Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 26 (5.7.1901)
- Date
- 1901-07-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 Die Wahrheit. Seite 9. Halbes Jahrhundert zuvor Sergius,L, der übrigens von einem lyrischen Vater abstammte, einen gleichen Einfluss auf die Erhaltung traditionellen Kirchengesanges in Rom ausübte, ein Umstand, der für den Kenner jüdischer Geschichte nich ohne Bedeutung uns Werth ist. fyn. Zur Bekräftigung meiner historischen Ansicht sei mir gestattet, noch die Thatsache anzuführen, dass wir unverkennbare R e st e s y r o - h e l l e n i s ch e n T o n w e s e n s noch in manchen Bezeichnungen der Massora finden. So bedeutet «vü'iv. von welchem Elia Levita noch fagt: drin nrso jnr tsi "jrijn rr nichts weiter als das Jnterwall der Sext, nach welchem heute noch jede yxaxi rrpv'v plDB in dem deutsch-polnischen Ritus gekennzeichnet und gesungen wird. (z. B. g g ge c c ag, wajischma Jisroel)*). Auch in der Bezeichnung xp")T oder, wie R. Saadia Gaon und die spanischen Grammatiker schreiben npni, erkenne ich nach der Theorie des Michael Meshaqa aus Damaskus die syrische Bezeichnung des Tones f, in welchem sich unsere Pentateuch- Sarka (— Tschargja bei Kiesewetter, j a r k a bei dem Franzosen Parisot) bewegt. Auch unser rrvVv (vom syr. tzolo xksollito rr?p, einfacher Ton), des Ben-Ascher (syr. N’gido .STM, längerer, verlängerter Ton), bei Ollagg'udooli <syr. Aricho rrI'irr. in derselben Bedemung von ktm), auch Resch-Qolo xSp V'N für den Ririnu8 oder 6irmo8 der Griechen, sind den Juden nicht unbekannt gewesene Bezeichnungen syrischmusikalischen Ursprungs. Ueber die arabisch-persischen werde ich mich an einer anderen Stelle vernehmen lassen. Hier wollte ich blos noch auf den von Parisot veröffentlichten »Rapport" über die syrischen und chaldäischen Gesänge (Paris 1899) Hinweisen, Weil er u. A. auch eine hebräische „Lamentation" des »Sender d e Minsk"' mittheilt, die er sich in Jerusalem bat Vorsingen lassen und in der ich die A h a b a vrmp mSs (2. Strophe) von Sender M i r e r wiedere»kannte, desselben Sender, welchen unser Weintraub in Wilna kennen lernte (S. Nr. 22 dieser Zeitschrift). — Und so kann ich mich wieder dem Verfasser der „Tempelgesänge", und somit meiner eigentlichen Ausgabe Zuweuden. (Fortsetzung folgt.) Das Kaddischgrbet. Von Bernhard Loewentyal. „Kannst Du es auch ganz gewiss?" „Ja, geliebte Mutter." „Sag' es noch einmal, mein Kind!" „Jisgadal wejiskadasch", — und der kleine, kaum sechsjährige Knabe, dem die vollen blonden Locken glänzend in den Macken fielen, sagte das Kaddischgebtt aus — vom Ansang bis zum Ende, ohne Fehler. „Wirst Tu es auch immer sagen, wenn ich nicht mehr -bei Dir bin?" „Gewiss, Mutter, ja, ganz gewiss; aber — Du mußt Lei mir bleiben!" Die bleiche, kranke Frau, mit den tiefliegenden, fieberglänzenden Augen fasste zärtlich die Hand ihres KindeS : »Das liegt in Gottes Hand, mein Sohn, aber brav bleiben mußt Du mein Leben, und wenn man Dir wehe thut und Du mir Dein Leid nicht mehr klagen kannst, dann bete zu Gort, und wenn Du es ernst meinst mit Deinem Gebet, dann wird er Dir Helsen und ich — ich werde dann bei Dir sein." Die letzten Worte kamen nur leise, kaum hörbar von den Lippen der Kranken und erschöpft legte sie sich in die Kissen zurück. Der Kleine hielt noch immer ihre Hand. Sie schien zu schlafen uud als das Kind dies merkte, setzte es sich auf ein *) Vgl. hierzu meine Notitz über v"U2 upv'v in Rahmer's Sitte* raturblatt 1884, Nr. 37, S. 148, Note 2. Ferner: Gesenius, Lehrgebäude 1817, S. 124—25. Tzetzer, Altgriech. Musik in der griech. Kirche, S. 99, letzte Anmerkung, und S. 100, Anmerkung 3. — Phragma oder Phry- -agma soll daselbst an Stelle von Diaphonon oder Paraphonon stehen. niedriges Stühlchen, welches neben dem Bette der Mutter stand, und in feinem Köpfchen arbeitete der Gedanke, weshalb die Mutter so schwer leiden musste und in der letzten Zeit so viel geweint hatte. — Ein Gebet hatte sie ihn gelehrt und er hatte ihr versprechen müssen, dasselbe stets zu sagen, wenn sie nicht mehr bei ihm sein würde. Dabei hatte sie dann noch mehr geschluchzt und seinen Kopf an ihr Herz drückend, hatte sie aufgeseufzt : »Herr, mein Gott, habe Erbarmen, lass' mich bei meinem Kinde, bei meinem Leon!" Natürlich konnte er daS Alles nicht begreifen, als er aber zusehen musste, wie die Thräne» der Murter immer reichlicher stoffen, hatte er sanft seinen Kopf noch fester an ihre Brust gedrückt und mit der Mutter — geweint. Der gute, alte Doctor, welcher in den letzten Tagen so oft gekommen war und ihm einigemal Zuckerstaugen mitgebracht hatte, hatte ihn ermahnt, recht brav zu sein, uud wenn die Mutter schläft, dann soll er hinübergehen zu Frau Perls und solle sie ruien. Daun aber war es besser geworden mit der Mutter. Gestern sogar durste er ihr sein Spielzeug auf's Bett legen, und als er sich über Alles so sehr gefreut harte, schien es dem Kleinen, als ob ein Lächeln um den Mund feines Mütterchens huschte. Jetzt saß er eine Weile ganz still, dann, als die Mutter sich gar nicht bewegte, fragte er sehr leise: »Mütterchen lieb, schläfst Du?" Er merkte nicht, dass die Hand, welche er noch immer in der seinigen hielt, erkaltet war, und dieselbe behutsam auf die Decke legend, fragte er nochmals: „Schläfst Du, Mütterchen?" Er erhielt keine Antwort. Indem er nun ratlos dastand, merkte er nicht, wie die Thür deS kleinen Stübchens sich leisp öffnete und das gutmütige Gesicht der alten Frau PerlS zum Vorschein kam. Als die Nachbarin näher kam, drehte der Kleine sich um: „Scht, Scht, die Mutter schläft," und einen Finger an die rosigen Sippen drückend, fügte er kaum hörbar und die Alte mit seinen Rehaugeu unschuldsvoll anblickend, hinzu: „Mau soll sie nicht wecken." Erschrocken eilte die Nachbarin, die ab und zu nach der Kranken gesehen hatte, au das Bett, und als sie in daS noch immer schöne, jetzt wachsbleiche Gesicht da vor sich sah, unterdrückte sie einen Aufschrei. Der Knabe schaute sie fragend an. — »Ja, die Mutter schläft," sagt Frau Perls, „setz' Dich nieder mein Goldkind und wache bei ihr — weck' sie nicht auf — ich — werde Menschen holen." Der Kleine thal, wie die Alte ihm befohlen. Er setzte sich wieder auf das kleine Stühlchen, welches vor dem Bette der Mutter stand; doch als es so unheimlich still um ihn war, da wurde, es ihm so weh um das kleine Kinderherz — leise begann er zu weine». Als fünf Tage später in der kleinen Synagoge Mincha gebetet wurde, stand neben dem alten Reb Jankcf vor dem! „Omed" ein kleiner blondlockiger Knabe. Schwer wurde es den! ernsten Männern auf der Brust, als es sich glockenhell durch! die heiligen Hallen schwang: „Jisgadal wejiskadasch schemeij rabo", und manche Thräne wurde heimlich zerdrückt. — Einige Tage noch war die kleine Waise das Tagesgespräch in der K'hille, dann aber, es waren kaum einige Wochen vergangen, kümmerte sich Niemand mehr um den kleinen Leon Wild. Man hatte ihn bei Reb Zankes, dem „Bal Tefillah" untergebracht, und damit war die Sache vorläufig erledigt. Was sollte man auch thun — hatte doch jeder mit dem Seinigen zu kämpfen. „Es soll nicht zukommen, bei kein jüdisch Kind!", das war das Einzige, was einer oder der andere unter Umständen über die Sache äußerte, dann wurde es ganz still davon. (Fortsetzung folgt.)