Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 23 (14.6.1901)
- Date
- 1901-06-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 23. Die Wahrheit. Seite 5. Symbole: Licht, die zwölf Brode auf weißes Linnen gelegt, und Wein zur Heiligung des göttlichen Namens vorhanden. Das Familienoberhaupt aus dem Bethause heimkehrend, begrüßte zuerst das Erscheinen der göttlichen Engel in seinem Haufe und recitirte hierauf in ergreifender Weise das Hohelied auf die Frau : „Wer ein wackeres Weib gefunden, der hat einen Schatz gehoben* und schloß diesen herrlichen Hymnus auf die Tugenden der Frau mit folgenden Worten : Eitel sind Schönheit und körperliche Reize, nur eine gottessürchtige Frau ist würdig des Lobes. Reiche ihr hin die Frucht deiner Händearbeit und Preise überall dort, wohin dich deine Wege führen, ihre guten Werke!" Der große Jude, Sir Moses Montefiore, pflegte an jedem Freitag Nachmittag vor seine Gattin hinzutreteu, sich dreimal zu verneigen und ihr die Worte zuznrusen: „Viele wackere Frauen gibt es, Du aber überragst sie alle*. Das war jüdisches Gemüthsleben! Und heute? Ja, heute ist es anders! Der Manu obliegt oft bis spät in die Nacht seinem Berufe, die Frau, wenn sie arm ist, hat genügend mit dem Zusammenhalten des kleinen Hauswesens zu thun, und ist sie wohlhabend, so bilden Theater, Jours rc. die Zerstreuung derselben. Von jüdischer Sitte, von jüdischer Weihe wird derzeit nicht viel, fast gar nichts bemerkt. Und doch können wir nichts anderes als Inden sein und wollen auch Juden bleiben. Wenn wir es aber sein wollen, so müssen wir es auch ganz fein, da sonst in absehbarer Zeit jede Spur unseres jüdischen Charakters verwischt sein wird. Jnsolange wir an den ethischen Grundsätzen unserer geheiligten Religion, an unsern Ueberlieserungen noch festhalten, werden uns selbst unsete Feinde Achtung und Anerkennung nicht versagen; hören wir aber auf, dies zu thun, dann können wir von Freund und Feind das strikte Gegentheil u'nso sicherer und mit Recht gewärtigen. Der Niedergang des jüdischen Gedankens ist aber einzig und allein dem Umstande zuzuschreiben, dass die jüdische Frau die religiöse Erziehung ihrer Kinder aus der Hand gegeben hat. Nicht der Neligionslehrer in der Schule, wie der Schreiber dieser Zeilen bereits au anderer Stelle ausführte, auch nicht der Prediger auf der Kanzel sind im Stande, eine überzeugungstreue Generation zu erziehen, sondern einzig und allein die jüdischen Mütter. Zur Ehre derselben muß gesagt werden, dass sie jetzt ihr Hauptaugenmerk der öffentlichen Wohlthätigkeit zuwenden, und die vielen segensreich wirkenden Frauenvereine liefern ein beredtes Zeugnis für diese Thätigkeit. So löblich jedoch dieses Beginnen auch ist, darf hierüber keinesfalls die Hauptsache, die Erhaltung und Pflege der Religion, vergessen, noch weniger ignorirl werden. Deshalb wollen wir die Anregung geben zur Gründung eines großen Frauenbundes mit der Tendenz, die strikte Einhaltung der Religionsvorschriften in der Familie zu fördern. Wird diese Anregung auf fruchtbaren Boden fallen, und werden unsere jüdischen Frauen und Mütter sich für die Sache begeistern, dann ist uns um die Zukunft des jüdischen Volkes, mag der Sturm noch so sehr toben, nicht mehr bange; dann wird das Judenthum einem verjüngten Phönix gleichen, der einen kühnen Aufschwung nimmt und mit seinem kräftigen Flügelschlag die von giftigen Myasmen geschwängerte Atmosphäre reinigend, einen erfrischenden Luftzug herbeiführt, zum Wohle des jüdischen Volkes, zu Nutzen und Frommen der gesummten Menschheit. N. C h a m e i d e s. Die Zchule, die ich meine. (Schluss.) Jene Pflanzstätten, auf denen wieder einmal jüdische Saat aufgehen und weltverdauliche Früchte reisen sollen, die jüdischen Volks- und die Mittelschulen, dürften in keinem christlichen Lager so hartnäckigem Widerstand begegnen, wie bei einem Theile unserer Volksgenossen. Jene noch immer mächtige und thatkräftige Partei, die da mit saurem Schweiße und mit großem Nutzeffect auf Abtragung aller jüdischen Zäune arbeitet, wird sofort den Zeitgeist gegen die Finsterlinge anrufen, die die Juden wieder ins Cheder stecken und eine clericale Partei mit finsteren, rückschrittlichen Ideen heranbilden wollen. Sie werden gewiss auch noch andere Momente ins Treffen führen, was aber bei dem wenig denkenden Publikum am meisten wirkt, das ist der Allarmruf: „Ueberladuug mit unbrauchbarem, abgelebte« Zeugs" und der Vorwurf der Selbsteinschließung in das Ghetto, Für jenen Theil unseres Volkes, welcher mit dem Judenthum nur noch so lose zusammenhängt, wie etwa alte Fransen am Saume eines Kleides flattern, haben alle unsere Bestrebungen keinen Werth, derlei Zotten und Anhängsel stoßen sich ab. ehe man sich dessen versieht. Diese Juden, welche unter der Fahne „Los auf Rom!* die Ersatzreserve gegen die alldeutsche Los von Rom-Bewegung bilden, mögen ihre Nachkommenschaft erziehen, wie es ihr Specialzeitgeist erheischt. Ihnen steht die christliche Erziehungsmethode obenan, und die vorhandenen Schulen werden selbstverständlich ihren Kindern die Aufnahme nicht verweigern können. Allein die Rechnung, die da gemacht wird, hat einen Fehler. Das Judeuthum geht nicht ohne weiteres in dem Rechnungsexempel der Assimilation ohne Bruch auf. Und auf diesen diesen Bruch weist uns der Prophet hin mit den Worten: nbiy wy ab Wits* n'irnrn Der Rest Israel begeht kein Unrecht. Dieser Rest von Hunderttausenden recht wackeren Juden will jenes Blindekuhspiel mit dem Heiligsten, mit dem Volksunterricht, nicht mitmachen. Dieser Rest will seine Nachkommen erzogen wissen in jüdischen Schulen, in denen den Kindern Gelegenheit geboten wird, die Sprache ihres Volkes und seine Literatur sich anzueignen. Die Jugend soll auch praktisch in den liturgischen Handlungen eingeübt werden und den Gottesdienst unter Aufsicht der Eltern oder der Lehrer in Andacht und Wohlerzogenheit mitmachen können. Unsere erwachsene Jugend hingegen soll Zeit und Gelegenheit finden, das Hebräische selbstthätig zu verwerthen und dieses Studium mit anderen Wissensgebieten und Sprachen zu vergleichen. Die jüdische Geschichte hätte Stoff genug zur Veredlung des Gemüthes und zur Stählung der Charaktere, auf dafs die fchwachen Kinder Israels zu geistesstarken Männern heranreifen. Besitzen wir doch in unserem eigenen Schriftthume an männlichen und weiblichen Heldengestalten mehr als jedes antike Volk, und was verlieren denn so z. B. unsere Kiltder, wenn in den Mittelschulen das Lob unserer Henker und der Mordbrenner des des Mittelalters ans arischem Stamme nicht vernehmen werden, sondern geschichtliche Wahrheiten über die Kreuz- und Querzügler. Der Borwurf des Zeitverlustes mit der Pflege der hebräischen Sprache und des jüdischen Schriftthums erscheint mir schon vom rein ethischen Standpunkte aus als ungeheuerlich, und ich finde kein Analogon dafür in der zeitgenössischen Geschichte, denn es ist mir kein Volk bekannt, das nicht auf die Pflege seiner Sprache, seiner Litteratur und seiner nationalen Geschichte großen Werth legen und hiefür einen großen Theil der der Jugenderziehung gewidmeten Zeit verwenden würde. Ist es je einer Schulbehörde eingefallen, die Lehrzeit für diese Gegenstände auf ein Minimum zu reduciren? Nur Israel muß die einzige Nation sein, welche selbstmörderisch die Axt an seine Wurzel anlegt und sich aus dem Buche der Lebenden streicht. Welcher Gegensatz zu dem einstigen Israel, dem echtem, dem Märtyrerisrael, das alles für seine geistigen Schätze opferte! Es gibt noch einen Vorwurf, den man uns in Sachen der jüdischen Schule macht. Die Separation der Kinder, so heißt es allgemein, bewirkt dann eine Trennung der Bürger. Ich kenne auch das, weiß aber ganz gut, dass bei den meisten nichtjüdischen Schülern der Judenhass unausrottbar ist, und weiß ferner, was noch trauriger ist, dass der Hass mit der Zahl der jüdischen Schüler und Schülerinnen zunimmt — ohne dass jemals jemand den ernsten Willen zeigte, diesen orrr .irvt? aus den Herzen der Kinder zu reißen. Deshalb nützen alle Annäherungsversuche in der Jugend kaum etwas, und Israel hat es nicht nöthig, seine Kinder unter der Hand Esau's jahrzehntelang peinigen und sich in Verfolgung der Erziehung, - welche nur jüdische Pädagogen mit Erfolg durchführen können, stören zu lassen.