Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 26 (5.7.1901)
- Date
- 1901-07-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sei» 4. Die Wahrheit. Nr. 26 deutende Gebrechen, eine von den verfehlten Siebensächelchen entdecken, die auf spärlich angebauten Feldern der Wissenschaft so leicht gedeihen. Wer aber den Blick auf das Ganze gerichtet hält, wird bei manchem offenen Worte des Tadels gleichwohl ehrliches Lob dem gediegenen Verfasser und seinem Buche nicht vorenthalten. Das Werk ist in übersichtlicher, wenn auch nicht einwandfreier Weise dispouirt: der Autor hat die gesammte geistige Thätigkeit unseres Stammes nach Hauptrubriken angeorduet, so dass der Reihe nach Tonkünstler, Bühnenkünstler und Bühnenleiter, Maler, Bildhauer, Architekten, Männer der Feder, Philosophen, Naturforscher rc. Aerzte, Juristen, Parlamentarier, Bankiers, Großindustrielle, Mädchen und Frauen aufeinander folgen — der Text reichlich durchsetzt mit vortrefflichen Porträts. Mau hat vielfach die Auswahl der Persönlichkeiten beanständet — den Rahmen bald als zu eng, bald als zu weit gezogen erachtet, die Frage aufgeworfen, ob Convertiten in den Kreis der führenden Geister des Judenthums einzubeziehen seien oder nicht.*) Aus alle diese Fragen mag jeder nach Geschmack und Laune antworten; allgemein giltige Principien gibt es hier nicht. Man wird die Voraussetzungen des Autors als als gegeben anzunehmeu haben, und erst auf diesem Grunde darf eine gerechte Kritik aufbaueu. Diese aber wird wohl zugeben müssen, dass im Einzelnen Ungenauigkeiten nicht fehlen, dass die alphabetische Anordnung au Stelle der chronologischen ihr Bedenkliches habe, dass vielleicht manche dieser „berühmten" Männer und Fralien nicht eben allzuviel Anrecht auf Nachruhm haben; aber alle diese Mängel verschwinden, wenn man die Riesenarbeit in Betracht zieht, die hier geschaffen wurde. Schwer genug ist es oft, das Material zu beschaffen, der vollendeten Darstellung merkt man die Vorarbeiten nicht an. Männern der j verschiedensten Geistesrichtung galt es gerecht zu werden. Kohut'S vielerprobte Objeetivität verleugnet sich auch hier nicht. Alle Felder geistigen Schaffens mussten durchmustert werden, die Vielseitigkeit des Verfassers hat keines vernachlässigt! Und so wird uns zum erstenmal hier erschöpfend zum Bewusstsein gebracht, wie reich, wie groß unser Volk dasleht inmitten der Geistessirömungeit der tteueren Zeit. Mil Zweifeln mancher Art haben wir das Buch ausgeschlagen und stolz haben wir es geschlossen. Der Tochter Zions ist ein blühendes Geschlecht entsprossen : Wohin immer der Blick fällt, er sieht reges Schaffen, unermüdliche Thätigkeit, eine Fülle voll Talent, einen Kranz der glänzendsten und erlesensten Geister, vereinigt durch Kraft, Aumuth und Scharfsinn. „Mit Stolz" haben wir gesagt, aber nicht nur das Erzählte — der Erzähler selbst fordert dazu heraus; denn Alles in Allem, Kohut's Buch ist selbst ein Zeugnis von der unermüdlichen Schaffenskraft des jüdischen Volkes. Unserer Nation hat er viele Jahre seines Lebens gewidmet, möge unsere Nation ihm dankbar sein. Jede jüdische Familie hüte und bewahre dieses Buch als einen theneren Schatz: der Jugend znm Vorbild, dem Alter zur Erinnerung, uns allen zum Tröste in schwerer Zeit. Ein Hilfrus aus Rumänien. In der vorletzten Nummer der „Jüd. Presse" in Berlin veröffertllichte Herr meck. Dr. N. L ö w e n t h a l in Bukarest, ein ausgezeichneter Kenner den jüdischen Verhältniße in Rumänien, einen eindringlichen Appell an die ausländischen Glaubensgenossen, eine energische Action zu Gunsten der im größten Elend befindlichen jüdischen Massen in Rumänien einzuleiten, da die Armen, wenn nicht bald ausgiebige Hilfe kommt, sonst rettungslos verloren sind. Selbst eilt Herz ans Stein muß weich werden angesichts der trostlosen Zustände, die in dem beregten Artikel eine wahrheitsgetreue Schilderung finden, und um das *) Wir verweisen auf die ausgezeichnete Arbeit von David Aug. Rosenthal „Convertialenbilder" aus dem 19. Jahrhundert (Verlag, Hürter, Schaffhausen 1870), in welchem auch jüdische Convertiten einen hervorragenden Platz einnehmen. Mitgefühl der weitesten Kreise für die unglücklichen rumänischen Glaubensbrüder zu erwecken, nehmen wir Anlass, die Beobachtungen des Bukarester Arztes und auch seine Vorschläge zur Linderung der Not im Nachfolgendem auszüglich wiederzugeben : Die eingeborenen rumänischen Juden, so schreibt Dr. L öwentha^, sind heute nicht nur recht- und heimathlos, sondern geradezu vollständig vogelfrei. Sie haben alle Beschränkungen und Ungerechtigkeiten und die damit verknüpften unsagbaren Leiden wie etwas Unvermeidliches, Unabänderliches mit Resignation ertragen, so lange es ihnen möglich war. durch Arbeit ihr Brot zu verdienen. Die allgemein, in ganz Rumänien herrschende Nothlage, welche für die Juden durch einen dem Volke von Amtswegen eingeimpften Antisemitismus rohester Art ganz ungeheuer gesteigert wurde, hat ihnen jedoch diese Möglichkeit benommen, und selbst bei einer allgemeinen Besserung der wirthschaftlichen Lage bliebe ihnen diese Möglichkeit durch die bevorstehende Einführung des Zunftzwanges verschlossen. Alle erblicken in der Auswanderung die einzig mögliche Erlösung zu einem arbeitssreudigen und menschenwürdigen Dasein für sich und ihre Kinder; desto schmerzlicher wirkt daher jetzt die Erkenntnis ans sie ein, dass diese Erlösung für die Meisten von ihnen sehr spät, oder, wie Viele fürchten, niemals kommen werde. Die Armen berechnen, dass es bei einer Emigration von 200 Personen monatlich, also höchstens 2400 Personen innerhalb eines Jahres, gar zu lang dauern könnte, ehe die Reihe an sie käme, da mindestens 40—50000 Personen aus Mangel an Arbeit auswandern wollen. Indessen, so sehr auch die Befürchtung der Unglücklichen begründet ist, so wenig ist es vorläufig möglich, sie schneller fortzuschaffen; *) mit fürchterlichem Ernst drängt sich daher die Frage aus: Ans welche Weise kann den Arbeitslosen geholfen werden? . . . . Vor Allem halte ich es für selbstverständlich, dass die Ausführung der hier zu ergreifenden Maßregeln einem speziellen Delegirten anvertraut wird, dessen gesammte Thätigkeit ans Jahre hinaus ausschließlich dieser Aufgabe gewidmet sein muß. Es wäre sehr zu wünschen, dass der Delegirte ein Mann sei, der die ihm übertragene Mission annimint, nicht weil, sondern obgleich! er dafür Bezahlung erhält, denn er hat eine Riesenaufgabe zu bewältigen, der er nur dann gewachsen sein kann, wenn er in seinem Pflichtgefühl eine niemals erlahmende Spannkraft besitzt. Meines Erachtens bestände feine erste Arbeit darin, so bald und! so schnell als nur irgend möglich eine genaue Liste aller der Personen anfzunehmen, die einer Unterstützung bedürfen; diese Liste müsste nicht nur Geschlecht, Alter, Geburtsort, Arbeitsfähigkeit rc. aller Familienmitglieder enthalten, sondern auch Notizen über die letzte Beschäftigung, Moralität, Unterstützungs- Würdigkeit, Größe der bisher erhaltenen Unterstützung, ob die Kinder eine Schule besuchen n. dergl. m. Von dem Grundsätze ausgehend, dass die Leute Almosen nur in den dringendsten Fällen erhallen dürfen — Arbeitsunfähige selbstverständlich ausj genommen ’ — müßte versucht werden, zuerst natürlich nur in I sehr kleinem Maße, möglichst Vielen dadurch Arbeit zu ver- > schaffen, dass sie, nach vorheriger Vereinbarung mit bestimmten j Handlnngshäusern, von letzteren fest bestellte und bei der Ablieferung baar zu bezahlende Maaren anfertigen, wie z. B. ordinäre Wäsche, Jacken rc. für Bauern, Canonnage-Artikel, Briefumschläge, Tischlerarbeiten rc., je nachdem geübte und zuverlässige Vorarbeiten und gesicherter Absatz dafür vorhanden sind. Ueber die Art, die Zahl und die Qualität der unbeschäftigten ') In Wien langen allwöchentlich zirka 50—60 rumänische Emigranten $in, die in Rumänien von einem Delegirten der Pariser Alliance, resp. der Jewish Colonisation Association für die Auswanderung nach Amerika ausgewählt, per Bahn nach Wien geschickt und von hier aus durch die Wiener Allianz, aber auf Kosten der J. C. A., weiterbesördert werden. Wie man uns mittheilt, ist eine raschere und zahlreichere Beförderung von Emigranten hauptsächlich darum nicht möglich, weit die amerikanische Regierung größeren Gruppen aus einmal den Einlass nach Amerika nicht bewilligen würde. In den nächsten Tagen wird hier eine Auswanderergruppe von Frauen passieren, deren Männerim Vorjahre nach Amerika auswanderten und drüben bereits eine Existenz gefunden haben. Die Redaktion.