Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 24 (21.6.1901)
- Date
- 1901-06-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 Die Wahrheit. Seite 9. ihrer geographischen Heimat, als ein bestimmter Litteraturzweig einer hinter uns liegenden Musikepoche wollen sie betrachtet und verstanden sein. In anderem Sinne spricht sich einer unserer bedeutendsten Sach- und Fachkenner, Ernest David, in seiner angeführten Schrift aus*), welcher den „polnischen Gesang" als „abgethan" betrachtet wissen will. Er schreibt am Schlüsse (S. 61 ff.): „Kann man sagen, dass ich die moderne Musik aus unseren Tempeln verbannen will? Man hätte mich schlecht verstanden, oder vielmehr ich hätte mich schlecht verständlich gemacht, wenn man so. darüber urtheilte. Ich habe nichts dagegen, in die Synagoge einfach geschriebene Chöre einzuführen, aber in geringer Anzahl und vorausgesetzt besonders, dass der Vorrang unseren alten Melodien gelassen wird. Eine andere Bedingung, die nicht weniger i wichtig für einen guten Vortrag ist, liegt in der Wahl der Hazanim. Nicht allein die gute Stimme ist nölhig; nicht ' allein Musiker sind nothwendig; es ergibt sich von selbst, dass diese beiden Eigenschaften unentbehrlich sind; aber nicht weniger unentbehrlich ist es, dass die Officianten (Hazanim) bei einer j genügenden Kenntnis des Hebräischen auch die der traditionellen Gesänge haben, deren Werth und Schönheit sie erkennen und sie mit der Begeisterung und mit der Weihe vortragen werden, die nöthig sind, um einen Eindruck auf die Versammlung zu wachen. Nichts hindert daran, dass der Chor gemeinsam dem Hazan antwortet, und wenn die Choristen gut dirigirt sind, wird man sich über den Effekt wundern, den diese einfachen Lieder Hervorbringen. Aber es ist nicht nöthig, dass der Hazan, seiner eigenen Inspiration überliefert, fortwährend wilde Laute und Geheul ausstößt, wie die, die man bisher zuviel gehört hat. Es ist nicht mehr nöthig, dass er unter dem frivolen Vorwände, seine Virtuosität paradieren zu lassen, seinen Vortrag mit hervorgehobenen Stellen von schlechtem Geschmacke, mit Verzierungen und Coloraturen überlädt, die mehr im Theater, als im Tempel am Platze wären. Nicht mit so armseligen Kunstgriffen wird man die Begeisterung der Gläubigen wieder beleben, sondern mit einfachen Gesängen, die mit Gefühl von sachkundigen Officianten vorgetragcn werden. Freilich, um diesen Zweck zu erreichen, müsste man sich um die religiöse und musikalische Erziehung der Hazanim b e küm mevn: aber diese Frage würde uns zu weit führen und mau könnte sie nicht im Vorübergehen mit all den Erörterungen behandeln, die sie erfordert. Kurz, alles, was ich eben gesagt habe, kann in einigen Worten und in folgenden Sätzen zusammengefasst werden: 1. Wo für die Gebete ein bekannter traditioneller Gesang existirt, muß man diesen letzteren jedem anderen vorziehen; es ist uns davon nicht soviel übrig geblieben, um auch nur einen einzigen opfern zu wollen; 2. diejenigen, die desselben entbehren, müssen zu erprobten Musikern gebracht werden, und es mangelt bei uns nicht an solchen, die sich für die Formen der Vergangenheit begeistern werden; denn, wir wollen es nicht vergessen, es schleichen sich immer Neuerungen genug in die Praxis des Cultus ein, und" es handelt sich darum, die Tradition zu erhalten und zu retten. Reformiren ist gut, aber verbessernd erhalten ist noch besser." *) Diese Schrift ist in 100 numerirten Exemplaren erschienen, von welchen nur die letzten 75 in den Handel kamen. Ich besitze Nr. 16, welche mit einer eigenhändigen Widmung des Verfassers an einen Mr. Edouard Philippe versehen ist. (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. (F e r i e n h e i m.) In Folge plötzlich eingetretener Hinderniße musste die für vorigen Sonntag bestimmte Einweihung des „Kaiser Franz Josefs-Ferienheim" in Tischnowitz verschoben werden. Wien. Am 21. d. M. feiert der bekannte jüdische Gelehrte, Lector M. Friedmann, seinen 70. Geburtstag. Von nah und fern beeilen sich die zahlreichen Freunde und Schüler des Jubilars, um ihm ihre herzlichen Glückwünsche därzubringen. Samstag, den 22. d. M. findet aus diesem Anlasse im Betlocal des Lstb-bamickrasob um 8 Uhr morgens ein Festgottesdienst statt, an welchem das Curatorium sowie daS Professorencollegium und die Hörer der isr. theol. Lehranstalt und andere Festgäste theilnehmen werden. Die Festrede wird der Herr B. Hausner halten. Montag, den 24. d. M. veranstaltet der Theol. Verein im Restaurant Kühner I., Adlergaffe einen Festabend zu Ehren des Jubilars.' Wie«. Das Statut des Vereines zur Wahrung der Jntereffe« des orthodoxen Judenthums in Wien und Niederösterreich ist von der hohen k. k. Statthalterei genehmigt worden. Die Constituirung des Vereines und Wahl des Vorstandes findet demnächst statt. Beitrittserklärungen werden bis Ende Juni erbeten an den provisorischen Vorsitzenden des Comitss, Herrn Bernhard H o f b a u e r, I., Tuchlauben 26. Wien. Der „Verein zur Unterstützung armer kranker Israeliten,, I stattet in dem uns vorliegenden Jahresberichte der 22. Berwaltungs- I Periode allen Gönnern und Fördern der humanitären und religiösen j Bestrebungen des Vereines den Dank ab und constatirt eine erfreuliche ' Zunahme der M.tglieder. Gleichzeitig wird auch an die Hochherzigkeit! edler Menschen- und Judenfreunde appellirt. diesem edlen Werke auch! fortan warme Theilnahme angedeihen zu lassen — auf dass es möglich! wäre, das Gleichgewicht zwischen Ausgaben und Einnahmen allmstlig! herzustellen. — Die Einnahmen erreichten die Höhe von iS,370 Kr. trw-! von 1050 Kr. auf den Beitrag der hiesigen Cultusgemeinde und 100 Kr. t auf die Chewra-Kadischa entfallen; von den größeren Ausgaben wären zu erwähnen 1959 K. für Kost während des Pessachfestes, 249 Kr. für Mazzoth. Im vorigen Jahres gewährte die Firma Jacob Neurath einen Vorschuss von 5366 Kr., um das momentaneDeficit zu decken. Die Administration! der „N. Fr. Presse" genehmigte eine Subvention von 60 Kr. Mögen auch; andere berufene Factoren und competente Kreise sich diesen philanthropischen Wohlthätern zu Gunsten der doppelt Armen zahlreich anfchließen, im Sinne und Geiste des Wortes unserer Weisen: .rttin n: Wien. Nachdem die Vorbeterstelle in der Synagoge der hiesigen Talmud-Thora einige Jahre unbesetzt blieb, sah sich der Vorstand veranlasst, am vorigen Sabbat den Herrn Cantor Eduard Regner aus Ungarn zu einem Gastvortrage einzuladen. Herr Regner hat es verstanden, durch seinen stimmungs- und verständnisvollen Bortrag großen Beifall zu erringen, so dass die begründete Aussicht vorhanden ist, dass der vacante Posten Herrn Regner demnächst verliehen wird. Königsberg Äm 15. Juli d. I findet in Cranz (Just'sches Hotel, Königsberger Straße) bei Königsberg die Conferenz der jüdischen Religionslehrer Ostpreußens mit folgender Tagesordnung statt: 1. Jahresbericht über die Thätigkeit des Vereines, erstattet vom Vorsitzenden. 2. Casfenbericht, erstattet vom Caffier. 3. Vortrag: „Soll die systematische Religionslehre in der Volks- und Religionsschule als besondere»— Unterrichtsgegenstand behandelt werden?" Referent Prediger Sturinann- Osterode. 4. Vortrag: „Die Thätigkeit des Lehrers für culturelle Bestrebungen innerhalb der Judenheit, insbesondere für Erweckung des Interesses für Handwerk und Bodencultur". Referent Gymnasiallehrer Levy-Allenstein. 5. Referat: „Zur Geschichte der Verbands-Pensionscasse", erstattet von Waisenhaus-Jnspector Peritz-KönigSberg. 6. „Liturgische Hebungen II", abgehalten von Herrn Obercantor Birnbaum» Königsberg. 7. Referat: „Gedanken zu einem Normal-Contract für jüdische Cultusbeamte", gehalten von Herrn Obersecretär Klein-Königsberg. 8. Vorstands- und Delegirten-Wahl. 9. Anträge für die Delegirten-Versammlung in Hamburg. 10. Freie Besprechung über Standes- und Vereins-Angelegenheiten. Köln, 17. Juni. Der gestrige Tag war für unsere Gemeinde ein Festtag in des Wortes bester Bedeutung. Galt es doch das 25 jährige Jubiläum unseres hochverehrten und allseitig beliebten Cantors Blumenthal zu feiern. Schon vor vielen Wochen hatte sich ein Comitv gebildet, um dem verdienstvollen Beamten einen würdigen Ehrentag zu bereiten, und die ganze Gemeinde hat sich gerne zur Verfügung gestellt, um dem vortrefflichen Sänger ein großartiges Ehrengeschenk zu machen. Aus den vielen Deputationen .reiche zwischen 12—1 Uhr zur Gratulation erschienen sind, heben wir diejrnr ' der rheinischen Cantoren hervor, an deren Spitze College Ziv.-Elberreld ungefähr folgende Ansprache hielt: „Hochgeehrter Herr Jubilar! Der Ehrentag eines Cantors hat für alle Cantoren eine hohe Bedeutung; an ihm betheiligen sich mit stolzer Freude die Collegen von nahe und fern, um im Bewusstsein der Zusammengehörigkeit des beglückenden Gedankens inne zu werden: „Arbeit ist des Bürgers Zierde, Segen ist der Mühe Preis!" Und wenn jemals ein Cantor dies Dichter» wort in seinem vollsten Umfang zur Erfüllung gebracht hat, so sind Sie es verehrter Herr B l u m e n t h a l, der Sie seit einem Vierteljahrhundert der hochangesehenen Gemeinde Köln Ihre reichen Kräfte in der hervorragendsten Weise gewidmet haben. Ja, eine unberechenbare Summe der großartigsten Leistungen haben Sie uns in dieser langen Arbeitszeit zu verzeichnen, und der Segen allfeitiger Anerkennung ist Ihnen zu allen Zeiten von aufrichtigem Herzen zuteil geworden. Uns Collegen aber, die wir gekommen sind, um unsere herzlichsten Glückwünsche persönlich darzubringen, erfüllt es mit ganz besonderem Stolz, an Ihrer heutigen Jubelfeier reilzunehmen, und wir hal»» es uns nicht nehmen lassen, mit einem kleinen Festgeschenk vor Jhneir -rscheinen. Indem ich Ihnen dasselbe in Gestalt eines Pokales hierum -eichen die Ehre habe, gebe ich im Namen meiner Collegen wir inchl mmder in meinem eigenen dem herzlichsten Wunsch Ausdruck, dass Sie noch recht, recht lange zum Glücke Ihrer Familie, zum Segen für.die Gemeinde Köln und zur Zierde für den ganzen Cantorenstand in froher Gesundheit Ihres heiligen Amtes walten mögen! Das walte Gott!" Abends fand im großen Saale der Lesegesellschaft ein solenner Festkommers statt, zu welchem auch verschiedene auswärtige Cantoren als Ehrengäste geladen waren.