Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 20 (24.5.1901)
- Date
- 1901-05-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 20. richt ein, wo Sprachunterricht, noch immer nicht W Lectüre der Thora, Schreib- und Leseübungen mit dein Lehrer, wie Memoriren von zweisilbigen Wörtern eittgeiührt ist. Die Thora selbst wird erst im zweiien Schuljahre beginnen in ausgewählten Stücken von geschichtlichrr Bedeutung und ethischer Tendenz. In der zu creirenden Mittelschule würde dann, im Vntergymnasium und in der Realschule, das "pn erschöpft und mit der Litteratur begonnen werden. Das Talmudstudium wird fakultativ gelehrt, als geistiges Exercitium von besonders schärfender Eigenschaft. In den Oberschulen sollen die nachexilische Geschichte in hebräischer Sprache gelehrt und schriftliche Arbeiten klassischen Inhaltes geliefert werden. Im Unter gymnasium wird 6, im Obergymnasium 4 Stunden wöchentlich vorgetragen. Haben wir erst unsere Schule, dann bildet diese ein ganz neues, selbslbewusstes, aus sein glorreiches, antikes Judenthum stolzes Geschlecht, das durch seinen Eintritt in die Arena des Lebens kein Haarbreit weicht, keinen Augenblick wankt, bis unser nationales Ziel erreicht wird. Dieses Geschlecht wird mit Ehre und Begeisterung sich als jüdisches Iudenthum bekennen. Aber auch materieller Nutzen wird uns aus der Creirung jüdischer Volks- und Mittelschulen ersprießen. Unser Volk wird zum Unterrichte der Jugend eine ganze Schaar jüdischer Lehrer und Lehrerinnen heranbildeu und besolden und sein Volksthum mit einem neuen Nährstaud bereichern, welcher das Erbe der ehemaliger Melamdim mit staatlich anerkannter Autorität und Dignität aiitreten wird. Hier wird somit ein Heilmittel mehr gegen die Proletarisirung unserer Intelligenz in der socialökonomischen Apotheke vorräthig gehalten werden. *>, Gleichzeitig müsste aber auch an dieSchulbehörden dieFoderung gestellt werden: „Gebt uns jüdische Schulen, gebt uns jüdische Lehrer!" Geradeso wie der Staat au die zwei Millionen jüdischer Bürger mit der Forderung herantritt: „Ihr Juden gebt uns Geld zur Erhaltung der Schulen, gebt uns Eure Kinder, damit sie den Staat beschützen, damit sie mit ihrem letzten Tropfen Blut für Oesterreich-Ungarns Glorie eintrelen." Wir geben ja dem Staate, was des Staates, dem Lande und der Stadt was ihres ist, und dürfen uns darum nicht zurücksetzen, verdrängen und vernichten lassen, weil wir Juden sind. Allein, wer löst die Schuppen von den Angen unseres durch die Assimilation verblendeten Volkes, wer treibt ihm die falsche Scham aus, als Juden genannt und gekannt zu werden, tver gibt ihm den Feuergeist seiner Propheten, um für sein Volk zu kämpfen den natürlichen Kampf ums nationale Dasein? Beginnt ja schon an der Wiege des zarten Knäbleins die Klage, und es fließen die Thränen der zartbesaiteten jungen Mütter und Väter gegen den „barbarischen Brauch" des Eintrittes zum Judenthum, der dem jungen Weltbürger das Schandmal des Juden aufklebt. Und erst der biölich jüdische Name! Welch harte, unverdauliche und unschöne Laute sollen da den germanischen oder französischen Jüngling verunzieren! Von dieser Seite her fällt ein düstrer Schatten auf die ehrliche Arbeit jüdischer Männer. Von diesen Kaumjuden darf man sich aui Proteste, und von ihren Predigern zu zweidrittel auf ein geharnischtes Non possumus gefasst machen, unsere Gemeinde mit dem alten sprachlichen Ballast zu beschweren. Die Assimilation verstand ja das Beschneidungswerk besser, nur nicht an der betresienden Körperstelle, sondern an schmerzlichen Stellen des jüdischen Geistes, dem Gebetbuche und der Wissenschaft. Den Kamps gegen die Entjudaisirten aufzunehmen, mag hart, sehr hart werden, aber er muss vou seiten des guten Restes unseres Volkes der konservativen Richtung geführt werden. Und auch der Regierung muss es plausibel gemacht werden, dass ein jüdischer Religionsunterricht, wie er in den arischen' Schulen ertheilt wird, einen Hohn auf das Judenthum bedeutet und irreligiöse Bürger heranzieht, für die das Judenthum in seiner Gesammtheit keine Verantwortung übernehmen kann. Dr. Vierer. (Fortsetzung folgt). Die Gotteshäuser und unsere Jugend. Bon D. Skutezky, Wien. Wenn wir in der gegenwärtigen Aera der politischen und. socialen Kämpfe, mitten im. Gewühle der reaktionären Strömung das Bedürfnis empfinden, uns zu regener.ren. und mit einer gewissen Begeisterung an die Gründung von jüdischen Vereinen und religiösen Institutionen schreiten, so mag dies allerdings als ein günstiges Zeichen, als ein Symptom unseres wiedererwachten nationalen Selbstbewusstseins hingestellt werden, allein bedauerlich ist es, wenn diese Schöpfungen, die so edlen Inspirationen entsprungen sind, sich in gewisser Hinsicht als überflüssig erweisen und kaum oder fast gar nicht ihren Intentionen entsprechen. So sind in letzterer Zeit, speciell in Wien, der im Schaffen und Fördern gemeinnütziger Sachen so werkthätigen Muttergemeinde des Reiches, eine ganze Serie von Gotteshäusern, beziehungsweise Vereinssynagogen erstanden und der allgemeinen Benützung übergeben worden, von denen so manch eine ob ihrer herrlichen Bauart und Ausstattung mit zu den Kuustobjecten und Sehenswürdigkeiten zählt,' deren die Stadt so viele aufzuweisen hat. Es ist dies, wie gesagt, immerhin ein Lichtpunkt, eine unverkennbar große Errungenschaft in dieser so düsteren und tiefernsten Zeit. Allein, fragen wir uns einmal: von wem sollen denn diese schmucken Gotteshäuser dereinst, wenn wir unsere Lebensarbeit vollendet und der gottesdienstlichen Pflicht enthoben sein werden/frequentirt, verwaltet und geleitet werden? Etwa von unserer Nachkommenschaft, von der heutigen Jugend? Die Antwort wird, so wir offen und ehrlich uns keiner Illusion hingeben wollen, leider im negativen Sinne ausfallen. Wenn es auch unserer die Schule besuchenden Jugend an Zeit .mangelt, regelmäßig den Gottesdienst in den Tempeln und Bethäusern anzuwohnen, so sollte sie doch zumindest an schulfreien Tagen, in schulfreien Stunden, beispielsweise an den Vorabenden, der Sabbath- und Festtage, seitens der Eltern ,^zur Andacht zum Gottesdienst in den Synagogen herangezogen werden. Ist dies aber der Fall? Müssen wir nicht, so oft wir bei solchen Anlässen die heiligen Hallen betreten und Umschau halten, die traurige Wahrnehmung machen, dass unsere Jugend unter der großen Beterschaar fast gar nicht, oder nur mit einem sehr geringen Percentsatz vertreten ist. Ja, Du lieber Gott, wo sollen denn diese zarten Kleinen, die ja ohnehin infolge des herrschenden Jndifferentismus nur über eine bescheidene Dosts von religiösem Empfinden verfügen, dereinst, wenn sie den Kinderschuhen entwachsen, urteilsfähig und selbstständig geworden sind, Verständnis, Liebe und Begeisterung für den öffentlichen Gottesdienst hernehmen? Wohl ist seitens des Cultnsvorstandes bereits seit Jahren die gewiss sehr anerkennenswerthe Verfügung getroffen, dass an den Sabbathen in den Gemeindetempeln und gewissen Bethäusern eigens ein Gottesdienst für die Jugend improvisirt wird, allein so weihevoll und so erhebend die Andachtsübungen sich repräsentiren, so bilden sie doch nur einen Theil, gleichsam ein Miniaturstück des großen, umfangreichen GesammtgoUesdienstes, der der Jugend pflichtgemäß und in erster Reihe seitens der Eltern sowohl im Hause, im Familienleben, als auch in der Synagoge, bei den öffentlichen gottesdienstlichen Andachten veranschaulicht und eigen gemacht werden sollte. Und darum Ihr guten und zärtlichen Väter und Mutter, wollet Ihr nicht, dass die Gotteshäuser dereinst den Vorwurf gegen Euch erheben: jssoauniiin dojiuu, wenn wir so verwaist und leer dastehen, so ist dies nur Kure Schuld, w’en aw, "weil Ihr Euren Kindern keine pflichtgetreuen Eltern wardwollet Ihr vielmehr der hehren Pflicht der? religiösen Erziehung Euren Söhnen und Töchtern gegenüber gerecht werden, dann wälzet diese Pflicht nicht auf Anderer Schultern, sondern leget selber Hand ans Werk. Sprechet zu den zarten Sprösslingen in der tiefen Herzenssprache, in der einst der große Psalmist zu uns gesprochen: l’chu bonim schimu li jiras Adonai alamedchem, kommet Kinder, höret auf mich, ich will Euch Gottesfurcht