Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 22 (7.6.1901)
- Date
- 1901-06-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22. Die Wahrheit. Seite 7. Gegenden unseresPaterlandes, in stets wachsender Anzahl, die dem Handwerkerstande zustrebenden, hilfsbedürftigen Kinder unserer Confession.Jn dieser Richtung bedarf es mehr keiner besonderen Aneiferung, weder der jüdischen Eltern noch der Jugend, umsomehr ist es jedoch wünschenswerth und nothwendig. die dem Handwerk zuströmenden Kinder materiell zu unterstützen und deren Ausbildung zu fördern. Jnsolange die Heranbildung der Handwerker in patriarchalischer Weise geschah, und der Handwerkslehrling in der Werkstätte seines Meisters fachgemäße Ausbildung und im Familienkreise desselben eine Heimstätte, Verköstigung und Erziehung genoß, vermochte auch unser Verein seiner aus die Heranbildung von Handwerkern gerichtete Aufgabe auf einfachere Art und mit geringeren materiellen Opfern zu entsprechen, insoferne als derselbe seinen Zöglingen entsprechende Werkstätten mit gänzlicher Verpflegung ermittelte und hiebei nur für deren Bekleidung und Beaufsichtigung zu sorgen hatte, wobei demselben die Möglichkeit geboten war, die Zahl feiner Schutzbefohlenen, trotz Beschränktheit seiner materiellen Mittel, von Jahr zu Jahr zu erhöhen. In dem Maaße aber, als die Werkstätten des Kleingewerbes von den Fabriksstätten der Großindustrie verdrängt werden, in demselben Maaße hört auch die patriarchalische Art -er Handwerkerausbildung immermehr auf, und es tritt somit die Nothwendigkeit ein, die für das Handwerk bestimmten Zöglinge zur Ausbildung in Fabriken und Fachschulen zu unterbringen und über die Dauer ihrer Lehrzeit dieselben mit gänzlicher Verpflegung (Wohnung und Beköstigung) zu versehen. In Voraussehung dieser Schwierigkeiten der Lehrlingsausbildung, die nunmehr auch unsere Regierungskreise beschäftigen, haben wir bereits im Jahre 1893, anlässlich unseres halbhundcrtjährigen Vereins-Jubiläums, unser Lehrlingsasyl, das erste derartige Institut in unserem Vaterlande, errichtet, durch welche Schöpfung uns die Möglichkeit geboten war, vorläufig zumindest solchen Vereinszöglingen, die eine größere Vorbildung besitzen, bei Unterbringung und gänzlicher Verpflegung in unserem Lehrlingsheinkd bessere Werkstätten und entsprechendere Handwerke zuzuweisen. Wir gewahren mit Befriedigung, dass seit dem Bestände unseres Lehrlingsheims, durch die Internats-Begünstigung angeeifert, eine zunehmende Zahl besser befähigter Kinder mit Mittel- und Bürgerschulen-Vorbildung die Aufnahme in die Reihe unserer Handwetkszöglinge anstrebt, wodurch unser Lehrlingsasyl ein wirksainl.r Factor unserer Culturbestrebungen wurde. Die Verpfleg'.!ng der internen Zöglinge, welche aus einem im Institute gebotenen Früh- und^ Abendmahl zbesteht, sowie der Gesundheitszustand, über welchen der Jnstitutsarzt Doctor Friedrich I r s a i mit gewissenhaftem Eifer jwacht, ist vollkommen befriedigend. Zn Mittag begeben sich die Internats-Zöglinge, die aus ihren in verschiedenen Stadttheilen fern liegenden Werkstätten nicht heimkehren können, in die ihren Arbeitsstätten am nächsten gelegenen Volksküchen und bestreiten ihr Mittagsmahl zumeist aus ihrem Arbeitsverdienste. Für die arbeitsfreien Sonntage hat unser Damencomits, das unseren Zöglingen eine liebevolle Fürsorge zuwendet, im vergangenen Jahre den schönen Brauch eingeführt, die internen Zöglinge zum Mittagsmahle an ihren Familientisch zu laden; überdies hat das Damencomits auch an den Chanuka- und Purim-Festen liebevoll für ihre Bewirthung gesorgt. Mit innigem Danke verzeichnen wir an dieser Stelle diese edelmüthigeu Akte unserer Damen mit dem Wunsche: dass dieses edle Beispiel der Menschenliebe in weiteren Kreisen zahlreiche Nachahmer finden möge. Unser Damencomits hat getreu dem sich vorgezeichneten »Programme seine Fürsorge auch auf die Haushaltung des Institutes ausgedehnt und insbesondere den Bedarf an Bett- und Weißwäsche zum großen Theile durch Spenden beschafft. Bei alldem hat unser Verein seinen Zöglingen keine übermäßigen Benefizien-Genüsse geboten. Es ist auch nicht unser Zweck, Treibhauspflanzen zu züchten, die der erste Windeshauch Zu vernichten vermag, vielmehr trachten wir, unsere Schützlinge bis zu einem gewissen Grad ans ihre eigenen Kräfte zu verweisen, sie mitten in den Kampf des Lebens einzuführen, frühzeitig abzuhärten und ihre Lebensansprüche auf jenes Maaß herabzusetzen, welches sie späterhin im Leben durch ihren angeeigneten Fleiß und ihr Wissen auf ehrliche Weise befriedigen können. Die große Mehrzahl unserer Zöglinge bilden demnach die außerhalb der Jnstitutsmauern Unterbrachten, die unser Verein mit den nothwendigsten materiellen Bedürfniffen (Kleidung, Wäsche, Aufdings-Schulgebühren rc.) unterstützt, hiebei jedoch denselben die weitestgehende moralische Unterstützung und Fürsorge zu Theil werden lässt, indem er für dieselben geeignete Professionen auswählt, entsprechende Werkstätten beschafft, bezüglich Abschlusses ihrer Lehrcontracte Verfügung trifft, in ihrem Interesse bei Meistern und Behörden intervenirt, für deren Religionsunterricht und patriotische Erziehung sorgt, ihre Lehr- Fortschritte in den Werkstätten und Schulen controllirt und durch Prämien und Stipendien aneifert. Bei der Auswahl und Bestimmung der Professionen haben wir besondere Rücksicht auf jene Gewerbezweige genommen, die im Kreise unserer Glaubensgenossen in geringerem Maaße betrieben werden und deren Verbreitung auch die allgemeinen gewerblichen Interessen unseres Vat.rlandes am meisten wünschenswerlh erscheinen lassen. Der Gefammtstand unserer Handwerks; öalinge betrug im Vorjahre 478, von welchen im abgelaufenen Jahre 90 ihre Lehrzeit beendeten und als erwerbsfähige Jünglinge die Obhut unseres Vereines verließen. Wir haben jedoch nicht aufgehört, den Contakt mit unfern freigewordenen Zöglingen aufrecht zu erhalten, und fanden auch im verflosfinen Jahre wiederholt Gelegenheit, um den ohne eigenes Verschulden, infolge uugünstiger Gestaltung der Gewerbsverhältnisse, arbeitslos Gewordenen durch entsprechende Rathschläge uub Empfehlungen zu Arbeit zu verhelfen. Mehrere derselben wurden auch mit Reifeunterstützungen ins Ausland geschickt, wo sie zumeist auch Arbeit und Erwerb fanden. Von den in dieser Richtung gemachten Erfahrungen können wir nicht umhin die bedauerliche. Wahrnehmung zu constariren, dass unsere heimischen Handwerksgesellen, die wegen ihrer Handfertigkeit und Verwendbarkeit im Auslande gerne gesehen und beschäftigt werden, in der Heimat nicht gebührend zur Geltung gelangen können, nachdem an vielen Stellen, besonders in manchen größeren Industrie-Etablissements und Fabriken als Vorarbeiter und Werkführer zumeist ausländische Arbeiter verwendet werden, die sowohl die Ausbildung als auch die Anstellung ungarischer und insbesondere nuferer Confessiou angehöriger Arbeiter zumeist hinter dem Rücken und auch entgegen den Intentionen der Chefs und Direktoren zu verhindern wissen. Und hiebei dürfte von einem Mangel heimischen, zur Besetzung der Vorarbeiter- und Werkführerstellen qualificirten Kräften kaum die Rede sein, denn aus den höheren Gewerbe- und Fachschulen, die ihrer Bestimmung gemäß eben für die oberwähnten Stellen qualificiren. geht öou Jahr zu Jahr eine zunehmeude Anzahl gut ausgebildeter Jünglinge hervor, die, wie es zahlreiche Beispiele beweisen, nach gehöriger Praxis sich als Vorarbeiter und Werkführer vorzüglich bewähren und als solche auch im Auslande vortheilhafte Verwendung finden Die Ausbildung solcher intelligenter Fachkräfte hat unser Verein gemäß seiner culturellen Richtung von jeher als seine Aufgabe erkannt, zu welchem Zwecke, das ist zur Ausbildung befähigter Jünglinge in den höheren Staats-Gewerbeschulen und in der Kunstindustrie-Schule, im vergangenen Jahre für Stipendien 3271 Kr. 60 H. verwendet wurden. Aus diesem Betrage wurden im abgelaufenen Jahre 4 Maschinisten, 1 Chemiker, 13 Bauschüler, 1 Kunstgoldschmied, 2 Kunstmaler und 1 Kunstbildhauer mit jährlichen Stipendien von je 120—160 Kr. unterstützt. Biele solcher Stipendiengesuche mussten jedoch Mangels an Mitteln abgewiesen werden. (Schluss folgt).