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Die Wahrheit · 1901-07-05 · Heft 26 (5.7.1901) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 26 (5.7.1901)
Date
1901-07-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr 26. Die Wahrheit. Verte f>. Arbeitskräfte würde die erwähnte Liste, über die anzufertigenden Gegenstände, deren Absatz gesichert sein müßte, würden genaue Berathungen mit ehrenhasteil Fachleuten Auskunft geben. Hierbei würden auch Knaben und Mädchen Gelegenheit finden, ein Metier zu erlernen. Von großem Nutzen wäre noch die Errichtung von Buieaux für Arbeitsnachweis; ein hier im vorigen Sommer geschaffenes wirkte sehr segensreich, wurde aber schon nach wenigen Wochen geschlossen, weil nicht genügend Männer -vorhanden waren, die von ihrer Berufsthätigkeit so viel Zeit erübrigen konnten, um sich länger damit zu befassen. Dem betreffenden Delegirten würde es unter gewissen Voraussetzungen leicht gelingen, sowohl hierzu, als auch zu mancherlei anderen Wohlfahrts-Einrichtungen, die Mitarbeit der jüdischen Damen zu gewinnen. Eine ungemein werthvolle Mithilfe fände der Delegirte ferner in einer von ihm zu organisirenden Mitarbeit Les Ordens der B'nei Briß in ganz Rumänien. Ich darf nicht unterlassen, -zu erwähnen, dass der füradäquate deutsche Verhältnisse passende Maaßstab hierzulande meist nicht angelegt werden kann. So gilt es z. B. in Rumänien und Bulgarien allgemein, bei Juden und Christen, für eine weibliche Person als Schande, eine Stellung als Dienstmädchen anzunehmen; es ist gerade Ehrverlitst für innner damit verbunden. Dagegen sind Mädchen aus den anständigsten Bürgerfamilien gern bereit, jede Art von Fabrikarbeil anzunehmen. Noch manches Andere, das in Deutschland für etwas Selbstverständliches gilt, verstößt hier gegen Sitte und Volksanschauung, und gewisse Imponderabilien, die sich mitunter desto schwerer in Worte fassen lassen, je mehr sie einer, dem Deutschen fremden Anschauung entspringen, sind hierzulande sehr zu berücksichtigen, wenn eine starke und zugleich dauernde Wirkung im günstigen Sinne erzielt werden soll. Mehr noch, als in sittlich höher ent- -.wickelten Nationen fehlt es endlich hier naturgemäß an Leuten, die für eine gute Sache dauernd Opfer bringen uiib einzig und allein im Hinblick auf den sittlichen Werth der That, sich mit dem inneren Bewusstsein begnügen, selbstlos zum Nutzen Anderer gewirkt zu haben. Es bedarf daher hier auch gewisser, dem individuellen Ehrgeiz entsprechender Stimulantien, deren wirkungsvolle Anwendung ohne genaue Kenntnis der in Rumänien herrschenden spezifischen Ansichten und Vorurtheile unmöglich ist. Den Charakter des jüdischen Volkes in Rumänien zeichnet Dr. Löwenthal in folgender Weise: Trotz aller großen inneren und äußeren Mängel, die sich ohne sein Verschulden unter solchen Lebensbedingungen in ihm entwickeln mussten, haben sich in dem rumänischen Inden die echten jüdischen Eigenschaften erhalten, welche ihn des thatkrästigen Mitleids seiner glücklicheren Glaubensgenossen würdig machen: ans dem Grunde seines Herzens lebt die Nächstenliebe, er ist empfänglich fürfremdes Leid und stets bemüht, dasselbe nach Kräften zu lin- | dern; sein Familiensinn ist ein inniger, opferfreudiger; er strebt! nach Wissen und Bildung, er steht sittlich himmelhoch über dem! Volke, das ihn knechtet und mit Hass und Verachtung auf ihn herabsieht. Ist aber dieser vielverkannte rumänische Jude der > Hilfe nicht nur bedürftig, sondern auch würdig, dann mochte; ich Allen, die für diese Rettnngsaction Sinn mit) Hand haben, die aus vollem Herzen quellende Bitte zurnsen: Zögert nicht : mit dem Beginne des Hilfswerkes! Die Noth ist hier größer, als sie jemals war; die zur Verzweiflung getriebenen Familienväter, die bisher um ein Stückchen trockenes Brot nur gebeten haben, schreien jetzt darnach, und jeder verlorene Tag kann traurige,'nicht wieder gutzumachende Consequenzen herbeiführen.! Ich wage nicht, mir vorzustellen, wie bei einer etwaigen Ver-! zögeruug die Armen, jeglicher Unterstützung bar, ihre Leiden ' ertragen, ihr Leben erhallen können. Der zweifellos unentbehrj liche Delegirte, der die praktischen Arbeiten hier zu beginnen und dauernd persönlich zu leiten und zu überwachen hat, hätte bereits heute hier sein müssen, um ohne jeden Zeitverlust die uöthigeu Juformatioueu hier an der Quelle eiuzuhoten, das i statistische Material zu sammeln und diejenigen Vorschläge! seinen Auftraggebern zu unterbreiten, die nach gemeinsamer j reiflicher Berathnng und nach eingehender Prüfung durch Kenner des Landes und der Verhältniße für nützlich u»d ausführbar gehalten werden. Er müsste schleunigst, mit Bukarest brgiinnend, alle Städte Rumäniens besuche», überall die nochwendigeir statistischen Erhebungen persönlich leiten, die in den verschiedenen Orten verschiedenen Verhältniße der Rothleidenden aus eigener Anschauung vornrtheilslos kennen lernen und überall — worauf ich einen Hauptwerth lege — Damen Eomiiss bilden, sie zur Mitarbeit anwerben und in dieselbe einführen. Er müsste daneben ferner zugleich einen rumänischen Hilfsverein gründe», am besten mittelst der zu bildenden Damen-Eomitos, dessen Beiträge jedoch nicht lokal veraltet werden dürsten, sonder» in eine Central-Casse fließen müssten. Die Gründung eines solchen rumänischen Gesammtvereins wäre jedem, noch so sehr geachteten Juden Rumäniens ans mancherlei Ursachen durchaus unmöglich; aber eärem Delegirten, dem die Autorität ausländischer Organisationen zur Seite steht, könnte dies unschwer gelingen, wenn er die Leute von der richtigen Seite zu fasse» versteht. Es ist Gefahr im Verzüge! Die Hungernde» sehen sich bereits verloren, denn sie glauben sich vollstäildig verlasse», weil sie nicht mehr unterstützt werden. Hunger, verbunden mit völliger Hoffnungslosigkeit, sind schlechte Rachgeber; tnmnltuarische Scenen der Verzweifelnden, die vor dem Bureau des hiesigen Unter stützungs-Comnes vergeblich um Brot für ihre verhungernden Kinder schreien, haben bereits einige Male stattgesunden. Der mitleidslose, von der Mittagstafel kommende Zeuge dieser herzzerreißenden Vorgänge hält sie gern, schon zur Beruhigung seines Gewissens, für strafbare Ansschreilunge» eines brutalen Pöbels, während es in Wirklichkeit Ausbrüche der Verzweiflung von Männern und Frauen find, die das Jammern ihrer Kinder nicht länger zu ertragen vermögen und denen ber eigene Hunger die Sinne verwirrt. Uno solche Austritte werden sich in immer kürzeren Juterwallen wiederhole» und in ihrer Heftigkeit sich steigern. Ich habe ferner unter den mir bekannten Armen constatiren müssen, dass der Hunger bereits einige unbescholtene Mädchen verleitet hat, den Weg der Tugend zu verlassen, darunter eine valer- und mutterlose Waise von 16 Jahren, für die ich mich seit einem Jahre schon öfter um Arbeit — sie ist Weißnäherin — umgefehen hatte. Endlich rüsten sich abermals Biele, mit Frau und Kindern zu Fuß beu Weg ins Ausland anzukrelen, und auf mein Abraihen erhalte ich, wie im Vorjahre, die stereotype Antwort, dass es ihnen gleichgiltig sei, wo sie zu Grunde gehen würden, dass sie aber nicht länger unlhätig ihrem Verderben zusehen fömiteii. Welch' traurige Folgen das Ueberhandnehmeu aller dieser Schritte der Verzweiflung für die Gefammtheit der rumänischen Juden haben würde, bedarf keiner Erwähnung. Es ist Gefahr hu Verzüge, aber die Gefahr könnte relativ leicht abgewendet werden; schon das bloße Erscheinen jenes mit bestimmten Directiven versehenen auswärtigen Delegirten und das Bekanntwerden dieser Thatsache würde eine beruhigeitde Wirkung ausüben. Ich aber kann es nicht unterlassen, im Interesse der Armen immer tind immer und immer wieder hinausznrufeu: Im Namen des elementarsten Gebotes der Menschlichkeit, im Namen der Ehre des Judenrhums ultd der Judenheu, erbarmet Euch der Verzweifelnden, die näher als jemals am Räude des sicheren Verderbens stehen, verzögert unnölhig auch nicht um einen einzigen Tag den Beginn des Hilfwerks, denn es ist wahr und wahrhaftig Gefahr im Verzüge! Die Wilhelm Carl v. Rothschild'sche Stiftung an die Frankfurter Stadlbibliothek. Der Director der Stadtbibliothek in Frankfurt am Main, Herr Professor Dr. Ebrard, bespricht in einem Feuilleton der „Frankfurter Zeitung" vom 20. Juni d. I. einige der bedeutungsvolleren hebräischen Werke, welche die Freifrau Mathilde v. Rothschild im Sinne der genannten Stiftung der Stadtbibliothek zukommen ließ. Im Vorberichte skizzirt Herr Doctor Ebrard die Sammlung der Hebraica und Judaica dieser Bib-

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