Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 26 (5.7.1901)
- Date
- 1901-07-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Hesterr.-ungar. Gantoren-Zeitung. Nr. 26. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." '21. Iahrg. Kollegen! Mertanget in allen ßafes nnd Restaurationen Ln Wien und der Urvvinz „Me Wahrheit". H. Weintraub und seine „Tempelgesänge". Von Ed. Birnbaum, Königsberg. (Fortsetzung.) In ähnlichem Sinne spricht sich Steinschneider über den „polnischen Synagogengesang" abfällig aus (Jüd. Litteratur, hebr. Ausgabe, Warschau, 1897, p. 226). Bezüglich seiner hohen Meinung vor dem „s e p h a r b i s ch e n Synagogengesang", den er dort dem polnischen gegenüberstellt, möchte ich hier bloß auf I. Nathan's »LlrwurAia“ (London, 1836, p. 107, Anm. 1) Hinweisen, woselbst im Gegentheil gesagt wird — nnd Nathan war ein hervorragender Kenner auf diesem Gebiete — die spanischen Inden hätten ihren Ansvruch aus Originalität vielfach dadurch verwirkt, dass sie in den letzten zwei Jahrhunderten gelegentlich die Hilfe moderner Componisten angenommen haben; ein Gesichtspunkt, der schon darum volle Beachtung verdient, weil die Spaniolen gar leicht geneigt sind, alles, was sie singen, mit dem Nimbus des Traditionellen und Heiligen zu umgeben, obgleich so manche dieser Gesänge einen nichts weniger als heiligen Ursprung haben. Ich selber kann in dieser Beziehung mit genügendem Material aufwarten. So fand ich die arabische (mohammedanische) Urschrift eines von Immanuel N ecchi (Livorno) mitgetheilteu „traditionellen" Gesanges bei L a b o r d e wieder, und auch L i d a r t i (Amsterdam), über den ich in der „Jüd. Presse" 1899. Nr. 3, berichtete, scheint, wie ich nachträglich erfahren habe, kein Jude gewesen zu sein (das A. F. hinter seinem Namen soll nämlich Academico Filarmonico bedeuten, und als Jude dürste er diese Würde nicht erlangt haben), und doch werden seine Gesänge in der portugiesischen Synagoge letztgenannter Stadt „laut Tradition" an besonders ausgezeichneten Sabbathen nnd Feiertagen (r!"Ü iien: 'tP 'tr) mit einer Weihe gesungen, als rührten sie von dem sangeskundigen Tanai'ten Nab her. Doch hierüber ein andermal. Kehren wir zu den „Polen" zurück, so lässt sich der Einfluss, den das Nomadenleben ihrer Chafanim auch auf den musikalischen Ausbau des „h o ch d e u t f ch e n" (asclikenasischen) Ritus gewann, bis in das 17. Jahrhundert zurück verfolgen. Man vergleiche beispielsweise den Bericht in den „Memoiren" der G lü ck e l v o n H am e l u (1645—1719) S. 325 mit dem Wortlaut des Buchilaben in dem ,,Neuen Klagelied" (dem Titel nach auch von D. Kaufmann a. a. O. p. 327, Note angeführt): p-^px' n vx tsm x't pn nnot? wa * * •J'S® nineo (= Nzeßow) xtpn p"pi nnar xn td pTxn arx iSn nxa : pbx xn x"2 Dabei ist wohl zu beachten, dass der Gastvortrag dieses „Polacco“ am zweiten Tage des Wochenfestes in der Hauptsynagoge einer der ältesten Gemeinden mit hochdeutschem Ritus, in dem berühmten Metz, statt halte. Ganz treffend schildert auch Naumbourg (in „ Aguddath Schirim“) den „polnischen Synagogengesang", indem er schreibt: „Der polnische Stil herrschte in allen Synagogen vor. Im Allgemeinen war die Art der Stimme der Chasanim der Tenor. Es kam häufig vor, dass die Cantoren weite Reisen umer- . nahmen, in der Absicht, ihre Studien zu^vervollkommen oder ihr Talent zu zeigen. Fast immer von einem jungest Knaben mit einer Sopranstimme und von einem Sänger, der eine tiefe Baßstimme besaß, begleitet, . . . führten diese Cantoren ein Wanderleben bis zu dem Tage, wo sie eine offene Stelle eines Chasaus erhielten . . . Trotz seiner Fremdartigkeit, Seltenheit, ja sogar seiner Zusammenhanglosigkeit, war dieser Gesang oft merkwürdig und ries die Bewunderung der frommen Zuhörerhervor." „D i e G e s a n g a r t", so schließt auch Naumbourg. seine Betrachtung, „entspricht aber n i ch t m e h r d e in G e s ch m a cke u n s e r e r Z e i t" *). Noch treffender — und damit wollen wir dieses Gebieb verlassen — spricht sich der verstorbene F r i e d in a n n - B ud a p e st, ein gediegener Kenner des „polnischen Synagogengesanges" in seinem Artikel: „Polnisch-Singen" (Ung. Beamtenzeitung vom Juli 1883 S. 12) aus: „ ... Es ist eine sonderbare Erscheinung, dass der jüdische Gesang gerade in Polen nicht schön, mindestens nicht ä st h e t i s ch sHön gesungen wird. Die einfach schöne, plastisch ausgevrägte, zum Herzen sprechende Melodie findet dort keine Empfänglichkeit, und so wird sie, die Melodie, durch allzuviele Schnörkel, durch Hypelkünstelei undunartige Vortragsweise so corrumpirt, dass sie für das gebildete Ohr nicht genießbar ist." Er kommt dann zu dem Resultat — und da zeigt sich der große Fachmann : „Wie Vieles im Judenthum, so ist auch die Pflege und Cnltivirnng, die Verbesserung und Veredlung des Synägogengesanges unserer Zeit der Cultur Vorbehalten geblieben. Ich sage: Verbesserung und Veredlung, denn nicht nur die Bezeichnung „polnisch" ist falsch, sondern auch die Auffassung und Benrtheilnng des Wesens, der Beschaffenheit und der Eigenthümlichkeit unserer Gesangsweisen sind ganz unrichtig. Man hat sich an den Begriff gewöhnt, dass wenn man in einer Molltonart und mit Koloratur singt, so ist das jüdischer Gesang. Weit gefehlt. Ganz andere Momente wirken mit, um die Charakteristik hervorzubringen r es ist der Skalenbau, das Jntervallenverhältnis, das Originelle der Melodie, die Eigenthümlichkeit in Rhythmus iuid Form: Das Alles zusammen maltifestirt den jüdischen Typus." — Und da hinaus wollte auch ich, als ich der Fragenach dem Wert he des „polnischen Synagogengesanges" nicht answeichen konnte. Erblickt man aber in demselben ein Gepräge „j ü d i s ch e n", nicht uationalslavischen Charakters, wie es Breslauer in seiner verfehlten Schrift darlhnn will, so muss man doch logifcherweise auch nach dem Ursprung dieses Gepräges fragen. Und da lässt sich nur, entsprechend' der Entwickelungsgeschichte unserer ganzen Liturgik, die auf Byzanz hinführt, auf ein s y r och e l l e n i s ch e s System zurückgreifen. Wenn obendrein der größte Historiker unserer Zeit, Gevaert a. a. O. seftstcllt, dass nach dem Untergange des weströmischen Reiches (547) die Kenntnis der alten musikalischen Kunst verschwand und man theils Traditionelles, theils Selbsterdachles, jedoch ohne Theorie, sang und spielte, so trifft das offensichtlich nicht minder ans die zeitgenössische Musiknbung der Juden und ihren Synagogengesang zu, über dessen Ursprung ich 1894 in Rahmer's Lilteraturblatt (Nr. 39, 40) mich des Attsführlicheir vernehmen ließ. An Ort und Stelle habe ich quellenmäßig nachgewiesen, dass das Gesammt - Chasanuth einen der angesehensten Geonim, den blinden R. Iehudai G a o n (759—764 Rektor der Hochschule zu Sura) zu seinem Patron hatte und das Geheimnis der Lebenskraft all der alten Tonweisen auf die starke Autorität dieses Gaon zurückzuführen sei. Dieser historischen Thatsache von größter Wichtigkeit kann noch hinzugesügt werden, dass ein *) lieber die zünftigen flMeBchorerim“ habe ich mich in dem Auf, satz „Wolf Baß von Proßnitz" („Oesterr. Wochenschrift" 1894* Nr. 47) geäußert.