Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 24 (21.6.1901)
- Date
- 1901-06-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Hesterr.-ungnr. Anntoren-Heitung. Mr. 24. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 21. Iahrg. Kollegen! verlanget in allen ßafes und ILejtaurationen in Wien und der Provinz „Are Wahrheit". Cantorentag in Wien. In der Dienstag, den 18d. M. stattgehabten Vorstaudssttzung des österr. nngar. Cautoreu-Vereiues wurde der Beschluss gefasst, für den 29. und 30. Juli d. I. einen allgemeinen Cantorentag nach Wien einzuberusen. Die traurigen Erfahrungen, die der Cantoren-Verein nach dieser Richtung bisher gemacht hat, dass alle Bemühungen des Vorstandes, eine einheitliche Organisation der Berufekreise herbeizuführen, an der Indolen; der Canroren scheiterten, haben den größten Theil des Vorstandes für die Einberufung des Cautorentages nicht besonders günstig gestimmt. Fast alle wiesen darauf hin, dass große persönliche Opfer vergebens gebracht wurden und auch für die Zukunft nichts Besseres zu erwarten sei. Schließlich ließ sich der Vortiaud durch die mit vieler Wärme vorgebrachten Argumente des! Präses-Stellvertreters I. Bauer dennoch bestimmen, den Cau-! roremag einzuberufen. Es soll noch ein letzter Versuch gemacht werden, sollte aber auch dieser mislingen,- dann ist der Beweis erbracht, dass der Cantoreustand für eine berufliche Organisation! untauglich und die Gesammthert nicht gewillt ist, die schwer ge-! schädigten Interessen der einzelnen Bcrufsgenossen zu schützen.! Das Programm des Cautorentages betreffend, wird der! Vorstand ein die allgemeine Lage des Cautoreustaudes, die zu J Tage tretenden Misstände und die Mittel zur Abhilfe derselben darlegendes Generalreferat erstatten lassen, über beffeu einzelne Punkte eine freie Debatte eröffnet rverden wirb. Besondere, im Programme nicht enthaltene Anträge und Referate, die am Cantorentag zur Verhandlung gelangen sollen, müssen 14 Tage vorher beim Vorstände des österr. nngar. Cantoreir-Vereines angemelder werden, der darüber entscheiden wird, ob sie auf die Tagesordnung gesetzt werden sollen. Um eine möglichst weite Betheiligung herbeizuführen, werden specielle Einladungen an sämmtliche Cantoren Oesterreich- Urrgarus, sowie an die hervorragendsten Berussgenossen des Auslandes ergehen. Auskünfte errheilt der Vorstand des österr. Ungar. Camoren-Vereines uno die Redaktion der „Wahrheit," woselbst auch Anmelduuzeu für den Cantorentag angenommen werden. H. tveintrauii und seine „Tempelgesänge". Von E d. Birnbaum, Königsberg. (Fortsetzung.) Jede Kunstepoche, sagt mit Recht ein hervorragender Geschichtsforscher, har manche eigenthümliche Principien und Manieren, welche aber eine folgende Epoche nicht beizubehalten verpflichtet ist, wenn sie ihrer Anschauung nicht entspricht. Und so ist es auch im Grunde genommen mit dem „polnische n S y u a g o g e n g e s a n g", der an sich betrachtet, d. h. als Product einer Kunstepoche und Richtung und als Bestandtheil des ganzen Tonwesens unserer Altvordern, seine eigene Eutwickelungsgeschichte hat. Aber nicht alles, was man als „polnisch" bezeichnen hört, ist seinem Ursprünge nach „slavisch". In gewissem Sinne wurzelt das polnische phantasieartige Recitativ (hauptsächlich bei einer stetigen kunstgerechten Jnnehaltuug bestimmter Toureihen und Wendungen (modi), die sich wiederum durch bestimmte Ausweichungen in verwandte Tongeschlechter auszeichueil müssrn) im altert hü m l i che n T o nw esen des M l t i e l a l t e r s, einem Tomveseu, welches übrigens erst durch die hellenischen Päpste (Ende des 7. und Anfang des 8. Jahrhunderts) in Rom und Italien eiugeführt lvurde. Denn auch die mittelalterlichen Kirchentropen sind nichts weiter, als „der praktische Ausdruck des Melodiebildungsg e s e tz e s, welches auf den E i g e n t h ü m l i ch k e i.t e n der Tonarten (modi, toni) beruh t" (Korumüller). Daher kommt es-(und ich habe dies bereits im Jahre 1886 an einer anderen Stelle nachgewieseu), dass gewisse Syuagogengesäl.ge mit. dem Tropus des tonus quintus introdncirt werden (;. B.!|J>o H am Freitag-Abend, nun der Mussaph-Kedufcha rc.). Der Gesang der Polen in den bestimmten wodDist nur reicher ausgestaltet, verzierter, melismatischer. Allerdings ist der s y ll a b i s ch e Gesangs im Vergleich zum melismatischen älter als dieser, da erst in jüngster Zeit mit Evidenz nachgewiesen worden ist, dass das Aufblühen des letzteren ins Ende des 7. Jahrhunderts fällt und sich „nicht vor der byzantischeu Periode entfaltet hat" (Gevaert, „La melopee antique“). Aber diese Art und Weise des melismatischen Gesanges muß bei den Juden laugst heimisch gewesen fein, bevor er bei Den Culturvölkern des Abendlandes in Aufnahme kam. Das kann schon von der Thatsache hergeleitet werden, dass selbst gewisse Psalmodien bei der Vorbereitung zur Messe von Tönen getragen waren, welche man auf Grund von kirchenväterlicheu Zeugnissen bis auf die Zeit des Tempels zurückführen will. „Die Juden waren die ersten, die sich zum Christenthum bekannten ... So hat der erste christliche Gemeindegesang die Psalmen in Wort und Ton aus dem Tempel herübergenoinmeu." (Krauße, Studie zur altchristlichen Bocalmusik, 1892, S. 7, Note 1.) Ueber das südische Ton wesen vergangener und gegenwärtiger Tage ist im Laufe der Zeiten viel geschrieben worden *). Jltdeß muß beklagt werden, dass die wenigsten Autoren von der hohen Warte ernster m u s i k h i st o r i sch e r Forschung herab ihre Umschau halten, sondern sich meist von ihren G efühlen leiten lassen, so dass gewisse Hypothesen sich ewig wiederholen, bis man schließlich dem heutigen Syuagogengesang jede historische Ursprünglichkeit zu bestreiten wagt. — Und Kaschtau? Ist nicht Alles an Kaschtau's Gesäugen (im 3. Theile des vorliegenden Werkes) „slavisch"? Ja, kann geantwortet werden, es sind durchwegs freie Compositionen eines Slaven, aber diese „freien Phantasien" sind von dem Geiste eines alten Syuagogensängers getragen, der trotz dem und alledem mehr Ursprünglichkeit jüdischen Tonwesens an sich trägt, als beispielsweise der deutsche ivn ms oder nn VöKS der in 'seiner Ahnentafel es höchstens zu einem weltlichen Volks-' oder Soldatenliede bringt. Nicht der Geist des „Slaventhums" an sich ist es, der uns in den Gesängen Kaschtau's entgegentritt, sondern ein in mittelalterlichem Tongeschlecht phantasirender Sänger — ein syrischer Schalmeibläser, ein Kitharode, ein Phonascus ist es — der sich abmüht, sich uns verständlich zu machen. Diese Gesänge wollen daher gar nicht als „Ideal" alten Synagogengesanges, sondern mehr als Kinder ihrer Zeit *) Hier seien nur einige weniger bekannte Abhandlungen genannt r Neben dem erwähnten Abbe Mainzer schrieben: Buch!er (Zur Gesch. der Tempelmusik), Fr. L. Cohen (Song in the Synagogue),. Ernst D avi<d (De ia musique chez les Juifs), Samuel David (Aper§u sur la musique des Isr.), Döller (Rhythmus, Metrik und Strophik), Jellinek (Zur Gesch. des synagogalen Gesanges (über Rossis), Köberle (Die Tempelsänger im alten Testament), Lavoix. (Da musique oller les Juifs), Löw (Der Gesang in den orthodoxen .ungarischen. Synagogen), Mistrali (Da musica presso gli Ebrei), Prätorius (Ueber die Herkunft der hebr. Accente), Semeria (Da musica presse - gli Ebrei), S e n e s (Llusioa orientale in Sardegna),. Anonymus W. (Sänger und Musiker am Hofe des ersten Abbasidischen Chalifen), W hitlock (A. handbook of Bible and churoh music). u. v. A.