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Die Wahrheit · 1901-06-07 · Heft 22 (7.6.1901) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 22 (7.6.1901)
Date
1901-06-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Serie 4. Die Wahrheit. Nr. 22 hörte, eilte nach Würzburg und blieb dort einen Monat, um die unschuldigen Glaubensbrüder zu befreien. Aber hier scheint ihm zunächst noch kein Erfolg beschieden gewesen zu sein. Erst auf dem Reichstag zu Speyer, wohin er sich von Würzburg aus begab, wusste er alsbald die Aufmerksamkeit des Kaisers Karl Y. auf diesen Fall zu lenken, und von diesem Herrscher, der ihm auch sonst schon oft seine Huld bewiesen, einen Specialbefehl zur Freilassung der unschuldigen Opfer zu erwirken. Zosel wollte diese kaiserliche Entscheidung gerne auch für die Folgezeit seinen Glaubensbrüdern zu gute kommen lassen. So benützte er denn die gute Stimmung des Kaisers, die gerade damals durch eine von Josel vorgestreckte ansehnliche Beisteuer der deutschen Juden zu den Kosten des französischen Krieges günstig beeinflußt war, um Karl Y. zu einer scharfen Stellungnahme gegen die Blutbeschnldigung zu veranlassen. In dem Judenprivileg zu Speyer 1544, das sich auch sonst den Juden sehr wohlwollend zeigt, verordnet der Kaiser ausdrücklich, „dass h i esü ro ni em a ud wegeu s olcher Anklag e (des Ritualmordes) Juden oder Jüdinnen ohne vorhergehende genügende Anzeige oder Beweis glaubwürdiger Zeugen oder Befundung der Thal gefangen nehme, peinige oder martere oder vom Leben zum Tode richte, sonder n, wenn dergleichen Klagen oder Anzeigen vorkämen, dieselben zuvor an den römischen Kaiser als obersten Richter der Juden im Reich gelangen lasse und daselbst Bescheid erwarte"*). Wenn auch diese Worte des kaiserlichen Edictes späteren Ausbrüchen des Fanatismus gegen die Juden in deutschen Landen nicht vorzubeugen vermochten, so dürste doch in unserer Zeit, so oft man die großen Männer früherer Jahrhunderte nennt, die mit dem Gewicht ihrer Machtstellung und ihres Ansehens gegen die Blutlüge auftraten, die Stimme des großen Kaisers und gewaltigen Vorkämpfers christlicher Glaubenstreue ganz besonders gehört und gewürdigt werden. _Alfr. F e i lch en feld. Zum Capitel „Mädchenconfirmation". Wir erhalten^ folgende Zuschrift, die wir mit r.m so größerem Vergnügen veröffentlichen, als aus derselben hervorgeht, dass die von uns gerügte Unsitte, die Mädchenconfirmation mit dem Gottesdienste am Schabuoth-Feste zu vereinigen, bisher in Wien keine Nachahmung gefunden hat: Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Sehr geehrter Herr Redacteur! In Ihrem geschätzten Blatte vom 31. Mai haben Sie uns, dem Tempelverein Favoriten, in Ihrem Artikel „Die Müdchencc>ns^mation" großes Unrecht gethau. Abgesehen davon, dass wir noch nie etwas gedankenlos nachgeahmt haben, haben wir unsere Mädchenconfirmation eine Stunde nach dem Gottesdienste am elften Schabuothtage (aus Sparsamkeitsrücksichten) veranstaltet und nicht, wie es in Ihrem Artikel heißt, während des Gottesdienstes. — Dies zur gefälligen Kenntnisnahme. Wien, am 4. Juni 1901. Hochachtungsvoll Jacob S. Straßberg, Obmann der Tempel-Section. Dir Gotteshäuser uud uusere Ingend. Nicht mit Unrecht wirft der Autor des Artikels: „Die Gotteshäuser und unsere Jugend" die Frage auf: „Wer denn in Zukunft die Tempel frequentiren soll?" Wenn der Religionsunterricht in der Schule und der zwangsweise Jugendgoltesdienst •) Vgl. H. Breßlau in Geigers Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland Y, 324/2. es allein bewirken sollten, eine überzeugungstreue Generation zu erziehen, so ist die Befürchtung sehr naheliegend, dass die monumentalen Gotteshäuser in absehbarer Zeit verwaiste Stätten sein werden. Darin soll keineswegs ein Vorwurf gegen unsere Jugendbildner enthalten sein; allein die moralisch religiöse Erziehung der Jugend ist in der gegenwärtigen Epoche, insbesondere seitens der sogenannten Modernen oder Fortschrittsjuden, ganz dem Religionslehrer überlassen, und die gebildeten oder verbildeten Eltern unterstützen nicht nur nicht den Lehrer in seiner geheiligten Mission, sondern sie zerstören durch Passivität und Indolenz so manch guten Keim, den der Lehrer in die Seele des Kindes gelegt hat. Man hört gegenwärtig von nichts anderem als: Geschäftsüberbürdung, Daseinskampf u. dgl. reden und findet angeblich keine Zeit, im Hause, in der Familie jüdische Gebräuche zu üben und dem Kinde praktisch dasjenige vor Augen zu führen, wovon ihm der Lehrer in der Schule erzählte: so z. B. das Anzünden der Chanukalichter, die Abhaltung der Seder-Abende und andere sinnige und geschichtlich bedeutungsvolle Gebräuche. Aber nicht Mangel an Zeit ist die wirkliche Ursache dieser Unterlassungssünde, sondern die traurige Thatsache, dass ein großer Theil der speciell in den Großstädten gegenwärtig lebenden Juden schon bei seinen Ettern die Uebung dieser Gebräuche vermisst hat. Welcher gebildete Mensch, wird man sagen, wird heutzutage, wo die Cultur fast ihren Culminationspnnkt erreicht hat, und wir im Zeichen der Elektricität, des Telephons und der X-Strahlen stehen, sich noch hinsetzen und, umgeben von seiner Familie, bei Mazos, Karpas und Moraur die Erzählung des wunderbaren Auszuges aus Egypten im Urtexte tradiren und erläuternd wehmuthsvoll ausrufen: DHöiy im "in Sdi DTö 1&3CÖ mn *jra tprrpm (siehe Tißa-Eßlaer, Dreyfus, Polna). Nein, das wäre nicht zeitgemäß! Wir wollen unsere Kinder nach ihrer Facon selig werden lassen! Die Consequenz dieser Anschauung aber ist die, dass das Judenthum aufhören muss, der Träger einer culturhistorischen Mission zu sein; dass es aufhören muss, ein Volk von Priestern zu sein, dem die Aufgabe zufällt, die höchste Stufe drr Moral und Ethik zu erklimmen; dass der Einzelne sich mit Recht gekränkt und beleidigt fühlen muss, wenn er mit dem Worte „Jude" apostrophirt wird, weil er sich bewusst ist, dass dieser Ehrentitel ihm rechtlich nicht mehr gebührt, da ihm jenes specifisch jüdische Denken und Fühlen, das jüdische "niJörn,, dasjenige, was uns zu einem n^iJD DJ? machen soll, nicht mehr innewohnt. Kehren wir nun zu den Tempeln zurück! Wenn wir, insbesondere in Wien, der größten jüdischen Gemeinde Europas, wo wahrlich kein Ueberfluss an israel. Gotteshäusern herrscht, an hohen Feiertagen oder an Freitag Abenden, nota bene zu der Zeit, in welcher die Herren Cantoren nicht beurlaubt sind, in den Tempeln Umschau halten, so finden wir so ziemlich „gut besuchte Häuser." Ich wählte letzteren Ausdruck mit Absicht, weil Viele nicht das Bedürfnis der Andacht und der Erbauung, des Alleinseins mit und bei Gott in den Tempel führt, sondern nur der gute Cantor ist es, der sie hiezu bewegt, uud Jedermann kann leicht die Wahrnehmung machen, dass so Mancher, der in den Tempel eilte, schon beim Eingang umkehrt, wenn er hört, dass der Obercantor X. oder 2). wegen Jndisponibilität heute nicht beten wird. Da kann man mit Recht im Geiste des Profeten ausrufen: 'Tin üm »mtd nm v»p2 D. Und wie schaut es beim Jugendgottesdienst aus? Welche Unruhe, welchen Mangel an Ehrfurcht vor der geheiligten Stätte, bekundet da unsere liebe Jugend, und welche Mühe haben oft Lehrer uud Diener, die Ruhe aufrecht zu erhalten? Wenn also unsere Glaubensgenossen nicht rasch zur Einkehr und Einsicht gelangen, die Ereignisse der letzten Zeit als einen drohenden Fingerzeig Gottes zu erkennen, und die religiöse Erziehung ihrer Kinder nicht selbst in die Hand nehmen, dann geht das jüdische Volk einer moralischen Degenerirung entgegen, dann werden auch die geplanten Neubauten von Tempeln ganz zwecklos sein. __ R. ChameideS.

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