Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 21 (31.5.1901)
- Date
- 1901-05-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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(geftexx.=Ungar. Kcrntoren-Deitung. Nr. 21. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 21. Iahrg. ZUM nächsten Cantorenlag. Löliche Redaction der „Wahrheit"! Bezugnehmend auf den Beschluss des Vorstandes des „Oesterr.-ungar. Cantoren-Vereines" vom 28. März l. I., demzufolge von der Erlassung eines Rundschreibens behuss Anbahnung der allerseits gewünschten Cantorenorganisation Abstand genommen und statt dessen ausgesprochen wurde, es bei einem gewöhnlichen Cantorenlag mit eventueller Hinzuziehung von Nichtmitgliedern bewenden zu lassen, hege ich große und wohlbegründete Furcht, dass die mit so schwächt» und kleinlichen Mitteln eingeleitete Action ganz resultatlos verlaufen könnte, wie ein Platzregen, der, statt zu befruchten, ganz im Sande verrinnt. Damit wäre nach meiner Voraussetzung sehr wenig gewonnen. Deuil etliche Dutzend Collegen, die da bestenfalls znsonnncnströnlen, sind noch lange nicht das Gesammtcantorenlhum und ebensowenig die Mandatare desselben. Wenn wir die kostbare Zeit in dieser bogatellmäßigen Weise vertrödeln, ist cs bester, wir ihun nichts als dulden und schweigen. Noch niemals, auch nicht seit dem Bestand des „Oesterr.- ung. Cantoren-Vereines", ist eine Standessrage von so eminenter Lebenswichtigkeil auf den Plan getreten und mit größerer Zähigkeit sestgehalten worden. Aber auch noch niemals hat die löbl che Vcreinsleitung mehr Launigkeit und Unlust, mehr Saumseligkeit und Nonchalance seinen Schutzbefohlenen gegenüber bekundet, als in dieser von der gesummten Collegenschast mit allen Lebenssasern verlheidigten Standessache. Von dem nächstj geplanten Cantorenlag Hai keiner was zu hosten, keiner auch sich mehr zu versprechen, rvas nicht schon an dieser Stelle des Breiten und Langen lancirt winde und was auch ich binnen einer ganzen Jahresflucht habe darüber verlauten lasten. Ich begreife überhaupt nicht, lvarum die löbliche Vervinsleitung nur mit Zagen und Zaudern an die Vollziehung dieser heiligsten Slandespflicht sich macht, warum sie nur leise und behutsam, wie die Katze um den heißen Brei, sich an sie heranwagt. Baugt's ihr etwa um eine Gunstverwirkung nach oben? Ist ihr das Lächeln jener uns wie eine Ciirone aussaugenden Kreise lieber, als die höchst wahrscheinliche Bannnng des Elends und des Jammers jener, die täglich und stündlich Gefahr laufet!, vom Damoklesschwerte der Entlastung, von der plötzlichen Brollosmachung für nichts und wieder nichts erbarmungslos getroffen zu werden? Wenn in an sich von der Fruchtlosigkeit einer Zeitungspolemik einen rechten Begriff machen^will, so braucht man nur darauf hinzuweisen, dass sie für selbige Vereinsleitung nichts anderes als Druckerschwärze bedeutet, dass unser Vorstand sich einen blauen Dunst daraus macht, was in!den Spalten seines eigenen Leiborganes seit Jahr und Tag vorgeht. Er ist taub für all die Bitten und schönen Worte, die da fzu Gunsten der Standesorganisalion vergeudet werden. Er hört mit halbem Ohr, sieht mit halbem Blicke und trifft auch seine Dispositionen darnach, d. h. wenn er sie überhaupt trifft oder zu irgendwelchem Beschlüsse sich aufrafft. Soll der ewige Vorwurf: »Mit den Chasanim ist nichts anzufangen" schon beim Oberhaupt der Cantoren beginnen? Doch genug des grausamen Spieles mit Nadelstichen, die übrigens nur ritzen, aber kaum verwunden. Eines nur sei noch bemerkt. Ich kann es mir nicht denken, dass der Vorstand ernstlich daran glaubt, von einem blos in (diesen Blättern angesagteu Cantorentag einen nennenswerthen Erfolg davonzuiragen. Das Warum und Darum habe ich so oft schon dargelegt, dass es mir innerlich widerstrebt, es von neuem zu wiederholen.! Mittlerweile fahren die Cultusgemeinden in aller Ge-! mülhHruhe fort, ihr böses Spiel mit uns zu treiben. Nach Karlsbad kömmt Linz. Was dann folgt — wer kann's wissen? Dort findet ein College mit seinem jetztigeu Gehalte das Auslangen nicht, hier steht er einem k. k. Landesschul-Jnspector nicht gut zu Gesicht — kann mau ärgeres verbrechen, ohne da und dort die Stelle einzubüßen? .... Im da-aromm no'üo schalhewes, ma jaasse esowe kir? Heute sind es die Böcke, morgen kommen die Lämmer daran. So geht es aä nauaeanr U8gue, bis das Untere zu oberst kommt und die Gemeinden anfangen werden, einen Bänkelsänger zum Cantor und einen aller Grundbegriffe des jüdisch-religiösen Könnens baren Charlatan zum Religionslehrer zu machen. Die zwei Vorfälle allerjüngsten Datums sollten dazu beitragen, uns Allen, zu allernächst aber der löbl. Vereinsleitung die Augen zu öffne», wie sehr wir der Gunst und Abgunst des jeweiligen Gemeindevorstandes unterworfen sind, wie wenig es bedarf, uns und die unseren aus Heim und Stellung zu entsetzen. Was soll's aber mit der lächerlichen Pose der Solidarität, die hier fort und fort angerufen wird? Kann man die Wohlthat einer freiwilligen Massenvereinbarung in Anspruch nehmen, die noch gar nicht zu Recht besteht? Wer sollihr zuerst Gehör schenken, die irregeleitete Collegenmenge oder die wohlweise Vercinsleitung? Es ist keinem zu verargen, der einen Posten sucht, wo die Bahn frei und die Stelle zu haben ist. Soll der Selbstschutz, den wir brauchen, keine wahnwitzige Phrase und zur blanken That werden, so müssen wir Mann für Mann zur Selbstweh.r greifen. Zum Sollen aber gehört auch das Wollen, und dieser Wille ist nur bei uns in der breitmassigen Collegeuschichte vorhanden; beim Vorstand des „Osterr.-ung. Cantoren-Vereines" scheint er gänzlich zu fehlen. Wir wenden uns daher mit der allerdringendstell Bitte an ihn, er möge endlich den ersten Schritt thnn, um den in diesen Blättern genau vorgezeichneten Organisationsplan zur praktischen That werden zu lasse», und er hüllt sich in langes beredtes Schweigen und vertröstet uns schließlich mit der Abhaltung eines Cautorentages. Ein Cantorentag! Wer soll ihn besuchen? Achtzig Percent der Amtsbruderschaft werden voraussichtlich über Zweck und Ziel desselben keine blasse Ahnung haben, und ebensoviel von seiner bevorstehenden Tagung. Kein Mensch von etwelchem Feingefühl und einiger Weltbilduilg lvird Parlel und Richter in seiner eigenen Sache sein wollen. Eben darum wäre es mir recht unlieb, würde Jemand vermutheu, dieser ganz wortreiche Spruch sei eigens für meinen Fall gemünzt. Nein, ineine theueren Mitbrüder! Denn, was liegt daran, ob ich's bin oder ein Anderer, der von dieser Misgunst des nichtverschuldeten Gekündigtweroens betroffen wurde. Dieser Einzelfall also ..ist es nicht, den wir zu unseren Zwecken ausbeuten, wohl aber die Häufigkeit dieser nur in Gestalt und Form verschiedengearteten, in der Hauptsache aber sich immer gleichbleibenden Kündigungsfälle — diese sind es, denen wir nach Thunlichkeit vorzubeugen bedacht sein sollen. Wie soll dem nun gesteuert werden? Nur dadurch, indem wir eine vollkommene Einigung über alle in Nr. 35 der vorjährigen »Wahrheit" entworfenen Organisationspunkte im gesammten heimischen Cantorenthum erzielen. Ich halte es für ganz und gar ausgeschlossen, dass der für Heuer angesagte Cantorentag ohne Massenbetheiligung und schriftliche Zustimmungserklärung der Abwesenden was Ersprießliches zutage fördert. Das wäre rein verlorene Mühe und ein nicht zu billigender Spesenaufwand für Alle, es sei nun die Bereinsleituug oder jemand Anderen, der an diesem Cantorentag Theil zu nehmen wünschte. Das Flügelrad der Zeit saust unentwegt dahin, die