Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 24 (21.6.1901)
- Date
- 1901-06-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. Vir. 24. Ich brauche nicht auf die Klagen hinzuweisen, welche von allen Parteien unserer Glaubensgenossen über den Religionsunterrichl vorgebracht werden, und es hat sich die II. Section die Aufgabe gestellt, den Lehrplan zu revidiren, demselben Instructionen beizugeben, und zwar in einer solchen Verfassung, dass Lehrplan und Instructionen den Anforderungen der wissenschaftlichen Didaktik, welche auf einen hohen Punkt augelangt ist, entsprachen. Wir legten Wert darauf, den neuen Lehrplan im Einverständnisse mit den Religionslehrern auszuarbeiten. Wir haben daher die Leitung des Verbandes der Religionslehrer der Mittelschulen eingeladen, selbst einen neuen Lehr, plan und dazu gehörige Instructionen vorzulegen. Im September 1900 überreichte der Verband eine umfangreiche, fleißige und von vieler Sachkeuntnis zeugende Arbeit, welche jedoch für unsere Verhältniße nicht ganz geeignet, war. Sohin setzte der Herr Obmann ein Comite aus Mitgliedern der II. Section und Vertretern des Verbandes ein, welches nach langen Verhandlungen das Ergebnis herbeiführte, dass die Herren Mittelschullehrer die Grundsätze voll und ganzanerkannt n und im Vereine mit Mitgliedern des Vorstandes den Lehrplan in diesem Sinne vollständig umarbeiteten. Nachdem ein engeres Comite die letzte Feile angelegt hatte, wurde mir die Ehre zu theil, dem Herren Oberrabbiner den Entwurf vorzulegen, und dieser fand laut beiliegenden Schreibens die vollständige Billigung des Herrn Oberrabbiners, wodurch dem § 43, Absatz ä des Gemeindestatutes Genüge geleistet tvorden ist. Zn stofflicher Beziehung unterscheidet sich der vorgelegte Entwurf von dem jetzt geltenden Lehrplan darin, dass auf der Unterstufe das Gebetbuch zu feinem Rechte kommt und im I. Semester aller vier Classen behandelt wird. Die Schüler sollen dadurch befähigt werden, mit Verständnis am Gottesdienste theilzunehmen. Da das Uebersetzen der Gebete weniger Schwierigkeit macht, als das des Pentateuch und der Unterricht dort einsetzt, wo die Volksschule ihn ertheilt hat, so ist dem didaktischen Princip vom Leichten zum Schweren besser entsprochen. Der Stoff aus dem Pentateuch musste demgemäss beschränkt und eine sorgfältige Auswahl getroffen werden. Die biblische Geschichte wird sich dem Wortlaut des Urtextes soweit anlehnen, als der Geist der Sprache es gestattet. Die geographische Kenntnis des heiligen Landes wird ihren Platz finden und in der 4. Classe wird in den Geschichtsbildern aus der späteren Zeit dem Schicksal unserer Glaubensgenossen in Oesterreich die gebührende Aufmerksamkeit zugewendet werden. Die früher in einem Semester behandelte Glaubens- und Pflichtenlehre wird durch eine knappe Zusammenfassung mit Hinweglaffung aller Dogmatik, die gleichsam ein fremder Tröpfen in unserem Blute ist, ersetzt und sich auf die im Pentateuch enthaltenen Lehren beschränkt. Für das Obergymnasium ist eine sorgfältige Auswahl der Psalmen und einige wenige Capitel der Propheten im Urtext in Aussicht genommen. Die 8. Classe, welche den jungen Leuten durch die Maturitätsprüfung schwere Pflichten auferlegt, soll nebst der Geschichte der Neuzeit die nochmalige genauere Behandlung des 5. Buch Moses bringen zugleich als Grundlage für den gesammten Religionsunterricht. Für die Oberealschule, welche nur 3 Jahrgänge hat und in welcher der 7. Classe nur eine Stunde wöchentlich zugewiesen ist, mussten entsprechende Kürzungen vorgenommsn werden; auch hier wird der letzte Jahrgang auf Grund des 5. Buches eine Zusammenfassung unserer Relizionslehre bieten. Die Section ist sich bewusst, dass der beste Lehrplan ein todter Buchstabe bleibt, wenn es nicht in dem Geiste zur Anwendung kommt, in welchem er entworfen ist. Wir sind von der Ueberzeugung durchdrungen, dass er ein Gebot dringender Nothwendigkeit ist, den Unterricht in diesem Gegenstand leichtfasslich und angenehm zu machen, und die jungen Herren für ihren Glauben zu erwärmen. Man kann aber eine Sache nicht lieben, die einen unangenehmen Beigeschmack hat und schmerzliche Empfindungen erweckt. Daher legen wir den Schwerpunkt uuserer Arbeit in die Instructionen und werden durch den Einfluss unseres Vertreters im Landesschulrathe dahin wirken, dass die Instructionen mit dem Lehrplan von der Schulbehörde als Vorschrift hinausgegeben werden, die unter allen Bedingungen eiuzuhalten ist. Die Instructionen werden unter Benützung der Ergebnisse aller Fortschritte auf dem Gebiete der Methodik genau angeben, wie der Stoff zu behandeln ist; sie werden betonen, dass grammatische und linguistische Erörterungen ganz ausgeschlossen sind, dass die Unterschiede der grammatischen Formen wohl beim Unterrichte veranschaulicht werden, aber niemals auf die Classification von Einfluß sein können; dass in der Geschichte Alles wegbleiben muss, was das Gedächtnis ohne Not belastet; dass ein Ton der Liebe und des Wohlwollens den gesammten Religionsunterricht durchdringen muß. Und so hoffen wir durch alle diese Vorschläge einen Nothstand zu beseitigen, der mit Recht Anlass zu Klagen gegeben hat, und ich erlaube mir die Bitte um wohlwollende Behandlung der vorliegenden Anträge und Annahme derselben von seiten der geehrten Plenarversammlung." Nach einigen sachlichen Bemerkungen der Herren Doctor Berger und Dr. Spitzer wird die Vorlage su bloc angenommen und dem Referenten für seinen umfassenden und instructiven Bericht der Dank ausgesprochen. Anlässlich der bevorstehenden Feier des 70. Geburtstages des wegen seiner Gelehrsamkeit und feines hervorragenden Wirkens an der theologischen Lehranstalt und im Let-ba-Niäraseb in weiten Kreisen sich großer Achtung erfreuenden Herrn Lector Majer Fried mann wird einstimmig beschlossen, demselben die Glückwünsche des Vorstandes zu übermitteln. Schließlich gelangen Personal- und Steuerangelegenheiten zur Erledigung. (Schluss der Sitzung halb 10 Uhr Abends.) Hilssverein der deutschen 3uden. Unbekümmert um die Anfechtungen und Auslegungen die der neugegründete „Hilfsverein der deutschen Juden" in einem Theile der jüdischen Presse und der Glaubensgenossen in Deutschland findet, schreitet das Comite in der Sicherung und Ausbildung des neuen Hilfswerkes rüstig weiter, und so fand am 10. Juni in Berlin die erste Versammlung des Vereines.statt, bei welcher nach dem uns vorliegenden Berichte der „Jüd. Pr." neuerdings von allen Seiten betont wurde, dass die Solidarität mit den bereits bestehenden Schwesterorganisationen in jeder Beziehung festgehalten werden soll. Der Vorsitzende, Herr James Simon, begrüßte die Erschienenen und^Ikizzirte die Gründe, welche die Schaffung der Organisation nvchwendig gemacht. Letztere habe unter den Glaubensgenossen in allen Theilen Deutschlands begeisterte Zustiuu mg und auch in der politischen Presse, in der conservarivcn wie in der liberalen, sympathische Würdigung gefunden. Selbstverständlich müsse und werde der junge deutsche Verein mit den gleichstrebenden, bewährten älteren Institutionen, vor Allem mit der Alliance israelite universelle einträchtig Zusammenwirken, wie ja mit der letzteren eine Personal-Union dadurch bereits geschaffen sei, dass hervorragende deutsche Mitglieder des Central-Comit^ der Alliance — so der in der Versammlung anwesende Herr Charles L. Hallgarte n- Frankfurt a. M. — dem Central-Comite des „Hilfsvereins" beigetreten seien. Mit der ihm eigenen packenden Beredtsamkeit referirte sodann Herr Justizrath Cassel über die Ziele und Aufgaben des Vereins. Derselbe werde sich, schon um in das Vereins- Register »getragen zu werden, von allen politischen Tagesfragen fernhaU erde nur in zwingenden Nochfällen an der Bekampsui „ Mischer Calamitäten gemeinsam mit den diesem Zwecke gewidmeten Organisationen theilnehmen, vielmehr sein Hauptbestreben darauf richten, die Glaubensgenossen außerhalb Deutschlands, namentlich diejenigen Osteuropas und des Orients aus wirthschaftlicher und geistiger Noch zu befreien. Die Thätigkeit des Vereins werde sich nach zwei Richtungen zu bewegen