Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 22 (7.6.1901)
- Date
- 1901-06-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063062-3063084--01387-3067972- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 22 Die Wahrheit. Seite 9. Wien. Anlässlich des 25 jährigen Bestandes des Bethausvereines „Am Volkert" fand Samstag, den 1. Juni im Bethause deS Vereines eine Jubelfeier statt, an welcher der Vicepräsident der Cultusgemeinde Dr. Gustav Kohn, die Cultusvorsteher Dr. Spitzer, Eltbogen und -Gewitsch, kais. Rath Dr. Lieben, Amtsvorstand Wiener, der Obmann des Tempelvereines im IX. Bez., Gottlieb Bettelheim, der Obmann des Bethausvereines „Marpe Lanefesch" I. Steiner, die Obercantoren Bauer und Guttmann, der gesammte Vorstand des jubilirenden Vereines mit denr verdienstvollen Obmanne Ad. Schrämet an der Spitze, und zahlreiche Mitglieder und andere Tempelbesucher theilnahmen. Nach dem Matowu, der von Obercantor Mayer Seifert mit einem verstärkten Chore sehr wirkungsvoll gelungen wurde, hielt der Obmann, Herr Adolf Schramek, die Begrüßungsansprache, die in ein Hoch auf den Kaiser ausklang, worauf die Volkshymne gesungen wurde. Den folgenden Gottesdienst gestalteten Rabbiner Dr. Fink durch seine glänzende Festrede und Obercantor Seifert durch seinen brillanten Muffaph-Vortrag zu einem wirklich feierlichen und erhebenden gottesdienstlichen Act. ZSudapest. Donnerstag, den 30. Mai, feierte der in den weitesten Kreisen der ungarischen Hauptstadt bekannte und beliebte Director des Sommertheaters im Stadtwäldchen, Herr Sigmund Feld, der auch als darstellender Künstler in hervorragender Weise thätig ist, da- Jubiläum seiner 25jährigen Wirksamkeit als Director dieses Theaters. Aus diesem Anlasse fand aus der Bühne des Sommertheaters eine Jubelvorstellung statt, bei welcher zu Ehren des Jubilars die hervorragendsten ungarländischen Künstlerinnen und Künstler mitwirkten und dem Jubilar vielseitige Ovationen dargebracht wurden. Director Feld ist Jnde durch und durch und auch Mitglied des Schulstuhles. ZSudapest. (Ein Blutmärchen.) Vor Wochen verschwand in Dömsöd die kleine Juliska Horvath, das Töchterchen des dortigen Insassen Valentin Horvath. Die besorgte Mutter hielt überall Nachfrage nach ihrem Kinde und kam endlich auch zum jüdischen Gastwirth Samuel Stern, der ihr gleich den Anderen die traurige Auskunft gab, dass er die kleine Juliska nicht gesehen habe. Plötzlich hörte die Horvath vom Dachboden des Gasthauses ein Stöhnen; sie eilte hinauf und fand da ihr Töchterchen schwer krank liegen. Der Gemeindearzt Dr. Ladislaus Szarka untersuchte die Kleine und konstatirte Vergiftungssymptome. Im Nu verbreitete sich in der Ortschaft die Nachricht, dass die Juden das arme Christenmädchen tödten wollten, um dessen Blut abzuzapfen, welches sie zu dem Bau eines neuen Tempels in Budapest benöthigen. Die Horvath erstattete die Strafanzeige gegen Samuel Stern wegen Vergiftung. Das königliche Bezirksgericht in Räczkeve leitete die Vorerhebungen, und da wurde folgender Thatbestand ermittelt: Die blödsinnige Magd des ^tern, Rosa Krizsän, hatte die Juliska heimlich auf den Dachboden gebraut und dann den Boden abgesperrt; daS Kind fand da einen Sack mit dem Samen von Bilsenkraut und aß davon, in der Meinung, es sei Mohn. Samuel Stern hatte die Kleine thatsächlich gar nicht zu Gesicht bekommen. Aus Grund dieses Resultats der Untersuchung stellte der Gerichtshof für den Pester Landbezirk in Gemäßheit des Antrages der Staatsanwaltschaft das weitere Verfahren ein. ZSndapest. (Ein Heine-Denkmal.) In der deutschen Stadt Erlangen starb vor Kurzem ein reicher Grundbesitzer Namens Ludwig Tauber, der in den Siebziger Jahren von Raab nach Deutschland gezogen war. In seinem Testamente bestimmte er 30.000 Mark für ein Heine-Denkmal, das in Erlangen errichtet werden solle. Da jedoch bisher keine Stadt in Deutschland für ein solches Denkmal den zur Aufstellung erforderlichen Raum überlassen wollte, fügte der Erblasser seiner Bestimmung die Klausel hinzu, dass, wenn auch in Erlangen die Ausstellung dieses Denkmales nicht gestattet würde, der ausgesetzte Betrag der Hauptstadt Ungarns, sj Budapest, »zur Errichtung eines Heine-Denkmales anszufolgen wäre, denn — so heißt es in dem Testament — „Heine gehört nicht allein den Deutschen, sondern der ganzen gebildeten Welt... und so glaube ich denn, dass die Hauptstadt meines einstigen Vaterlandes, Budapest, dem Demkmale des unglücklichen großen Dichters Raum verfiatten und es auf einem würdigen Punkte der ungarischen Hauptstadt aufstellen lasten werde." Der Testamentsvollstrecker. Dr. Ernst Avenarius, hat bereits der Stadtbehörde von Erlangen Mittheilung von dieser Stiftung gemacht und um Zuweisung eines für das Denkmal geeigneten Platzes angesucht. Man darf begierig sein, welche Entscheidung die Stadtgemeinde Erlangen treffen wird. Lugos. (Rabbiner und Offieiere.) Peinliches Aufs he» erregt hier eine Affaire, die zwischen dem Rabbiner Dr. Simon Händler und zwei Honved-Officieren austauchte. Der Rabbiner hielt am jüngsten Schabuoth-Feste eine Predigt, in welcher er auch über den Wechsel des Glaubens sprach. Er gebrauchte dabei die Worte: „dass man dadurch, dass man den Glauben seiner Väter verlaffe, noch kein Held werde." Diese Aeußerung glaubten zwei Honved-Officiere, die vor Kurzem vom jüdischen zum katholischen Glauben übergetreten waren, auf sich beziehen zu müffen, und sie suchten daher den Rabbiner in seiner Wohnung auf. um von ihm Aufilärung zu fordern. Dr. Händler erklärte, dass er bei seiner Aeußerung keine bestimmte Person im Auge hatte und er habe nur seine Pflicht als Seelsorger erfüllt, wen» er die Gläubigen zum Festhalten an ihrer Religion aufforderte. Damit war die Angelegenheit, welche das Stadtgespräch bildet, erledigt. London. Baronet Sir George Faudel Philipps in London hat in diesen Tagen vom Privat-Secretär des Königs dem General Sir Dighton Probyn, ein Schreiben erhalten, in dem mitgetheilt wird, dass der König das Protektorat über das jüdische Hospital und Waisenhaus zu Norwood, welches er als Prince of Wales übernommen hat, als König Eduard VII. fortsühren will. Das Waisenhaus hatte sich von jeher des Schutzes des englischen Königshauses erfreut. Die Königin Adelaide, die Herzogin von Kent, sowie die Herzöge von Suffex und Cambridge haben nacheinander das Patronat über diese Anstalt ausgeübt. Es ist aber daS erste Mal. dass ein regierender König von England das Protektorat über dasselbe übernimmt. Das Kranken- und Waisenhaus ist übrigens die erste englische Wohlthätigkeitsinstitution, welche König Eduard VII. seit seiner Thronbesteigung unter seinen Schutz genommen hat. London. Der jüdischen Deputation, welche dem König ein Adreffs überreichte, antwortete dieser: „Ich habe mit aufrichtiger Freude aus der Verlesung Ihrer Adreffe entnommen, welche treue Anhänglichkeit die Juden Großbritanniens dem Andenken meiner geliebten Mutter bewahren, und welche aufrichtige Theilnahme Sie mir und meinem Hause gelegentlich des schmerzlichen Verlustes, der uns betroffen hat. entgegenbringen. ES wird stets meine erste Sorge sein, Freiheit und Gerechtigkeitzfür all' meine Unterthanen, gleichviel, welcher Raffe und Benennung sie sind, zu erhalten und zu fördern. Ich bin sehr befriedigt von den Wünschen, welche Sie und die von Ihnen vertretenen Gemeinden und wohlthätigen Körperschaften für mich und die Königin Alexandra hegen." Nach erfolgter Verlesung durch den König wurde diese mit der Schreibmaschine zu Papier gebrachte Antwort Mr. Sebag Montefiore eingehändigt. Hempekgefänge. Componirt für Chor. Solo und Orgel von David Rubin. 3. revidirte Auflage (Prag. Selbstverlag). Die Tempelgesänge unseres Prager Sulzer sind bei ihrem ersten Erscheinen von keinem Geringerest als Ambros begrüßt worden, und daS ihnen damals ertheilte Lob darf ungeschmälert auch für die Gegenwart gelten. Liegt der eigenthümliche Vortheil der Cultusmusik vor der profanen Tonkunst doch gerade in ihre » konservativen Charakter, in ihrer Stellung außerhalb des eigentlichen Geistesgetriebes, so dass der Wechsel der Strömungen und Moden ihr nur wenig anhaben. Man sagt mir, dass die moderne Tonkunst nun auch in die jüdischen Tempel einsickere, dass einzelne Cantoren, z. B. Melodien aus dem „Lohengrin" erfolgreich für den Dortrag ritueller Texte benützt haben. Doch das sind Versuche, aus denen nie ein Princip gewonnen werden kann, die ihren besten Reiz gerade aus der Seltenheit ziehen, womit sie stattfinden. Jedenfalls wird auch für jüdischen Gottesdienst die Schaffung i "r besonderen Cultusmusik, die seiner Eigenart entspricht und doch europäischen Musikempsinden nicht allzuweit sich entfernt, eine Nothwcndigkeit bleiben. Die schwierige Ausgabe scheint mir Herr Rubin in vorzüglicher Weise gelöst zu haben, soweit ich bei völliger Unkenntnis der hebräischen Sprache das beurtheilen darf. Die sein ausgearbeiteten Sätze stehen ihrer Factur nach etwa auf gleichem Boden wie die einfachen Meffen unserer Wiener Claffiker. halten dabei einen leicht exotischen, anmuthenden Ton aufglücklichste fest und verfallen niemals in die Formeln und Stimmungskreise der christlichen Tonkunst. Jedenfalls ist dem jüdischen CultuS in diesen Gesängen ein Element zugeführt, das nicht nur vom liturgischen, sondern auch vom rein künstlerischen Standpunkt einen werthvolle» Gewinn bedeutet. Unzufriedenheit nnmögttch. Ein großes Wort, das mit Recht von der Kundschaft des Hoflieferanten Rothberger gelten kann. In einem Geschäfte, in dem jede nicht konvenirende Waare anstandlos zurückgenommen und daS Geld retournirt wird, ist es ganz unmöglich, dass der Kunde jemals unzuftieden ist. Diese Einrichtung im Hause des Hoflieferanten Rothberger ist aber auch der beste Beweis für die strenge Solidität dieser Firma, die sich eben in Paris die Goldene Medaille erobert und durch die Allerhöchste Anerkennung Sr. Majestät des Kaiserausgezeichnet worden ist. Alle sonstigen Einrichtungen des Hauser Rothberger find anerkannt musterhaft, inSbesonders hat sich die Einführung allgemeine Beliebtheit errungen, die getragenen Kleider zurückzustellen und gegen ei» kleines Aufgeld neue, der Saison entsprechende Kleider zu erhalten. Diese praktische Institution Rothberger'- hat sich im eleganten Wien längst eingebürgert und erwirbt sich täglich neue Freunde. Zu Beginn der Früh» ahr-saison glauben wir unsere Leser auf diese Einführung aufmerksam machen zu sollen.