Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 25 (28.6.1901)
- Date
- 1901-06-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion u. Administration Wien. II/l, Novaragafse 27. Ana-hängige Keilschrift für Mische fiqtgtpms: «an,jährig . . ft. 12.— Halbjährig ... ft. 6.— ft. I. öftere. Postsparcassa Theck-Eonto Nr. 846.251. Interessen. Für Lultus beamte: 3 n ft c a t e : «anNährig ... ft. 10.— 20 Heller per Nouporeillr-Zrilr. Erscheint jeden Freitag. j Für Ausland: Abonnementsnnd JnsertionS» Ganzjährig .... 12 Kart betrüge sind in Wien zahlbar. flUtte : .Das Siegel Gottes ist Wahrheit 6 Rubel oder 16 streb. Ar. 25. Wien, 28. Juni 1901. Inhalt r Die Bestie im Menschen. — Die jüdische Nationalität. — Eingesendet. — Aus der Wiener Cultusgemeinde. — Verschiedene Nachrichten. — Gebet und Gesänge zum Eingänge des Sabbath. — Verschiedene Nachrichten. — Litteratur. Wit 1. Juki beginnt das 3. Knartat des Heurigen Jahrganges. Wir ersuchen darum Höf- Üchst um rechtzeitige Erneuerung des Abonnements und Aegteichung der Rückstände mittelst beiliegender Kostanmeisnngen. Die Bestie im Menschen. ' Von Landrabbiner Dr. Tänzer in Hohenems. Es ist gar heilsam und nützlich, wenn uns zuweilen die dunklen Punkte der Menschengeschichte, die Rückfälle der Menschen in längst überwunden geglaubte Schwächen und Thorheiten vor Augen geführt werden. Sind wir doch gar leicht geneigt, unsere Zeit als die vollkommenste zu betrachten, ans die Höhe, Reinheit und Vielseitigkeit unserer Cultur stolz zu pochen, und wir drücken gern beide Augen zu, wenn zuweilen wieder einmal die Bestie im Menschen durch alle Culturtünche hindurch ihre Krallen hervorstreckt. Wir sollen eben immer zu unserem Heile dessen eingedenk bleiben, dass der Mensch, wie hoch auch er aus der Stufenleiter der Cultur emporsteigt,, immer die Bestie in sich mitschleppt, wenn sie auch aus der jeweilig höheren Stufe ihre Krallen mit modernen Cnlturerzeugnißen umkleidet. Zn wessen Fleisch sie sich aber einbohren, der empfindet den gleichen Schmerz, mag die Pranke mit rauhen Haaren oder Glacehandschuhen bekleidet sein. Die Bestie im Menschen machte mit ihm alle Phasen seiner Entwicklung durch: erst fraß sie Menschen mit gieriger Wollust, dann mordete sie solche aus heidnischen Altären, dann rrfand sie die grausamsten Marterwerkzeuge und Folterkammern, um schließlich selbst am grünen Tische moderner Civil- und Militärgerichte ihre Triumphe zu feiern. Wenn der Spanier von heute mit der diesem Volke allezeit eigenen Grandezza des Bettelstolzes in den Annalen seiner Landesgeschichte bis zu jener großartigen Glanzperiode zurückblättert, in der Spaniens Flaggen in allen Weltteilen, auf allen Wässern wehten, spanische Cultur die tonangebende, spanischer Reichthum sprichwörtlich war . und die Sonne innerhalb dieses Weltreiches nicht untergieng, dann wird er es wohl als Schmach, als untilgbaren Fleck auf der nationalen Ehre empfinden, dass eben zu jener Zeit die. Bestie im Menschen, die fluchbeladene Inquisition, ihre blutigsten Orgien in Spanien feierte und der berüchtigte Torquemada, dieser Alba im kirchlichen Ornate, in Spanien sein blutiges, menschenmordendes Handwerk betrieb. Und wenn die „große Nation" heute die Centennarseier ihrer glanzvollsten Geschichtsperiode, die eine neue Culturepoche eiugeleitet hat, so sang- und klanglos übergeht, so hat bei dem sonst so sesieslustigeu, leichtlebigen Franzosenvolke sicherlich die Erkenntnis mitgewirkt, dass die Bestie im Menschen noch immer ihre Opfer fordert nnd nicht umecs Fallbeil der jakobinischen Guillotine gerathen war. Die unglückselige Dreyfuß-Affaire war ein noch gewichtigerer, nachhaltigerer Dämpfer auf den Eigendünkel französischer Cultur« Hoheit als all die trüben Erscheinuugeu des öffentlichen Lebens in der dritten Republik, ja selbst als der — Panamascandal. Welch trauriger Vergleich zwischen den freiheits« und gleichheirsstrotzenden Reden der alten Jakobiner und den fitzt erschienenen Memoiren des zu so trauriger Berühmtheit gelangten Hauptmannes Dreyfus! Welchen Rückfall der „grande nation“ stellen sie dar! Mit der schlichten Widmung „Meinen Kindern!" übergibt Alfred Drehfuß seine Tagebuchblätter der Oeffentlichkeit. Aus jeder Zeile fühlt man es heraus, nicht mir der Tinte des Wort und Form abwügenden Schriftstellers, nicht mit der ätzenden Blausäure des seinen Peinigern fluchenden Märtyrers, sondern mit seinem Herzblute hat er sie geschrieben, immer und immer wieder nur seine Unschuld betonend, im Vertrauen auf den endlichen Sieg der Gerechtigkeit seine Widerstandskraft in seinen fürchteilichen physischen und seelischen Leiden findend. Dreysuß hat mit seinem Gefühle geschrieben, für sich selbst, nicht für Andere, und diesem jetzt-in anfpruchloser Form veröffentlichten Tagebuche hat die vernünftelnde Kritik wohl fern zu bleiben — muthen doch diese bescheidenen Blätter wie die Lebensäußerungen eines durch sein unverschuldetes Märtyrerthum zum Heiligen gewordenen Menschen au — aber eine, ganz unwillkürliche Kritik muß sich das Buch, ooer wenigstens sein Titel, schon gefallen lassen. Alfred Dreysuß nennt es „Fünf Jahre meines Lebens.' Nein, der Titel widerspricht ganz und gar dem grauenerregenden Inhalte des Buches. Ein Leven war das Dasein Dreyfus' auf der Teufelsinsel keineswegs zu nennen. Hätte Dante seine „Dmna comoedia“ in unserer Zeit zu schreiben, er hätte aus des Lebens nüchterner Wirklichkeit, aus dem Tagebuche des Excapitäns Leideusscenen schöpfen können, noch grauenvollere, als sie ihm',seine schier unerschöpfliche Phantasie darbot Vom General Mercier augefangen, bis hinunter zu Deniel, dem. erbärmlichen Commandanten der Teufelsiusel, in dem ganzen Gelichter von Lumpen in Uniform und Civil, hat die Bestie im