Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 23 (14.6.1901)
- Date
- 1901-06-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Jahrhundertes "die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Wien ihre Lieben zur ewigen Ruhe betteten und späterhin arme kranke Glaubensgenossen liebevolle Pflege fanden, dort also, wo Pietät und Menschenliebe in stetiger Kontinuität bis zum heutigen Tage geübt wurden, hat die Wiener israelitische Cultusgemeinde zur Erinnerung an das fünfzigjährige Regierungsjubiläum Sr. Majestät des Kaisers dem Alter und dem Siechthum ein Heim errichtet, dessen feierliche Schlusssteinlegung Sonntag,, den 9. d. stattfand. Das im 9. Bezirk, Seegasse 9, besiudliche Versörgnngs- und Siechenhaus der Wiener Cultusgemeinde repräsentirt sich als stattliches, dreistöckiges Hans mit 30 Fenstern Front, das für die Aufnahme von ungefähr 250! Personen berechnet ist, und mit vollem Rechte darf dieser Bau, wie der Präsident der Cultusgemeinde kais. Rath Klinger, in seiner Ansprache an die Festgäste treffend bemerkte, „als ein monumentales Wahrzeichen jüdischen Gemeinsinnes und wahrer Menschenliebe" bezeichnet werden. Der Tag der Schlusssteinlegung bedeutet einen Ehrentag in des Wortes schönster Bedeutung nicht nur für die Wiener Cultusgemeinde und den gegenwärtigen Vorstand, sondern auch für jene zahlreichen Mitglieder der Gemeinde, welä-e durch ihre Opferwilligkeit die Errichtung dieses großartigen Werkes der Humanität ermöglicht haben, das allen, die an demselben theilgenommen, zur Ehre und zum ewigen Ruhme gereicht. Der Schauplatz der Feier war der zu ebener Erde befindliche große Festsaal des Siechenhauses, dessen Wände mit schwarzen Marmortafeln geziert sind, die in goldenen Lettern die Namen der Gründer und Stifter verkünden. An der Stirnseite des Saales war' die Büste des Kaisers, von Palmen und Blumenschmuck umgeben, aufgestellt. Knapp vor 11 Uhr hatten sich im Festsaale eingefunden: Reichsrathsabgeordneter Noske, der Bezirksvorsteher der Leopoldstadt Niebauer, der Bezirksvorsteher-Stellvertreter vom Alsergrund Anton Oerley, der Präsident der türkischen Gemeinde Marcus M. Russo, Major Bardach, Edler v. Glumberg, das Damencomitö des Versorgungshauses mit der Präsidentin Frau Diamant, der gesammte Vorstand der Wiener Cultusgemeinde unter Führung des Präsidenten kais. Rath Heinrich Klinger, die Beamten der Cultusgemeinde mit dem ersten Secretär kais. Rath Dr. Lieben, viele Rabbiner, Cantoren, Tempel- und Vereiusvorsteher, sowie zahlreiche angesehene Mitglieder der! Gemeinde. Ein stimmungsvolles Präludium eröffnere die Feier, j worauf Obercantor Singer mit dem Chorpersonale, das Chorj meister Professor Sulzer persönlich dirigirte, den Psalm 112, Vers j 21—23 vortrug. Als der weihevolle Sang verklungen war, richtete! kais. Rath Heinrich Klinger folgende Ansprache an die Festgäste :! Hochgeehrte Versammlung! j Vom Vorstande der israelitiichen Cultusgemeinde nt mir! die ehrenvolle Aufgabe übertragen, die geehrte Versam nluug zu j begrüßen. Indem ich es mir zu Ehre rechne, dieser Au'gabe zu entsprechen und Ihnen hochgeehrte Anwesende für Ihr Erscheinen danke, begrüße ich insbesondere auch die Herren R. A. Noske, Bez.-Vorst. Niebauer, Bez.-Vorsl.-Scelloertreler Oerley und den Präsidenten der türkisch-isr. Gemeinde Russo nur» glaube die Theilnahme an dieser unserer heutigen Feier als einen Beweis der Sympathie mit unseren B e st r e b u n g e n ans humanitärem Gebiete bezeichnen zu können. Sie kennen, geehrte Anwesende, die Veranlassung zur Errichtung dieses Siechenhauses für den Vorstand: es galt auch uns — die wir in angestammter Treue unseren erhabenen Monarchen verehren — durch ein Werk der Mildthätigkeit den glorreichen Tag der 50jährigen Regierung unseres vielgeliebten Kaisers zu feiern. Nicht rauschende Feste, nicht prunkvolle Veranstaltungen, sondern — so war der Wunsch unseres Kaisers — Werke der Menschenliebe sollten diesen historischen Gedenktag, verherrlichen. Von dieser Erwägung geleitet, haben wir im Dezember 1898 den Grundstein gelegt, für ein im A n s ch l n s s e an unser Altersversorgungshaus und in gebotener Ergänzung, desselben zu errichtendes Siechenhaus — eine Stätte, geschaffen zu Ehren unseres geliebten Kaisers und bestimmt, den Bemitleidenswertheften unserer Glaubensgenossen, hilflosen und bresthaften Greisen, Schutz und Schirm zu gewähren. Hochgeehrte Anwesende! Es ist ein bedeutsamer Boden, der einzige Fleck Wiener Erde, der gleichiam als Vermächtnisaus dem Mittelalter in ununterbrochener Continuität der Wiener Judenschaft gehört, auf dem dieses Haus errichtet wurde, um als ein monumentales Wahrzeichen jüdischen Gemeinsinnes feiner Bestimmung, der Bethätigung wahrer Menschenliebe, zugesührt zu werden.