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Die Wahrheit · 1901-05-24 · Heft 20 (24.5.1901) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 20 (24.5.1901)
Date
1901-05-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 20. Die Wahrheit. Seite 5. lieferung seines Volkes losgelöst hat, hier war der Punkt, wo es nicht nur zur Trennung, sondern zum entschiedensteu Gegensatz kam. Jesus hat alle übrigen Theile der spätjüdischen Ueberlieferung mit sanfter Hand umgemodekt oder gar beibehalten, die politische Mission aber, die ihm der neue, schon ganz fest gewordene Volksglaube zuwies, hat er mit aller Entschiedenheit abgelehnt. Wohl hat er sich den Ngmen des Messias gefallen lassen, aber was er unter diesem Amt verstand, das war in Wahrheit nicht von dieser Welt. Jesus wollte von der Religion der Väter alle die politischen, zuletzt auch alle die nationalen Zuthaten loslösen, die ihm als Schlacken in dem lauteren Gold des Glaubens erschienen. Wer kann sagen, wie sich Alles gestaltet hätte, wenn das jüdische Volk auf sein politisches Ideal hätte verzichten können; denn in der Thal, ein solcher Verzicht auf sein höchstes nationales Gut ward ihm von Jesus zugemuthet. Jesus hatte nur gesteigert, was er in der religiösen und sittlichen Ueberlieferung seines Volkes vorgefunden hatte, aber sich in den Dienst des politischen Ideals der Vorzeit zu stellen, wies er weit von sich. Was die feste Hoffnung vieler Generationen gewesen war, was dem nationalen Zusammenhänge seines Volkes noch jetzt den besten moralischen Halt gab, das erschien ihm als ein Nichts, ja schlimmer als eine Versuchung! Aber darf man sich wirklich wundern, dass diese Neuerung — denn Jesus wich ab von der Bahn der Ueberlieferung, nicht aber das Volk — bei allen Nationalgesinnten die furchtbarste Empörung wachrief? Dieser Mann ließ sich Messias neunen und setzte doch allen ihren Hoffnungen kühle Resignation entgegen, und das einzige Wort, das er überhaupt über sein Verhältnis zum Staate sagte, war eine Anerkennung des von ihnen tödtlich gehassten Herrenvolkes. Er musste ihnen als Verräther an dem heiligsten Besitz ihres Volkes erscheinen. Wahrlich, wenn irgend ein Nationalismus überhaupt fähig oder auch nur geneigt wäre, einen andern zu begreifen, so müssten dieselben Parteien, die heute die feindseligsten Widersacher des Judenthums sind, seine besten Verteidiger gegen die Anklage werden, die von je auf dem jüdischen Volke am schwersten gelastet hat. Denn der furchtbare Racheact, dem Jesus zum Opfer fiel, war eine That des überzeugtesten Patriotismus, der nationalsten Begeisterung*). Sucht man den Conflict über die Personen fort in die Sphäre der großen historischen Gegensätze zu heben, so hatten sich damals der religiöse und der politische Genius des Judenthums von einander geschieden und waren in den schroffsten Gegensatz gerathen. In Jesus hatte sich alle die starke religiöse Kraft seines Volkes zusammengefasst und hatte die unlösbar scheinende Verbindung, in die sie seit Jahrhunden mit dem Staatsgefühle der Juden getreten war, aufgehoben. Kein Zweifel, der jüdische Glauben und das jüdische SittengeboL waren dadurch wesentlich gesteigert, und zwar in der Richtung, aber weit über die bisherige Entwicklung hinaus aufgehöht worden; aber die alte, nie erloschene Hoffnung auf nationale Selbstständigkeit war dabei das Opfer gewesen. Ein Opfer, das Jesus seinem Volk zu bringen zumuthete und zu dem es sich doch noch nicht verstehen mochte oder konnte. Soll man es darüber verdammen? Und hat unser so ganz national empfindendes Zeitalter dazu besonderen Anlass? An den Vorgängen, die sich an die Entstehung und Weiterverbreitung des Christenthums knüpfen, ist Alles einzigartig. Am merkwürdigsten aber ist vielleicht die tragische Schickung, dass hier die größte Leistung eines Volkes ihm selbst so gar nicht zum Segen ausschlug. Jesus war in jedem Betracht die höchste Ausgipfelung der jüdischen Entwicklung, aber sein^Volk wurde seiner Persönlichkeit ein tödtlicher Feind, seiner Sache aber blieb es in seiner großen Mehrheit fremd. Freilich die nächste Ausgeftaltnng seines Werkes ist noch seinen Volks¬ *) Im Gegensätze zu diesen Anschauungen verweisen wir auf die Ausführungen unseres ersten Artikels, iu welchem über die Kreuzigung Jesus.wahre geschichtliche Aufklärung gegeben wird. Die Red. genoffen Vorbehalten geblieben lind mau hat doch auch daun noch, als das Christenthum vou dem römisch-griechischen Bälkerkreise völlig aufgesogeu war, ein sehr starkes Gefühl dafür gehabt, dass sie die am nächsten Berechtigten, die am besten für diese Aufgabe Befähigten waren. Es kann doch kein Zufall sein, dass die Reihe der von nun ab als allein authentisch angesehenen Glaubensschriften im Wesentlichen gerade da abgeschlossen wurde, wo die Mitarbeit der Juden unter den Interpreten und Verbreitern von Jesus' Lehre ausgehört und die der anderen Orientalen und der Griechen begonnen hatte. Aber gleichzeitig war anch die Scheidung zwischen Judenuna Christenthum zn einer definitiven geworden und an die Stelle gänzlicher Entfremdung ist zuletzt in tragischem Kreislauf wieder die alte tödtliche Feindschaft getreten, nur dass die Juden nunmehr nicht die Verfolger, sondern die Verfolgten wurden.' Und doch ist selbst in dieser Wendung noch die übermächtige Einwirkung jüdischen Geistes auf das Christeuthum nachzuwrisen. Denn auch die religiöse Unduldsamkeit, die die christliche Kirche so früh gegen Andersgläubige bewiesen hat, ist vermuthlich nur ein Erbe vom Jndenthum her. Weder Griechen, noch Römer, noch Germanen haben sie gekannt und auch den Juden war sie vielleicht nicht eingeboren — dass sie, und sie anch wieder allein von allen Völkern dieses Culturkreises aus Verbreitung ihres Glaubens ausgingen, dass sie. ebenso vereinzelt, kos nopolitischfremdensreundliche Vorschriften in ihr Sittengebot auinah neu, spricht dagegen — aber eben die Verquickung religiöser und politischer Gedanken, in der das jüdische Volk von vornherein emporgewachsen ist, hat in diesem Punkt eine grundsätzliche Wandlung bewirkt. Der Verlust staatlicher Selbstständigkeit, der noch nach Jahrhunderten als eine nie verharschende, stets brennende Wunde empfunden wurde, nährte den Hass gegen die Herrschernationen, der nothwendig anch religiöse Formen, annahm. Aus dieser Knechtschaft und aus den unbegrenzt-ehrgeizigen Hoffnungen, die im grellsten Gegensatz zn dem vorhandenen Zustand sich als eine maßlose Reaclion des Volksgeistes gegen dieses Misgeschick -auflehnten, wurde eine religiöse Gesam ntstimmung, die alle Ungläubigen, alle Nichtjuden verfehmte und verachtete, ja mit tödtlichem Hasse bedachte. Die Christenheit, die auch dieses düstere Vermächtnis vor» Judenthume antrat, hatte dazu auch nicht den kleinsten Theit des historischen Anlasses, der das in seinen Ketten stöhnende Jndenvolk zn diesen Gedanken getrieben hatte. Sie kam zn diesem gehässigen Glaubenseiser erst, da der neue Glaube schon völlig zur Herrsch lft gelangt war, und es handelte sich nunmehr um die Staatsreligion eines Weltreiches, Mährens einst in Palästina ein zwergenhaft kleines Volk sich in diesen Ressentiments-Empfindungen Luft gegen übermächtige Herrennationen gemacht hatte. Unzweifelhaft regte sich in diesem hochmürhigen, gewaltthätigen Verfolgungsdrang ein sehr viel irdischerer und in vielem Betracht menschlicherer, wenn auch durchaus nicht humaner Jnftinct, ganz wie fein jüdisches Vorbild das Erzeugnis einer Reaction starken Nationalitätsgesnhls und kriegerischer offensiver Stimmungen gegen die allzu milde, allzu hingebende Moral der jüdischen Religion gewesen war. Ots historische Ergebnis all' solcher Betrachtungen aber vleidt: d a s s d a s C h r i st e n t h u m in alten seinen charakteristischen Eigenschaften, in seinem unbedingten Ein-Gotte s-Glaub en, in seinen altruistischen C o n s e q u e n; e n und in seinen gewa^ltthätigegoistischen Inkonsequenzen b c 11 Stempel jüdisch en Geistes trägt. Es war das schicksalsreiche Geschenk des Orients an den Westen und nach einander haben es sich die Griechen, die bis dahin so wenig fremde Cnlturgüter angenommen hatten, die Römer und schließlich auch die Germanen zu eigen gemacht."

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