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Die Wahrheit · 1901-05-31 · Heft 21 (31.5.1901) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 21 (31.5.1901)
Date
1901-05-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 21. Die Wahrheit. Seite 5. Mein Auge sucht und findet. | Mein Arm erreicht Dich nicht.! Uns trennen hohe Hügel; Ewig fern bleibt uns Glück.! Gib Deiner Liebe Zügel ' Und trage Dein Geschick." j Bei einer Zusammenkunft der beiden Liebenden am 19.! Mai 1792 gab sich Nahel als Jüdin zu erkennen. Dies hielt j aber den in Liebe entbrannten Meister nicht ab, an Rahel am; 26. Mai zu schreiben: „Ich nenne Dich Du. Du verzeihst es mir gewiss! Ich! kann Dich nicht lassen, wenngleich Du eine Jüdin bist! Die j heilige Schrift kennt die Namen der Männer Deines Volkes,; sie erzählt, was sie einst für glänzende Thaten geihan. Aber ich j wandte den Blick und sah in der Tiefe meines Herzens meines l Tempels Heiligthum: den Heiland! O, warum stehen lticht alle! Menschen einig um das Feld des Erlösers? Welche Verwüstung! ist hier auf Erden — und welch' ein neidisches Schicksal hat in! Trümmer und Nacht uns Menschen gestürzt. Rahel, geliebtes i Wesen, um meiner zärtlichen Sorge Willen, erkenne des Erj lösers Herrlichkeit an, denn von Geschlecht zu Geschlecht wird > glänzender sein Namen aus Erden! Für Dein Volk hat mau * keine Gnade; Deines Volkes Glück ist Leiden! Werde mein,! lerne kennen Freuden! christliche Freuden!" Rahel Löwenstein antwortete am 28. Mai 1792 aus diesen Bekehrnngsbries: „Heute und nie mehr schreibe ich. Ihr tadelt mein Volk, Ihr lobt wen — Segen und reichen Gewinn haben die Leiden unserer Väter kommenden Enkeln gebracht. Kein Volk steht so fest, wie Israel. Was nachdenkeild Israels Geist im Lause der Zeit hat ersonnen, nützt Ihr, die Spätern, ohne Verehrung und Dank! Wir haben aus zerbrechlichem Holz tobenden Stürmen getrotzt und mit heiliger Ehrfurcht betrachten wir der Vergangenheit Nacht. Seh' ich ins Antlitz meines Vaters, so sehe ich die ganzen hohen Gestalten Israels. Eures Volkes Herz, voll arger Entwürfe, hat die Besten meines Volkes dem Verderben geweiht. Ihr habt mit heiligem Munde Sprüche gelehrt. Kläglich sind sie gefallen, verfolgt von Quälern und Mördern! Einst, nach langentschwundener Zeit, werden Eure Enkel das Unrecht erkennen und Israels verstümmeltes Leben frei lassen! Eure Priester sogar, die Geweihten des Herrn, haben ihr Saitenspiel durch Lügen entehrt. Nicht der Würdigen in Israel achteten sie, nicht die Bessern vermochten sie zu ehren. Geifernd erhoben sie im Namen des Himmels ein Gezeter — und wollten unser Volk belehren und bekehren! Wohl buhlten viele vom Hause Israels um der Getvaltigen Gunst. Daher sind sie für Israel verloren und von Israel verachtet. Verlasst mich, lieber Fremd-! ling, verlasst mich! Darum bitte ich Euch. Verfolgt mich mit! Euerer Liebe nicht mehr! Jsl's Vorgefühl von Schwachheit und! Angst, was mich so verwandelt, Euch zu bitten, fern zu bleiben? Mächte des Himmels! Mein Vater sollte wissen, was ich geihan! Erbarmet Euch mein — und macht nicht sorgenvoller mein banges Leben." Am 3. Juni 1792 schrieb Beethoven an Rahel Löwenstein : „Rahel, Du Holde, ich und Du — wir Kinoer! O, lebe wohl, lebe wohl! Wir können uns nicht besitzen! Nimm Dir mein letztes Berschen zu Herzen: Geh mit Deinem kranken Herzen Komm und blute Deine Schmerzen Muthig aus Dir selbst heraus. * Am Altar des Herren aus." Merkwürdigerweise ist in keiner, selbst nicht in der ausführlichsten Biografie über Beethoven dieses innigen Verhältnißes Erwähnung gethan! _ Die Emancipation auf dem Papier. Von A. Steiner, Wien. Das ältere Geschlecht der heutigen Juden weiß sich selbst aus Zeiten politischer Zurücksetzung und bürgerlicher Beschränkung einer der heutigen ähnlichen Situation nicht zu erinnern. Wir standen unter Ausnahmsgesetzeu, aber es gab keine so schroffe Entfremdung gegen uns, wie sie heutzutage lies in alle Kreise gedrungen ist. Damals war die Praxis uns freundlicher als die Theorie, das Leben und die Gesellschaft milderten die Strenge des' Gesetzes; heute haben wir alle Rechte, und man verbittert uns den Genuss derselben. Ich weiß nicht, ob die Antisemiten eigentlich mehr wollen, ob sie nicht deshalb mehr fordern, damit wir bei unserer heutigen Situation Heben bleiben und schweigen. Wehe uns, wenn wir uns m t dem latenten Antisemitismus vereinigen. Einen Blick ans die nichtjüdische akademische Jugend, welche einst bernsen ist, Stellungen im Staate einzunehmen, muss uns ein grauenhaftes Bild von dem Schicksale unserer Kinder entwerfen. Was wir ertragen, werden unsere Kinder nicht ertragen können, die ganz anders im Glrubeik ausgewachsen sind. Die Geschichte lehrt uns ja, dass Völker nicht selten ans ihrer Bahn her ausgedrangt werden müssen, um wieder den rechten Weg 311 finden, der ihnen vorgezeichnet ist, weil Völker, wie Individuen versumpfen und nie an ihr Ziel gelangen würden, wenn ihr Weg immer gleich wäre, ihre Entwicklung muss Zeitensprünge machen, um dadurch zu einer intensiveren Entfaltung zu kommen. Und eine solche Episode in der Geschichte des Judenthums wäre dann der Antisemitismus. Ist denn mit der Emancipatioir der Juden die Gleichberechtigung noch zur Wahrheit geworden? Wenn uns auch aus dem Papiere alle Ein- und Zugänge zur Gesellschaft, zum öffentlichen Leben und zu den öffentlichen Anstalten offen stehen, wie viele Aemter und noch in der Praxis dem Juden unerreichbar? Und selbst wo wir schon eingedrungeu sind, wird daraus gesehen, dass zwischen uns und den Nichtjuden das Verhältnis von Minorität zur Majorität das alte bleibe. Und es fiel gar Niemandem mehr ein, weiter zu kämpfen, von der schmählichen Emancipation etwas Gatizes, Vollendetes zu machen. Soll denn diese Emancipation die Erlösung sein, aus die wir ueunzehnhunderr Jahre gewartet haben? Aehuliche Schattirungen wie diese Emancipation hatte schon das Mittelalter auszuweisen. Kaiser. Könige und Fürsten, sogar Geistliche rissen sich förmlich um den Juden, da jede Herrschaft einen Hof- oder Hausjnden haben musste, der die Ausgabe hatte, stets daraus zu sehen, dass niemals Ebbe in ihre Caffen kam, und diese Emancipation war höchstens nur eine Nachahmung, uin unsere Sammelkrast zu verjüngen, damit wir als Pumpwerk dienen können. Wenn die Emancipation nichts mehr sein soll, als was sie bis jetzt, noch vor dem Antisemitismus, war, so bedeutet sie in der Thal nichts anderes, als dass man uns äußerlich modernisirie, weil der Gheilojude bei seiner bettelartigen Erwerbsweise und seinem armseligen Aussehen in der modernen civilisirten Gesellschaft nicht mehr so viel zusammenscharren konnte, dass es sich lohnte, ihn wie im Mittelalter auszupressen. Wir danken für eine solche Emancipation! Wir wollen kein ausschließliches Handelsvolk mehr sein. Wenn wir bei der Handelsthätigkeit weiter verbleiben muffen, sind wir noch nicht emancipirt, sind wir nichts anderes als wir früher waren, die Geldmacher für unsere Unterdrücker. Im Mittelalter hat man von uns Tribute verlangt und unerschwingliche Summen ausgepresst. In der Neuzeit ist es ganz anders: Wer Carrisce machen will, muss sich taufen, Verrath an seinem Stamme üben, das Judenlhum verlassen, dass es beraubt aller seiner Talente, wie eine inferiore Race zurückbleibt. Solange nicht die Zurücksetzung, die an dem Namen Jude im gesellschaftlichen wie im staatsrechtlichen hastet, vergessen ist, ist auch die Emancipation noch nicht erfüllt. Diesem Ziele galt der Kamps in der Emancipationsepoche. aber er wurde zu früh eingestellt. Wir haben den Gegnern zu viel Demüthigung gezeigt, die die Emancipation in ihrer Eutwicklung hemmten und am Ende selbst diesem verkrüppelten Zeitgebilde nicht das Leben gönnen und es mittelst des Antisemitismus umbringen wollen. Und wie Hohn klingt es, wenn man uns mit der Rose von Jericho vergleicht, die die Wunderkraft besitzt, auszetrocknet

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