Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 21 (31.5.1901)
- Date
- 1901-05-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Vre Wahrheit. Nr. 21. und verdorrt nach langen Jahren wieder ins frische Wasser gebracht, wieder aufzuleben. Das Judenthum, das los« gerissen von seinem Boden, vertrocknet und ausgedörrt von der rauhen Luft seines zweitausendjährizen Wanderlebens, verunstallet durch den unsäglichen Druck, der auf ihm lastete, und in der Neuzeit durch die Emancipation wieder aufgelebt, in jugendlicher Frische dastehl, als ob es erst heute zum auserwählten Volke gemacht worden wäre. Was nützt uns diese Wiedergeburt, wenn wir es als Juden nicht weiter bringen können? Errichtung einer historischen Commisston. In Ergänzung unseres Berichtes über die öffentliche Plenarsitzung des Wiener Cultusvorstandes vom 21. d. M. bringen wir im Nachfolgenden einen Auszug aus dem Referate des Cultusvorstehers Dr. Maximilian Steiner über die Errichtung einer „historischen Commission": „Kein Volksstamm der Welt hat eine interessantere Geschichte als der jüdische, und kein Volk kennt seine eigene Geschichte so wenig als das jüdische, und keine jüdische Gemeinde hat sich so wenig um ihre Vorfahren gekünrmert als die wiener Cultusgemeinde. Nur so ist es zu erktären, dass der Cultusvorstand vor 2 Jahren das Regierungs-Jubiläum des Kaisers durch Abfassung einer Geschichte der Juden in Oesterreich feiern wollte — eine Geschichte, die ein fortlaufendes Martyriologinm bildet vom frühen Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert. Sollten etwa die Judenbrände von Krems und Wien, die Jndenvertreibungeu von Wien (1670) und Prag (1775), das Juden-Amt unter Laroze-Ledtinizky, der Proceß von Tisza-Eszlar, Polna als Ruhmestitel der österreichischen Rlgierungen dargestellt werden? Nun, welche Auffassung der Geschichtswissenschaft zeigt es, dass man die Abfassung einer Geschichte improvisiren lassen wollte, ohne dass hiefür auch nur die bescheidensten Vorarbeiten bestünden? Seit Josef Wertheimer 1841 die kühne That gewagt hatte, trotz Polizei und Censurhofstelle in seinem berühmten Werke: „Die Juden in Oesterreich" der Welt zu zeigen, was für ein Los unseren Vätern und uns selbst in Oesterreich beschieden war, ist für die Pflege der Geschichte hier zu Lande so viel als Nichts geschehen. Wertheimer hatte durch den christlichen Historiker Kallenbeck den Anfang zu Archivstudien auf diesem Gebiete machen lassen — mit so merkwürdigem Erfolge, dass man die seitherige Vernachlässigung kaum begreifen kann. Unser Religionslehrer Gerson Wolf, ein Autodidact ohne wissenschaftliches Rüstzeug, hat allerlei interessante Materialien und Monographien zu Tage gefördert, ein tüchtiger Gelehrter, Herr Schweinburg-Eibenschütz, hat sich die Mühe genommen, einige wichtige Momente aus einem niederösterreichischen Städte-Archiv zu veröffentlichen, und der geniale David Kaufmann hat mit seinen Schriften „Die letzte Vertreibung der Juden aus Wien" und „Samson Wertheimer" den Anfang einer auf streng wissenschaftlicher Forschung beruhenden populären Darstellung gemacht; er war eben im Begriffe, die durch den Bienenfleiß unseres vortrefflichen Collegen Dr. Grünfeld beigestellten photographischen Jnschristcopien des Seegasse-Friedhofes zu einer Geschichte der Wiener Judenschast zu gestalten, als ihn der Tod abberief. Es ist typisch für das geringe Interesse, das man in Wien an der historischen Forschung nimmt, dass das merkwürdige Wiener Memorbuch, das uns aus Fürth leihweise zu- -gestndet wurde, hier keine Verarbeitung fand, und als der gelehrte Fürther Rabbiner dasselbe in der Grätz-Fränkel'schen Monatsschrift vorläufig behandelte, der bezügliche Aufsatz in Wien unbekannt geblieben ist. Weit besser erscheinen die analogen Zustände in anderen Greßgemeinden. Der Deutsch-jüdische Gemeindebund hat seinerzeit eine historische Commission begründet, welcher neben bedeutenden jüdischen Gelehrten die Koryphäen der deutschen Historiker angehörten. Diese Commission, obschon nur durch fünf Jahre thätig, hat Ausgezeichnetes geleistet, Regesten für die Greuelzeit der Kreuzzüge ausgestellt, durch Publikation der Kölner Schreizes-Urkunden der jüdischen Culturgeschichte wichtigste Bausteine geliefert und durch Bearbeitung von Memorbüchern und Familienurknndeu überreiches Material nutzbar gemacht. Hiezu muß constatirt werden, dass die radikale Umkehr der Anschauungen über jüdische Geschichtswissenschaft leider zumeist christlichen Gelehrten zu danken ist, wie Stobbe, Döl» linger u. A., auch dem Kunsthistoriker Weber, der an den symbolischen Doppelstatuen „Kirche und Synagoge", welche sich an vielen deutschen Kirchen finden, die politische und theologische Wandlung der Anschauungen chronologisch kenuzeichuete. Auch in Frankreich hat die unter Rothschild'scher Aegide stehende »Koelet« äos etuäss )uiv68' sehr Tüchtiges geleistet; eine Reihe von dortigen Stadtarchiven ist methodisch durchforscht und das ausgebreitete Material rüstig verarbeitet. In England wird gleichfalls Vielerlei gefördert, wie dies aus dem „Jewish Qnarterly Revi.w" zu ersehen ist, desgleichen in Amerika und in Budapest, wo die drei Matadore des Seminars, der verewigte David Kaufmann, Bacher und Goldzieher, den Mittelpunkt für fleißige und erfolgreiche Geschichtsforschung bilden." Nach Erwähnung der Thätigkeit des Hamburger Vereines für jüdische Volkskunde und Hinweis die wider die Blutbeschuldigung erschienenen Streitschriften he:ßt e-> im Referate weiter: „Auch das darf wohl als ein praktischer Zweck angesehen werden, wenn die jüdische Jugenderziehung durch geschichtliches Material erweitert und verlieft wird. In Frankreich und Deutschland werden alle Schulgegenstände, auch die Realien mit patriotisch-geschichtlichem Material dnrchtränkt, — der Erfolg dieser Methode ist nicht zu verkennen. Wir Inden, insbesonders wir in Oesterreich, hätten es sehr nöthig, unsere Jugend durch die Kenntnis jüdischer Geschichte zu jener Selbstachtung zu erheben, welche unentbehrlich ist, um in der großen und kleinert Welt ums Dasein erfolgreich zu kämpfen. Will man endlich auch bei uns an die historische Arbeit herantreten, so muß ein Mittelpunkt, ein Krystallisationskern geschaffen werden, da man ans die Einzelthätigkeit ohne systematische Führung sich wenig verlassen kann. Diese Nothwendigkeit gilt nicht rrur für uns; sie wird auch in bedeutendsten Gemeinwesen als unvermeidlich betrachtet. Daher haben bereits viele Staaten die historische Quellenforschung unter die Aegide besonderer historischer Commissionen gestellt, deren Thätigkeit sich abseits der Akademien und Universitäten vollzieht. Auch in Oesterreich ist man endlich dahin gekommen; das Statut der neubegründeten historischen Commission ist in der „Wiener Zeitung" vom 10. November 1900 veröffentlicht. Eine historische Comissiou für uns Juden in Oesterreich zu begründen, ist keine leichte Sache; dieselbe muß mit Vorbedacht und Umsicht vorbereitet werden. Es kommt Alles darauf an, dass die richtigen Personen gefunden und die ihnen zugetheilten Aufgaben richtigestellt werden. Um solche Vorbereitungen zu treffen, um ein fachgemäßes Programm zu entwerfen und Ihnen richtige Vorschläge zu erstatten, bedarf es gründlicher Vorverhandlungen, die weit über den Rahmen einer Vorstandscommission hinausreichen." Die zu bestellende Vorcommissiou soll nach dem Vorschläge des Referenten außer einigen Vorstandsmitgliedern aus folgenden Herren bestehen: Qberrabbiner Dr. Güdemann, Rabbiner Dr. Schmiedl, Rector Dr. Schwarz, Professor Dr. David Heinrich Müller, Professor Dr. Büchler, Dr S. Frankfurter, Dr. M. Hölzmanu, Dr. Bloch und Dr. Arthur Goldmann. Angar.-israel. Handwerk- und Äckerbau-Verein. Wir haben jüngst einen'. Bericht über die kürzlich stattgehabte Generalversammlung dieses Vereines veröffentlicht, aber die hervorragende, überaus ersprießliche Thätigkeit desselben veranlasst uns, einen Auszug aus dem gewiss für die weitesten