Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 26 (5.7.1901)
- Date
- 1901-07-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Rrdactioii u. Administrarion IPien, II/t. Novaragaffe 27. St. k östrrr. Postsparcajsa Check.Conto 4!r. 84«'>.2sil. >as,rate: 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Abonnementsuiib Jnsertionsbeträfte sind in Wien zahlbar. nakhängige e für Mische Erscheint jeden Freitag. Kalla: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Lrzngsprei»: Ganzjährig . . St. 12.— Halbjährig ... St. 6.— > Für Lultusbeamte: j > Ganzjährig . . . S. 10.—! Für Ausland: j Ganzjährig .... 12 Mark 6 Rubel oder 16 FrcS. j; Ar. 26. Wien, 5. Juli 1901. Inhalt r Die Geistesarbeit des jüdischen Volkes — Eilt Hitfruf aus Rumänien. — Die Wilhelm Carl v. Rothschild'sche Stiftung an die Frankfurter Stadtbibiiothek. - Berichtigung. — Verschiedene Nachrichten. — Litteratur. — H. Weintraub und seine „Tempelgefänge". — Feuilleton: Das Kaddischgebet. AP" *Wir ersuchen um rechtzeitige Srneuerung des Abonnements für das am 1'. Juli begonnene 3. Quartal und um Begleichung der Rückstände. Jur Sinsendung der Beträge wolle man sich der voriger DTummer bei~ gelegten Postanweisungen bedienen. Bie Administration. Die Geistesarbeit des jüdischen Volkes. In tausendjährigem Exil seufzt das jüdische Volk unter dem Drucke harter Peiniger. Zeiten der Duldung wechselten und wechseln mit Zeiten der Verfolgung. Hier herrschende Stellen im Staat, am Hofe — dort dar Scheiterhaufen, die Güterconfiscation, Hohn, Schmack und das bittere Brot der Verbannung. Hört man das Wort Inda, dann klingt verhaltenes Seufzen an das Ohr, Kettenklirren und der Aufschrei unermesslichen Elends. Und doch — wir stehen hier vor einem Räthsel. desgleichen die Weltgeschichte kein zweites barbietet: die da geknechtet waren, allezeit, denen man die Luft zu athmen, den Raum zu leben, den Ausblick zum Himmel selbst karg und karger zumaß — sie haben Luft und Lickt und Freiheit gebracht in die abendländische Civilisation. Der Knecht ward des Herren Lehrer, aus . den Mauern des Ghetto quoll das neue, das moderne Leben. Wie eine Heerde hatte man sie allezeit bewahrt, bewacht, verschlossen — als die Mauern fielen, fand man freie Individualitäten, selbsteigene Herrennaturen, unbeugsame Vorkämpfer, ungebrochene Volkskräste. Das Judenthum, allezeit in engen Schacht gesperrt, grub nun tiefe Schachte in das arische Geistesleben. Wo man eine dürre Wüste zu sehen vermeinte, da begann sich's wundersam zu regen, bald stand ein mächtiger Wald an ihrer statt, und seine Wipfel ragten auf zu den Höhen, wo die größten Geister aller Jahrhunderte hausen. Der Stein, den die Bauherren verworfen hatten, war zum Eckstein geworden, und das kleinste Volk unter den Culturnationen Europas schrieb mit ehernem Griffel feinen Namen ein in die Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts. Wer mag die Talente übersehen, die ungezählten Taufende fick vorstellen, die vordem im Joche des harten Zwingherrn fick veibintet hatten? Aber die Freiheit kam — eine karge, eine beschränkte, eine befehdete Freiheit — immerhin die Freiheit. Und hinter die Tausenden, die einst verkümmert sein mochten, traten Tausende und Abertausende, trat eine unabsehbare Schaar von Geistesheroen — aus dem geborstenen Stamm trieb neues, blühendes Reis die Fülle. Wer vermöchte sie auch nur zu nennen, zu fassen, die aus Judas Stamme in die allgemeine Cnltur hineinwuchsen : I s r a e l war der Sammelpunkt geworden für alle geistigen Bestrebungen der Zeit. Immerhin, an Versuchen fehlte es nicht: „Jüdischer Plutarch" von Franz Gräfser und Wilhelm Deutsch (Wien, 1848), „I ü d i s ch e s A t h e n ä u m, Gallerie berühmter Männer jüdischer Abstammung und jüdischen Glaubens" (Grima, 1851), Ignaz Neich's „Befch-El“, Ehrentempel verdienstvoller ungarischer Israeliten" (Pest 1852), M. Kayserling, „Die jüdischen Frauen in der Geschichte. Litteratur und Kunst" (Leipzig, F. A. Blockhaus 1879), desselben Verfassers „Geoenkblätter hervorragender jüdischer Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts" (Leipzig, Th. Grieb, 1892) und D. Lowy „Gallerie der verdienstvollen Inden" (Wien, 1882) waren ebenso viele Vorstufen zu einem neuen, unsasseaden, mit Recht Aussehen erregenden Werke, das zum erstenmal allen gerechten Anforderungen zu entsprechen vermag: „B e r ü h m t e israelische Männer und Frauen in der Culturgeschichte der Menschheit" von Dr. Adolph Kohut*). Tadeln ist allemal leicht, dem Pfadfinder wird selten Dank zntheil. Wer den ersten Spatenstich gethau, sieht nicht oft des Baues Vollendung. So ist auch allen den genannten verdienstvollen Unternehmungen der verdiente Erfolg verbittert worden durch Afterkritik, hämische Nörgelei, kleinliche Recht» Haberei, zünftige Akribie. Wer selbst im Kleinen und Kleinsten hangen bleibt, mag wie an allen früheren Versuchen dieser Art so auck an Kohut's ausgezeichnetem Werke hie und da einen der unvermeidlichen kleinen Mätel, ein und das andere unbe- ') Druck und Verlag von A. H. Payne in Leipzig, 190!.