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Die Wahrheit · 1901-06-21 · Heft 24 (21.6.1901) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 24 (21.6.1901)
Date
1901-06-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 4. Die IVahrheU. Nr. 24 einer Familie. Und als Rabbi Akiba meinte, das Gebot: „Und Du sollst lieben deinen Nächsten wie Dich selbst" bilde «inen wichtigen Grundsatz der Thora, erwiderte ihm Ben-Asai: Der Bericht der Thora, dass alle Menschen die Nachkommen Adams sind, ist noch viel wichtiger, da er das Gebot der Nächstenliebe erst begründe. Dasselbe sagt auch der Prophet Maleachi: Wir haben ja alle einen Vater, Ein Gott hat uns ja geschaffen — warum sollen wir treulos sein einer gegen seinen Bruder? Nach der Thora also bildet das ganze Menschengeschlecht ein Volk, das erst im Lause der Zeit, durch den Willen Gottes in einzelne, von einander durch Sprache und Wohnsitz getrennte Nationen zerfiel. Oder mit andereil Worten: im natürlichen Sinne gibt es überhaupt nur eine Nation, diese aber zerfällt in mehrere politischeNationalitäten. Diese verschiedenen Nationalitäten haben ihren gemeinsamen Ursprung vergeffen, wie sie den gemeinsamen Schöpfer vergessen haben. Jede Nation hatte ihren besonderen Gott und fand somit nichts Böses darin, eine andere Nation zu hassen, zu berauben, zu unterdrücken und zu morden. Sie fürchteten eben nur die eigenen Götter, nicht aber die Götter anderer Nationen. Da trat der erste Prophet Abraham auf und verkündete der Welt, was der letzte Prophet auch verkündet hat: Ein Gott hat uns alle geschaffen, wir haben alle einen Vater. Daher heißt es von ihm: ^Durch ihn werden gesegnet werden alle Familien des Erdbodens, denn durch ihn sollen alle Menschen erfahren, dass die verschiedenen Nationen nichts weiter sind, als verschiedene Familien eines Menschengeschlechtes. Abraham vererbte seine Lehre aus Isaak und Jakob-Israel, und die Juden sind die Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs, nur werden sie nach dem letzten „Kinder Israels" 'jo genannt. Der Name „Jude" war ursprünglich auf die Nachkommen Judas, 'des vierten Sohnes Jakobs, beschränkt. Erst nach Untergang des Zehnstämmereiches wurden nach dem herrschenden Stamm Juda alle Nachkommen Israels Juden genannt. Der umfassendere Name ist aber „Kinder Israels", wie sie in der Thora genannt werden, und woraus die gemeinsame Abstammung aller Juden von Israel und Abraham hervorgeht. Die Juden bilden also wenn auch nicht politisch, so doch natürlich eine Nation. Und wenn auch das Wort Bileams zu Recht besteht, dass Israel und die Nationen nicht gezählt wird, so sind doch die Worte des Propheten Jeremias i ,ahr (31, 35, 36): Solange die Naturgesetze bestehen, solange wird die Nachkommenschaft Israels als Nation vor Gott bestehen! Nun könnte man einwenden, die Nachkommen Israels sind doch untergegangen, und die heutigen Juden bestehen zum größten Theil aus den fremden Elementen, welche das Volk Israel in sich ausgenommen hat, wie das Mischvolk, das schon von Aegypten aus sich Israel anschloss, dann die Ureinwohner Canaans nud die sonstigen zahlreichen Proselyten. Darauf ist zu erwidern: Die israelitische Volksseele ist so mächtig, dass sie alle fremden Elemente umschafft und sich vollständig assimiliert, fodass sie zu vollständigen Israeliten werden, jedenfalls aber im dritten Geschlecht. Und sol^e Elemente, deren Natur zu kräftig war, um in der jüdischen Volksseele vollständig aufzugehen, sind auch heute als fremde Elemente dadurch erkennbar, dass sie die charakteristischen Merkmale nicht besitzen : sie besitzen kein Schamgefühl, keine Barmherzigkeit und einen Wohlthätigkeitssinn! (Jebamoth 79 a.) Der Grund abe^ für diese vollständige Umwandlung ist der Glaube an einen körper- und gestaltlosen Gott und das Verbot, sich Götterbilder anzufertigen, wodurch allein schon der Sinn geläutert und geklärt wird. Sodann aber die das ganze Leben umfassenden Religionsgesetz'e im Essen und Trinken, in Ehe und Familie, in Arbeit und Ruhe, in Trauer und Freude, ferner die Enthaltung von allen Dingen, welche die Seele verunreinige» und verdummen. Das alles wirkt auf die fremden Elemente im jüdischen Volke, die das Gebot beherzigen: //Seid heilig, denn heilig bin ich Euer Gott!" und macht sie zu einem neuen Geschöpf, das von der Heiligkeit Israel durchtränkt ist. Aehnlich sagen unsere Weisen: Es heißt nicht: „Ich sondere Euch von den Völkern ab, um mir anzugehören." Ueberall und jederzeit sondern sich von den Völkern Leute ab, um in den Verband Israels zu treten und Gott anzugehören. Die jüdische Volksseele hat eben theils durch den Ursprung des jüdischen Volkes, theils durch Beobachtung der religiösen Gesetze eine so große, unzerstörbare Kraft, dass sie einerseits das jüdische Volk selbst unsterblich macht und nie untergehen lässt wie andere Völker, andererseits aber alle fremden Elemente umschafft und sich völlig assimiliert. Die Erfahrung sagt uns auch, dass der Charakter und Typus der Juden mit allen Vorzügen und Mängeln fast überall gleich ist, nur dass ihre äußere Lebensweise verschieden ist. Ja noch mehr! Wer in der Thora die Geschichte des Patriarchen Jakob liest, erkennt sogleich, dass die heutigen Juden seine Kinder sind, gleich ihm an Charakter und Erlebnißen,j das heutige Israel ist genau — der alte Israel. Wir Juden alle nennen Abraham unfern Vater — omo« WOK — und auch der Proselyt heißt ein Kind Abrahams, seine Volksseele geht im Volke Israel unter, er betet auch: sinser Gott und Gott unserer Väter. Zur Zeit des Tempels konnte ein Proselyt die Erstlinge bringen und Gott danken für das Land, das er uns, d. h. Israel, gegeben, weil er durch Annahme des Judenthums ein anderer Mensch geworden; er ist nicht mehr der frühere, sondern ein Jude, zunächst durch den Glauben, dann aber auch durch Gewöhnung und Erziehung an Wesen und Charakter. Daher sagen die talmudischen Weisen: ein Proselyt gleicht einem neugeborenen Kinde — er wird eben mit der Zeit ein vollständiger Jude. Mit anderen Worten. Das Judenthum macht jeden, der es annimmt, zum Nationaljuden, weil das Judenthum keine bloße Coufession ist wie die anderen Religionen, die "mall nur äußerlich bekennen kann, sondern national. Wer sich zu ihm bekennt, nennt sich einen Sohn Jakobs, Israels. Die Religionen der anderen Völker bilden nicht das Wesen dieser Völker, ihr Volksthum und ihre Religion sind zwei von einander unabhängige Dinge. Die Germanen sind nicht Christen, weil sie Germanen sind, noch sind sie Germanen, weil sie Christen sind. Nicht so das Judenthum. Wer von einer jüdischen Mutter geboren wurde, der hat sein Judenthum mit zur Welt gebracht. Die Kabbalisten haben da ein treffliches Wort: Gott, die Thora und Israel bilden zusammen eine Einheit. Wer aber als Nichtjude geboren ist und sich zur jüdischen Religion bekehrt, hat sich zugleich in die jüdische Nationalität aufnehmen lassen, wie ja einst Ruth sagte: Dein Volk sei mein Volk und dein Gott mein Gott. Wer aber sich zum Christenthum bekehrt, ist dadurch weder Germane »och Romane noch Slave geworden, jeder dieser Volksstämme kann ihn von sich weisen. Dagegen ist jeder, der sich zum Judeuthum bekennt, wie ein geborener Jude. Ebenso ist es beim Glaubenswechsel. Wenn ein Germane vom Katholizismus zum Protestantismus oder zum Islam übergeht, so hat er damit nicht aufgehört, Germane' zu sein, er ist eben Germane dieser oder jener Confession. Der Jude aber, der seinen Glauben verleugnet, Verleugner auch seine Nationalität. Daher ist auch der abtrünnige Jude verhasster und verachtetem, als ein Abtrünniger bei irgend einer andern Confessio», wo ja selbst Mitglieder herrschender Häuser wegen einer Heirat oder dergleichen ihren Glauben wechseln. Das Judenthnm ist eben wie die Muttersprache, in der man geboren und erzogen worden. Wer sie verleugnet und eine andere Sprache annimmt, verleugnet seine Stammesgenossen und wird daher von ihnen gehasst und verachtet. Die anderen Religionen dagegen sind wie fremde Sprachen, die man erlernt, spricht und auch ablegt — je nach Bedarf. Kein Mensch verachtet einen solchen Sprachwechsel. Der tiefere Grund dafür ist, dass d.ie Christen und Mohamedaner ihre Religion, sei es freiwillig oder gezwungen, zu einer bestimmten Zeit angenommen haben, und wie sie sie anZenommen, so geben sie sie auf, wie man ein Kleid wechselt. Nicht so das Judenthum bei den Mitgliedern 'des Bundes

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