch zu liegen scheint. Entweder hat HerrOberrabbiner Dr. Güdemann denffrüheren Standpunkt aufgegeben —triftige Gründe sprechen wol dagegen — oder aber er hat im „Nationaljudenthum" Behauptungen aufgestellt, die sich mit jenem Standpunkte ^nicht vereinbaren lassen. „Erkläre mir Gras Oerindur-Die Redaction.