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Die Wahrheit · 1901-06-14 · Heft 23 (14.6.1901) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 23 (14.6.1901)
Date
1901-06-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Vre Lvahryeu. Nr. 23 Auf den nie versiegenden Wohlthätigkeitssinn unserer Wiener Glaubensbrüder bauend, hat der Vorstand an diese um Beitrage zur Förderung des Baues appellirt, und die Besten unserer Glaubensgenossen ließen diesen Appell nicht ungehört an sich vorübergehen. Ich entspreche einer Ehrenpflicht, wenn ich im Namen des Vorstandes all' den edlen Spendern für ihre Beiträge innigen und herzlichen Dank ausspreche. Siechen, unheilbaren Menschen das kümmerlicheDasein zuerleichtern, gewahrt gewiss erhebendeBefriedigung, und diese ist der allerbeste Dank für die Förderer unserer Anstalt, Wir wollen auch heute pietätvoll der nun in Gott ruhenden Baronin -Clara von Hirsch gedenken, die für Zwecke des Betriebes der Anstalt einen namhaften Betrag gespendet hat — für die Kosten des Betriebes, zu welchen, wie wir wohl erwarten dürfen, edle Wohlthäter auch weiterhin mildthätige Spenden zusühren werden. Indem wir, hochgeehrte Anwesende, nunmehr daran gehen, > wit der Errichtung des Schlusssteines das symbolische -Zeichen der Beendigung zu setzen, obliegt es mir, in Meinem Namen und in dem des Vorstandes unserem trefflichen College», Architekten Baurath S t i a ß n y, für seine hingebungsvolle Leitung des Baues herzlichen Dank und volle Anerkennung auszusprechen, wie wir auch dankend all der Gewerbetreibenden vnd Werkleule gedenken, welche unter seiner Führung den Bau zur Vollendung gebracht haben. Nunmehr steht das Haus fertig da — unser anwesender ehrwürdiger Ollerrabbiner wird demselben die priesterliche Weihe geben — und in wenigen Wochen werden unsere Schützlinge die Anstalt beziehen. Wir, die derzeitigen Vorsteher der Gemeinde, können in unserem Namen und wohl auch in dem unserer 'Nachfolger das Gelöbnis abgeben, zu allen Zeiten unsere Fürsorge dem Hause und seinen Insassen zuzuwenden. Und so möge denn dasselbe dem Schutze der Vorsehung empfohlen sein! Sie werden es. geehrte Anwesende, begreiflich finden, wenn ich den Anlass nicht vorübergehen lassen kann, um auch v.'n einer menschlichen Vorsehung, welche in diesem Hause waltet — ich meine von unserem Damencomita — zu sprechen, welches, geführt von seiner wackeren und unermüdlichen Obmännin, in wahrhaft edler und hingebungsvoller Weise neben den Vorstehern des Amtes waltet, und ich entspreche gerne der Ehrenpflicht, auch bei diesem feierlichen Anlasse den edlen Damen für ihr ersprießliches Wirken den innigsten und herzlichsten Dank zu sagen, umsomehr als dieses Wirken ja nicht nur aus Erzielung von Ersparnissen gerichtet ist, sondern seine Mission auch darin erblickt, den Insassen schirmend zur Seite zu stehen. So möge denn dieses Haus in seiner nunmehrigen Ausgestaltung, zu Ehren unseres vielgeliebten Kaisers und zum Wohle unserer Allerärmsten errichtet, unter dem Segen Gottes, mit Hilfe unserer Glaubensgenossen und aller edlen Menschen seiner frommen Bestimmung stets gerecht werden — unseren Nachkommen bis ins fernste Geschlecht ein Wahrzeichen jüdischen Gemeinsittues und der Erfüllung wahrer Menschenliebe! Und so wie immer gedenken wir auch heute in unwandelbarer Treue unseres erhabenen Monarchen und wir vereinigen uns in dem Ruse: „Gott erhalte, Gott schütze, Gott segne unseren allergnädigsten und vielgeliebten Kaiser! Seine Majestät, Kaiser Franz Joses I. lebe hoch, hoch, hoch!- Nachdem die Versammlung begeistert in die Hochrufe eingestimmt hatte, ersuchte der Präsident den Architekten, Herrn Baurath Stiaßny, die Schlusssteinurkunde zu verlesen, die dann in die Mauer versenkt wurde. Nach ^Einfügung des Schlusssteines vollzog Baurath Stiaßny als Erster die Cere- Monie der Hammerschläge. Hieraus hielt Oberrabbiner Dr. Güdemann die Festrede, Leren einleitender Satz den sinnigen Spruch variirte, dass die reinste und vollkommenste der menschlichen Freuden in der siegreichen Bekämpfung des menschlichen Leidens beruhe, dass es vielleicht außer dieser Freude überhaupt keine gebe, denn jede .andere sei vergänglich, diese aber ewig, wie die Leiden selbst, die man nicht aus der Welt schaffen könne, wohl aber zu erleichtern vermöge. Der Redner führte dann aus. dass die Religion Israels zuerst in der alten Welt den Satz ausgesprochen habe: Vor einem grauen Haupte sollst Du aufstehen, und das Antlitz des Alten sollst Du ehren! Das sei der erste Aufruf zum Kampfe gegen die Leiden des Alters, das war die Erhebung der Greise aus ihrer kümmerlichen Lage in die oberste Rangclasse der Menschheit, das war die erste Einrichtung zur Altersversorgung. Der Oberrabbiner schloß mit den Worten: „Im Namen Gottes, des Vaters aller Menschen, der da ist eine Stütze der Elenden, ein wahrer Arzt aller Kranken, Leidenden und Siechen, ein Erlöser der Gefesselten, der Befreier der Bedrückten! Gottes Segen über dieses Haus!" Nach Ausführung der Hammerschläge durch die Honoratiorens intonirte Obercantor Guttmann den Schlusschor Psalm 118, Vers 22—24 und hierauf wurde vom Chore die Volkshymne gesungen, womit die schöne Feier beendigt war. Bei, der hieraus folgenden . Besichtigung des Hauses,'.dessen einer Theil, das Versorgungshaus, schon seit dem Jahre 1898 seiner Bestimmung übergeben ist, fand die zweckmäßige, allen modernen hygienischen und technischen Anforderungen entsprechende Einrichtung und Ausstattung desselben allgemeine Anerkennung. Ein Theil der Festgäste besichtigte auch den angrenzenden alten Friedhof und wie sie zwischen den Gräbern wandelnd, pietätsvoll der Männer gedachten, -die den Grundstein für die heutige Größe und Bedeutung der Wiener Cultusgemeinde gelegt haben, so ist auch den wackeren Frauen und Männern von heute, die an diesem großartigen Werke jüdischer Nächstenliebe Antheil haben, die dankbare Erinnerung unserer Nachkommen für ewige Zeiten gesichert. Ein Beitrag zum Capitet Fraueuemanzipation. Die Fesseln sind gesprengt, die Mauern, welche die Frau in ihrer Behausung einengten, sind gefallen, und der Ansspruch Engen Sus's: „Meine Frau soll nur nach den Töpfen sehen * ist längst schon veraltet. Die Frau von heute fühlt sich vollauf berufen und befähigt, nicht blos der ihr von der Natur zugewiesenen Aufgabe, der Pflege und Erziehung der Kinder, in erhöhtem Maaße gerecht zu werden, sondern sie nimmt auch für sich das Recht in Anspruch, dem Manne in wissenschaftlicher, politischer und commerzietler Hinsicht entgegenzutreten, beziehungsweise demselben gleichgestellt zu werden. Wenn wir unseren Blick prüfend nach den verschiedenen Eulturstaaten Europas lenken, so machen wir die Wahrnehmung, dass die Emancipationsbestrebnngen der Frauen in 'den verschiedenen Ländern von verschiedenen Gesichtspunkten geleitet sind. Während in England beispielsweise die Frauen mit Vorliebe Politik treiben, das active und passive Wahlrecht fast gewaltsam zu erlangen bemüht sind, um als Deputirte ins Unterhaus zu gelangen, während sie in Frankreich wiederum sich noch damit begnügen, tonangebend in Kunst und Mode zu sein, sehen wir die deutsche Frau nach wie vor ihren ganzen Stolz drein setzen, die Dreieinigkeit: Weib, Mutter und Hauswirthin in sich zu verkörpern. In Oesterreich aber, insbesondere in der Metropole des Reiches, tritt uns eine ganz eigenartige Erscheinung der Franenemancipation entgegen. Hier sehen wir einen großen Frauenbund, der der gegenwärtig herrschenden, volkoerhetzenden politischen Partei als wirksames Agitationsmittel äußerst willkommen und erwünscht erscheint. Dieses Streiflicht auf die Emancipationsbestrebungen der Frauen hüben wie drüben vorausschickend, wollen wir uns nunmehr dem Leben und Wirken der jüdischen Frau von einst und jetzt zu wenden. In der guten alten Zeit, auch in jener des Ghetto und noch viel später-, war die jüdische Frau der wahre Pionnier der Religion. Ihre Behausung war ihr das Heiligthum, in dem sie als Priesterin lebte und wirkte. Kam der Freitagabend, so verwandelte sich die ärmste Hütte in einen kleinen salomonischen Tempel. Fehlte auch der reiche Schmuck, so waren zumindest die

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