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Die Wahrheit · 1901-06-21 · Heft 24 (21.6.1901) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 24 (21.6.1901)
Date
1901-06-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DieWahrchsit Redaction u. Administration Wien. 11/1. Novaragaffe 27. Hnaktzängige Keilschrift für Mische Lezagspriis: Ganzjährig . . St. 12.— j; Halbjährig ... St. 6.—; Theck-Conto Nr. 846.251. Anteressen. Für Lultnsbeamte: J n f 11 a t e: Ganzjährig ... St. 10.— ,, 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Erscheint jeden Freitag. ii Für Ausland: Abonnements- und Jnsertions- Ganzjährig .... 12 Mark - betrüge sind in Wien zahlbar. Katta: .Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" 6 Rubel oder 16 FrcS.;l Nr. 24.__Wien, 21. Juni_1901. Inhalt r Die jüdische Nationalität. — Aus der Wiener Cultusgemeinde. — Hilssverein der deutschen Juden. — Notizen. — Cantorentag in Wien. — H. Weintraub und seine „Tenipelgesänge." — Verschiedene Nachrichten. Die jüdische Nationalität. Eine Studie von Lector M. Friedman n. Aus dem Hebräischen bearbeitet von Dr. K a h a n, Znaim. Zum 4. Thammus 5661. Worvemerknng. Mei'r Friedmaim ist^ einer der genialsten und liebenswürdigsten jüdischen Gelehrten der Gegenwart. Seine zahlreichen Arbeiten, deren Aufzählung für den Kundigen überflüssig und für den Unkundigen unnütz ist, werden immer in der jüdischen Litteratur einen ehrenvollen Platz behaupten. Durch seine Vorträge im Wiener Beth-hammidrasch hat er seit 38 Jahren Unzählige erbaut und belehrt. Sie alle werden es nicht unterlassen, ihrem geliebten Lehren heute zu seinem siebzigsten Geburtstage ihre Glückwünsche darznbringen. Leider aber ist ein Mann, dessen Gelehrsamkeit tief im Judeuthnm wurzelt, den meisten Juden des Westens, selbst den Wienern, eine unbekannte Größe, weil eben diese Juden vom Jndenthnm am wenigsten etwas, wissen. Und doch sollen auch sie erfahren, dass heute ein Großer in Israel gefeiert wird. Die Abhandlung Friedmanns über die brennende Tagesfrage der jüdischen Nationalität dürfte auch den entjndeten Inden verständlich sein. Was sind die Juden? Gar Manchem wird diese Frage sehr müßig Vorkommen, ohne jeden praktischen Wert. Und doch ist sie in letzter Zeit vielfach aufgeworfen und besprochen worden. Man erörtert eifrig die Frage, ob die in aller Welt zerstreuten, unter den verschiedensten Nationen lebenden Inden eine Nation für sich bilden, ob es noch eine jüdische Nationalität gibt oder nicht. Ferner ist damit die Frage verbunden, ob die heutigen Juden noch die Kinder Israels, die Nachkommen Sems sind, oder sind sie es nicht mehr, weil im Laufe der Jahrtausende die fremden Elemente, welche die Israeliten in sich ausgenommen haben, so zahlreich sind, dass die ursprünglichen Israeliten dagegen verschwinden und somit die jetzigen Juden gar keine Semiten sind. Daraus ergibt sich auch die wichtige Frage, ob das Judenthum die Religion der jüdischen Nation, also eine nation aleReligion sei, oder aber eine c o n f e s s i o n e l l e, wie etwa die christliche, die von aller Nationalität unabhängig ist. Es ist nun klar, dass die Beantwortung dieser Fragen keineswegs gleichgiltig ist. Denn wenn die Nachkommen Israels nicht mehr existiren und die Juden von heute nicht die Kinder Abrahams, Isaaks und Jakobs sind, so ist das Jndenthnm, wenn auch auf die Thora Mosis gegründet, doch nicht das Erbe der Gemeinde Jakobs, da ja diese Gemeinde nicht mehr da ist. Die heutigen Juden wären etwa mit den Samaritanern zu vergleichen, welche die Thora Israels angenommen haben, ohne dass sie sie von ihren Vätern ererbt hätten. Und wie die Juden die Thora nicht mehr als väterliches Erbe betrachten können, so können sie das gelobte Land nicht mehr als das Erbe ihrer Väter ansehen. Beide Erbschaften sind also im Laufe der Zeit gegenstandslos^ geworden. Wenn aber dennoch die Juden in ihren Gebeten die Wiederherstellung Zions und Jerusalems erflehen, so hätte es gar keinen Sinn miö müsste höchstens als eine symbolische Bitte anfgefasst werden, dass die wahre Gotteserkenntnis sich über alle Welt verbreite, der Krieg und das Böse verschwinde, und das Gute allein zur Herrschaft gelange — kurz, die Juden beten nur um ein ideales Zion und Jerusalem (Vgl. Güdemann, Nationaljudenthnm)! Von der Beantwortung unserer Frage hängt auch die Beurtheilung der verschiedenen religiösen Richtungen innerhalb des Judenthums ab. Da gibt es nämlich Chassidim und ihre Gegner, deutschen und sephardischen Ritus, Orthodode und Reformer. Wenn das Judenthum national ist, so sind die verschiedenen Richtungen nicht imstande, eine wirkliche Trennung in der Judenheit hervorzurufen. Abraham trennte sich von Lot, um dem Streit der Hirten ein Ende zu machen, und doch eilte er, Lot zu retten, als dieser in die ^>aub der Feinde geriet. Ebenso wird ein Jude für den anderen einstehen, wenn auch ihre Seelenhirten einst im Streite lagen. Aber wenn das Judenthum nur eine Confession ist, wie soviele christliche auch, so lehrt uns ja die Erfahrung, dass die Natur solcher Confessionen ist, gegen einander den Vernichtungskrieg zu führen! Man sieht, dass unsere Frage: Was sind die Juden? keineswegs eine müßige ist, sondern von höchster Bedeutung für die Gegenwart und für die Zukunft. Und thatsächlich haben schon falsche Beantwortungen dieser Frage große Verwirrung an- ^gerichtet. Das Beste ist also, wir sehen zu, was die Thora und!7bie Propheten darüben sagen, da doch ihre Autorität noch bei allen Juden feststeht, und keiner der Wortführer etwa eine nene Thora einführen will. Unsere Thora also sagt, dass alle Menschen die Nachkommen eines Menschenpaares sind, alle gehören demnach zu

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