Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 22 (7.6.1901)
- Date
- 1901-06-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Mentioned entities
- hazzan 3× ep/1004827
- Hrodna 1× ep/1044655
- Jelgava 1× ep/1000666
- Minsk 1× ep/1000754
- Odesa 1× ep/1000834
- Riga 1× ep/1000826
- Vilnius 1× ep/1000947
OCR text
Hesterr.-rrngcrr. Kerntoren-Heitung. Nr. 22. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 21. Iahrg. H. Weintraub und seine „Tempelgesänge". Von Ed. Birnbaum, Königsberg. (Fortsetzung.) Die Verhandlungen mit der Gemeinde Alt-Ofen wurden seiner Leit einerseits durch den Rabbiner R. Moses M i n z (Oien) und andererseits durch den berühmten Gelehrten und Liturgiker R. Ephr. Salman M a r g o l i o t h (Brody) geführt. Als das Engagement durch die Hartnäckigkeit der Gemeinde Dubuo nicht zustande kommen konnte (Kaschtau halte sogar in Ofen die hohen Feiertage vorgebetet, wodurch er die Nachgiebigkeit seiner Heimatsgemeinde ertrotzen zu können hoffte), war sein Bestreben darauf gerichtet, den einträglichen Posten wenigstens seinem Bruder R. Nachum-Löb (Berditfchew) zugänglich zu machen, den er auch von rein künstlerischem Standpunkte höher stellie als David Brody : aber, wie bereits erwähnt, war dieses Bestreben ohne Erfolg geblieben. Nerurtheilt, jede Rivalität aufzugcden, machte er von dem Rechte, das Jahr über reisen zu dürfen, einen um so unbeschränkteren Gebrauch, und so führten seine von den größten Erfolgen begleiteten Reisen nach Kiew, Odessa, Nikolajew, Brisk-Litewsk, Bialhstock, Grodno, Wilna. In letztgenannter Stadt lernte unser den Vater begleitender Weintraub den ehemaligen Chasan Sender M i r e r (auch Sender Minsk genannt) kennen, auf den ich noch zurückkommen werde. Dann kam aber die eigentlich letzte K u n st r e i s e Kaschtan's durch Litthauen, Schamaitien (= BiöKT mit Kowno), Mitau, Riga, Mir, Minsk, bis er wieder in Dubuo ein trifft, woselbst er die hohen Feiertage vorbetet. Kurze Zeit darauf verheiratet er seine zwei Söhne, wird aber leidend. Die Aerzte stellen bei ihm eine Leberkrankheit fest und verbieten ihm schließlich jede Anstrengung, darunter auch das Singen. Trotz dieser ärztlichen Verwarnung betet er doch die nächsten hohen Feiertage vor, aber zu 3*7 verlassen ihn die Kräfte. Zu jener Zeit war unser Weintraub in Slavita. von wo er geheiratet hatte*). Vor m besuchte er noch den kranken Vater, bei welcher Gelegenheit er dort mtP vorbetet. Bei mx' nnK singt er ihm noch eine Melodie leise vor, die der Sohn nie vergessen konnte, so schön war sie. Auch Snckoth betete Weintraub vor, damals begann er mit seiner zweiten Stimme (Tenor) zu singen. Dann reisten Kaschtan, seine Frau, Weintraub und Mordechai-Perez, der treue Bassist, nach Lemberg, um daselbst bei Gelegenheit beii Rath eines berühmten Arztes (Rapoport) einzuholen, und von da ging es nach Brody. Hier aber stirbt Salomon Kaschtan am 6. Kislew 590 (1829), 49 Jahre alt. Drei Tage von seinem Tode kam die Trauerbotschaft, dass auch Kaschtan's Bruder R. R a ch u m - Lob gestorben sei (am 18. Marcheschwan), aber man scheute sich es dem lodtkranken Manne mitzutheilen. Kaschtan wurde *) Von dieser ersten Frau, die heute noch hier in Königsberg als hochbetagte Greisin lebt, hat er sich später scheiden lassen, weil sie Neigungen zur „sreireligiösen Gemeinde" zeigte, deren Gottesdienste sie regelmäßig oesuchte. Aus dieser Ehe leben noch zwei Töchter (ein Fräulein, welches hier als Musiklehrerin lebt, und eine Frau Dr. Wolfs, ebenfalls Musiklehrerin, welche bei ihrer Verheiratung die Taufe nahm) und ein Sohn, welcher in einer kleinen Provinzialstadt als Arzt praktizirt. Eine dritte Tochter ist vor einigen Jahren als betagtes Fräulein gestorben, bei deren Beerdigung ich mich amtlich betheiligte. Mit der zweiten Frau, der ebenfalls hier lebenden Frau Musikdirektor Bertha Weintraub, geb. Seelig, hatte er einen einzigen Sohn mit Namen Max, den ich noch aus Pietät gegen den verstorbenen Vorgänger für die Bar-Mizwa vorbereitete und der jetzt als Apotheken-Besitzer und glücklicher Familienvater (verheiratet seit dem 18. Jänner 1900 mit der Tochter des hiesigen Fabriksbesitzers, Herrn Noa Blau, einer, nebenbei bemertt, ganz vortrefflichen Geigerin) das „Ein und Alles" der alten Mutter bildet. unter großem Gefolge in Ehren begraben und durch eine Trauerrede vom „Brodyer Maggid" ausgezeichnet. Nach Verlauf der Trauerwoche zogen die Hinterbliebenen nach Dubuo zurück, wo Weintraub an Stelle seines Vaters als ptp angestellt wurde. Die fromme Mutter Weintraub's starb, 70 Jahre alt, am 21. Adar 615 (1855) in Dnbno. Ullbeftritten und ohne Zweifel haben wir in Kaschtan das Prototyp eines großen „polnischen Chasan" vor uns, dessen Gesänge, wie sie uns in 3 Theile des vorliegenden Werkes (und mehreren Musikhandschriften meines Besitzes) erhaltet! sind, dem Geschichtsforscher auf dem Gebiete des Synagogengesanges reichlichen Stoff zu mannigfachen Betrichtungen bieten. So verlockend es auch ist, muss ich mir in dieser Beziehung, schon um bei der Sache zu bleiben, weise Beschränkung auferlegen. Aber unwillkürlich drängt sich die Frage auf: Hat das Leben und Wirken dieses Mannes, dessen Leistungen, wie wir wissen, mehr auf das Virtuosenhafte hinausliefen, überhaupt einen tieferen Werth gehabt? Verlohnt es sich, sich mit seiner Person so eingehend zu beschäftigen, sintemal sie hier nur eine Folie für den Sohn abgeben zu sollen scheint? Ist der „p o lnische Synagogengesang" überhaupt von solcher Wichtigkeit für den Entwickelungsgang unserer Synagogenmusik gewesen, dass wir des Langen und Breiten bei seiner Betrachtung verweilen? Was stellt er eigentlich dar? Ist er wirklich noch das Ideal dessen, was wir für vollendet schon erachten mögen, oder nicht vielmehr im Gegentheil eine Art Zerrbild für den Aesthetiker geworden, welches wir zu dem Zwecke festhalten, um ihm endlich — und die Entwickelung des letzten' Jahrhunderts scheint dem Recht zu geben — den Abschied in allen Tonarten und Ehren zu geben? Der älteste mir bekannte Musikforscher, welcher den „polnischen Synagogengesang" charakterisirte, ist der Abbä Mainzer*). Dieser schreibt (vgl. Schwab, Roportoirs, Paris 1899, p. 258): „Besonders die polnischen V o r b e t e r haben in dieser Art der Ausführung (Coloraturen. Triller rc.) Erfolg ... Es hat den Anschein, als ob der polnische Jude, der von seinen Mitbürgern verfolgt und verachtet wird, sich gern auf dem weiten Felde der Phantasie tummelt. An Festtagen intonirt er die traditionellen Gesänge und verschönert sie ohne System mit Verzierungen, welche der Augenblick ihm für ausdrucksvolle und tiefgefühlte Worte eingibt. Sein Gesang ist weder die reine Phantasie, noch entspringt derselbe einer kalten Berechnung. Der polnische Chasan folgt vielmehr der Inspiration seines religiösen Eifers, einem unwiderstehlichen Wunsche, einem Enthusiasmus, der ihn überwältigt und mitreißt. Sein Gesang kommt vom Herzen, das unter heiligen Eindrücken pulsirt — und darin besteht seine wahre Anziehungskraft. Er verachtet das ernste, gemessene Benehmen seiner Collegen in anderen Ländern, und vergisst, dass man ihm zuhört und dass die Aufmerksamkeit der Gemeinde auf ihn allein gerichtet ist." ^Fortsetzung folgt.) verschiedene Nachrichten. Wien. Sonntag, den 16. Juni begeht der unter der Leitung der unermüdlichen Präsidentin, Frau Sofie Grünfeld, stehende Verein „Ferienheim" die feierliche Weihe des „Kaiser Franz Josef-Ferienheims" zu Tischnowitz in Mähren. Die Abreise^ der Festgäste findet an diesem Tage um 7 Uhr 28 Minuten Früh (Eilzugl vom Staatsbahnhofe statt. *) Eine Charakteristik dieses Täuflings, den sich der gute Dr. Kohut neben vielen anderen Musikern durch die Finger gehen ließ, behalte ich mir für ein andermal vor. Er war 1801 zu Trier geb. undstarb 10. November 1851 in Manchester. Vgl. Riemann, Gesch. der Mus. seit Beethoven, Berlin, 1901, p. 224 u die Lexika.