Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 20 (24.5.1901)
- Date
- 1901-05-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 19. Die Wahrheit. Leite 7. über Vorschlag des Präsidenten nachstehende Vorstandsmitglieder gewählt: Dr. Alfred Stern, Rudolf Auspitz, Salo Cohn, Architect Max Fleischer, Banrath Ritter v. Goldschmidt, David - Ritter v. Guttmann, kais. Rath Moriz Hirsch, Emil Horner, Mor. Edler v. Kuffner, Leopold v. Lieben, Arthur v. Mises, Commercialrath Leop. Pollak, Baurath Stiaßny, Oberbaurath Tanssig und Ritter v. Taussig. Hin Hpfer der Höstruction. Dr. Maximilian Steiner referirt namens der II. Sectio» über Einsetzung einer „h i ft o r i s ch e n Co m m i s s i o n". Das hochinteressante und erschöpfende Referat verweist darauf, dass auf dem Wiener Boden für die historische Erforschung des ' österreichischen und Wiener Judenthums fast gar nichts bisher geschehen fei, während anderwärts, besonders in Deutschland und Ungarn so Hervorragendes geleistet wurde. Redner beantragt die Einsetzung einer aus Vorstandsmitgliedern, den Oberrabbinern Dr. Güdemann und Dr. Schmiedl und anderen Gelehrten und Fachmännern bestehenden historischen Commission und die Bewilligung eines Credites von 3000 Kronen. In langeier, vielleicht etwas allznlanger, den großen erziehlichen Werth der historischen Forschung darlegender Aus- ■ sührung tritt Schnldirector Simon für den Antrag ein, der uoch von den Vicepräsidenten Dr. Stern, Dr. Kohn, ebenso won Dr. Grünfeld und Banrath Stiaßny sehr warm befürwortet wird. Letzterer ersucht zugleich bei der Bildung der Comwission auch an das „Jüdische Museum" nicht zu vergessen. Salo Cohn. Oberfinanzrath Dr. Rappaport, Dr. Stein und Gewitsch, die sämmtliche dem Wesen des Antrages große Würdigung und Sympathie entgegenbringen, erklären sich aus sinanciellen Gründen gegen den Antrag. Da während der weiteren Debatte einige Vorstandsmitglieder sich absentirten, wurde die Beschlussfassung unmöglich, und durch diese obstructionistische Taktik kam der an und für sich gewiss lobenswerthe Antrag;u Falte. Hierauf wurde die Sitzung unter dem im Sitzungssaale der Wiener Cultusgemeinde ungewöhnlichen Eindrücke der Obstructiv», die auf mancher Seile entschiedene Misbilligung fand, geschlossen. Die Schule, die ich meine. (Fortsetzung.) Ehe ich an die Fortsetzung meiner vor einiger Zeit unterbrochenen Ausführungen über die jüdische Schule schreite, muss ich einer Thatsache erwähnen, die im letzten Artikel blos als Wunsch hingestellt wurde. Ich constatire nämlich, dass die Lemberger jüdische Gemeinde von der Zeit an, da die „Schomer Israel-Partei" die Majorität im Vorstande hat, armen jüdischen Schulkindern aller Schulen die weitgehendste Verpflegung angedeihen lässt. Im Winter werden circa 450 Kinder täglich gespeist und neben den jüngsten wird auch eine Anzahl von jungen Talnludschülern, welche sich in profanen Gegenständen unterweiserr lassen, verpflegt. Außerdem findet in der jüdischen Volksküche die Ausspeisnng jüdischer Mittelschüler, Veterinärschüler und Präparandisten in einem separaten Speisezimmer statt, und es sind schon recht tüchtige Bursche aus dieser Verpflegung hervorgegangen. Gelegentlich möge hier auch erwähnt werden, dass diese Speiseanstalt sich Heuer bei Verpflegung der jüdischen Soldaten mit Pessachkost in sehr vortheilhaster Weise bewährt hat, und charakteristisch ist ein Ausspruch des Obersten, der in Begleitung des Regimentsarztes die Küche und das Dargereichte an Speise und Trank inspicirte und dem Leiter der Bespeisung, Herrn Dav. Maschin, gegenüber bemerkte: „Sie verwöhne» ja weine Leute mit ihrer Kost, die Juugens werden sich schwer an die Menage gewöhnen Die lange Zeit eines Vierteljahrhunderts hat uns Juden gelehrt, dass der Geist des Jnterconfessionatismus der Schule rm eigentlichen Sinne gar niemals gewaltet hat. Die ganze Schulverwaltung ging und geht immer von einem christtichconfessionelleck Lehr- und Lernsyftem aus. Diese Schule, an der alles Christlichreligiöse gelehrt und geübt wird, hat für das Jndenthnm keinen Platz. Unseren Asfimilatoreu schmeichelte es wohl, wenn nur recht viel vom Christenthum und recht wenig vom Judenthum zur Geltung kam. aber das Resultat dieser interconsesssionell sein sollenden Erziehungsanstalten sind die überhand nehmenden Noth- und die Lusttanfen, während früher die vielgeschmähten Chedarim treue Anhänglichkeit an unsere altehrwürdige Religion und unbezwingliche Charaktere erzeugten. Dank dieser unleugbaren Thatsache und der unter unseren Augen betriebenen schulmäßigen „Los von Inda Bewegung", sind wir nun an einem Wendepunkt angelangt. Wir Juden haben uns selbst über die Erziehnngspolitik Rechenschaft zu legen, und da gibt es nur zwei Wege. Der eine Meilenzeiger weist unsere Kinder in die bestehenden christlichen Schulen und gleichzeitig auf den Weg nach Rom, oder wir begreifen unsere Situation vollständig, folgen dem Zuge unseres jüdischen Herzens und streben nach dem Wiederaufbau unserer unsterblichen, nationaljüdischen Schule, mit der Devise „Los von Rom!" und „Los auf JudaDieser Gedanke bricht sich erfreulicher Weise selbst in einer so großen und eminent fortschrittlichen jüdischen Gemeinde wie Budapest Bahn, von den Musterschulen in Frankfurt a. M. und anderwärts gar nicht zu sprechen. Gerade stehen uns die 'Erziehungsresultate beider Richtungen vor Augen. Man nehme z. B. die jüngeren, in jüdischen Schulen erzogenen Gemeinden u,rd vergleiche sie mit Gemeinden, wie Frankfurt a. M., Amsterdam und anderen. Aber auch diese jüdischen Schulelt haben nur eine halbe Leistung anszuweisen, da ihr Schulplan von dem Standpunkte ausgeht, die Heranwachsende Generation dem religiösen Judenthum zu erziehen. Man hat dann wohl gläubige, gottvertrauende, aber nicht vom Judenthum innig durchdrungene Inden. Und das ist eben die ganze Triebkraft, welche uns an» eifert, moderne jüdischnationale Schulen zu errichten. Das älteste Schulvolk, das jüdische, muss erst zu seinen Feinden in die Schule gehen, um von ihnen zu lernen, welche Ziele eine Schule sich zu ftelleu hat. Wer könnte uns bei unseren Mitbürgern eilte Schule ausweisen, in welcher nur die Religion des betreffenden Volkes, nicht aber seine Sprache, seine Litteratur und seine Geschichte gelehrt würde? Soll nun gerade unser Volk mit seiner viertausendjährigen .Geistesarbeit seine Sprache und Litteratur auf das Aussterbeetat setzen imb bei allen Nationen das Vehikel zur Commnnicatiou entlehnen, während unsere weltumfassende ethnische Besonderheit gerade für die Einigung und Concentrirung aus geistigem und sprachlichem Gebiete spricht? Dieses nationale Muss bildet eben ein anerkanntes Axiom bei allen Völkern der Welt, welche politisch gezwungen sind oder aus freien Stücken darangehen, ihren nationalen Wohnsitz mit der Fremde zu vertauschen. So spricht der Pole in allen Welttheilen polnisch und erzieht diese Sprache seinen Kindern an, der Deutsche pflegt seine deutsche Muttersprache, ob er in China oder in Amerika ist, und so fort. Die jüdische Erziehung kann und darf sich nicht mehr darauf beschränken, dass das Kind zum Sederlamden wird. Der Unterricht muß mehr erreichen, muß mehr als Opfer an Zeit und Geld dem lieben Gotte Israels zum Wohlgefallen darbringen; er muß einen effectiven Nutzen bringen, und der bestünde in der Auswerthnug einer Sprache zu Communicationszwecken. Beide Geschlechter müssen in gleicher Weise von diesem geistigen Schatze Gebrauch machen. Deshalb müsste die Methode des Unterrichtes in unsere» jüdischen Schule dahin führen, dass unsere Kinder Sprache und Schrift gleichzeitig pflegen. Man beginne schon in den Fröbl-Schulen mir dem Memoriren einsilbiger Wörter, und mit dem kleinen Liedchen setze man allmälig fort. Ich würde zur raschen Erlernung des Lesens das hedräifche Alphabet in Hol; geschnitzt, mit bunten Farben bemalt, jedem Kinde als Spielzeug schenken, damit das Kind unter Anleitung des Lehrers die eiusilbigen Wärter zusammeusetzen lernt. Aus der Fröbl Schule kommt es mit dem hebräischen Leien und mit einem kleiner Wortvorrath in die jüdische Volksschule. Da setzt bereits ein zehnstündiger Unter.