Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 20 (24.5.1901)
- Date
- 1901-05-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 20 durch Kreuzigung zugleich mit derjenigen einiger Straßenräuber vollstreckt. Dass der Statthalter diese Bestätigung gewährt, weil er den »König der Juden" als Majestätsverbrecher betrachtet, weist die ältere Fassung ab, da Pilatus trotz der Bejahung der Frage (Markus 15, 2) den Mann für unschuldig, also diese Antwort für die Rede eines Schwärmers hält; nach dieser Darstellung gibt Pilatus wider seine Ueberzeugung.den dräitgenden fanatischen Massen nach. . . Die Handwäsche des Pilatus, welche Markus nicht hat, ist diesem also gefällten und also vollstreckten Unheil gegenüber eigentlich eine Unmöglichkeit und noch unmöglicher die Aufforderung des römischen Beamten an die Juden, den Jesus selbst nach ihrem Gesetz, das heißt eapital, zu richten (Joh. 18, 31), da er doch wenigstens ebenso gut wissen musste, wie die antwortenden Inden, dass sie dieses Recht nicht mehr befaßen." Dass der Hergang, wie Mommseu ihn aus den Berichten der Evangelien construirt, nach dem, was wir über den römischen Capitalprozeß in jener Zeit und in den Provinzen wissen, aus äußeren Gründen möglich war, dasür ist die Autorität eines Theodor Mommseu gewiss maßgebend, für die Frage jedoch, ob der so geschilderte Hergang aus innere n Gründen auch nur wahrscheinlich ist, reicht sie nicht aus. Vielmehr schließt eine genaue Prüfung, wie sie von Philippfon durchgeführt tvird, sowohl die Verhaftung als das Verhör und die Verurtheilung durch die ofstcielle jüdische Obrigkeit vollkommen aus, da für jene kein Grund vorhanden war und kein Delict angegeben wird, auf das nach jüdischem Recht die Todesstrafe gesetzt wird. Man begreift aber nach Philippsons Ausführungen auch, wie die den Juden ungünstige Version entstehen und durch den allmälig immer größer werdenden Hass sich dauernd erhalten konnte, so dass auch vollkommen vorurtheilslose Kritiker und Gelehrte gar nicht daran denken, an den inneren Gehalt jener Darstellung die kritische Sonde zu legen. Die Neuauflage der verdienstlichen und schon durch ihren ruhigen, mehr der Aufklärung als dem litterarischeit und religiösen Streit dienenden Ton lesenswerthen Schrift, ist daher tvillkommen zu heißen. Empfohlen hätte es sich allerdings, die neuere Litteratur zu berücksichtigen und eventuell zu ihr Stellung zu nehmen. Dass dies nicht geschehen, ist ein Mangel, der nur dadurch einigermaßen entschuldigt werden kann, dass der Herausgeber nur dem vielfach geäußerten Wunsche nach der Schrift feines Vaters Rechnung tragen wollte. Iudeuthum und Chnstenihuui. Zu einer Zeit, da von unseren Gegnern die unglaublichsten Anklagen und abscheulichsten Verläumdungen gegen die jüdische Religion und die Morallehre des Judenthums ausgeheckt werden, welche weite Kreise Gebildeter und Ungebildeter als bare Münze hinnehmen, erscheint es als ein äußerst wirksames Mittel zur Aufklärung der wahnbethörten Massen, auf die engeu Beziehungen des Judenthums zum Christenthum, die Leim Entstehen des letzteren selbst von den verbissensten Antisemiten nicht geläugnet werden können, hinzuweisen. Und da zeigt es sich, dass die gegenwärtig im Gegensatz zur verlästerten jüdischen Moral so hochgestellte christliche Moral und christliche gElhik, welche vielfach als ein Produkt germanischer Cultnr und jpermanischer Bildung declarirt wird, dem jüdischen Boden entsprungen ist und seine Herkunst auch nicht verläugnen kann, vriese Thatsache findet eine hochinteressante und eingehende Eruierung in einem in der letzten Nummer in der hiesigen Zeitverrift „Die Wage" unter dem Titel »Jesus und die Juden" ^caösfentlichten Artikel, welcher die weiteste Verbreitung verdient, is-rch Darlegung der großen Einwirkung der Lehre Jesu auf Aaube, Moral und Sittenpraxis der Menschheit kommt der i,*W zu der historisch gewiss begründeten Frage, wo der nai *We Boden für diese wahre Heilslehre zu finden sei, und ^antwortet dieselbe in folgender Weise : „Der Ausgangspunkt und Träger dieser im höchsten Sinne universalhistorischen Bewegung war ein kleines Volk, das, von geringer politischer und um so zäherer geistiger Kraft, längst scholl um seine staatliche Unabhängigkeit gekommen war, das aber in Jahrhunderte langem Sinnen und Grübeln eine ureigenthnmliche Religion zu Stande gebracht hatte und das nun in einer neuen unerhörten Kraftanspannung durch eine einzige Persönlichkeit sich zu dem Range der Nationen aufschwang, die die Geschichte der Menschheit bestimmen. . Das Christenthum ist aus dem Geiste des jüdischen Volkes herausgeboren, ist sein Erzeugnis, seine größte Leistung. Jesus ist so ganz erfüllt gewesen von beit letzten und tiefsten Gedanken seines Volkes, dass er uns Nachgeborenen erscheint wie der fleischgewordene Genius des Judenthums. Alles, aber auch Alles, was den Christenglauben hinaushebt über die anderen Religionen, ist jüdischen Ursprungs: so vor allem anderen die unerhörte Inbrunst der Gottesverehrung und die Schöpfung des persönlichen Einen Gottes. Beides war Jahrhunderte alter Besitz der jüdischen Nationalreligion, und Jesus hat an ihm nichts geändert, nichts dazu gethan, noch etwas davon entfremdet. Nicht Griechen, nicht Röilier, nicht Germanen haben je den Gedanken eines einzigen höchsten und doch persönliche,t Gottes gefunden, und noch weniger hat eines von diesen Herrenvölkern es über sich gewonnen, sich so tief vor den Gestalten seines Glaubens zu demüthigen, wie dieser grüblerische Hirterl- und Bauernstamm schon in seinem frühen Mittelalter gethan hat. Neben den großen Besitztümern des Christenthums aber stammten auch die meisten seiner geringeren Glaubenssätze aus dem jüdischen Erbe: so der ganz eigenthümliche Gedanke eines zur Erde niedersinkenden Gottesreiches und der eines menschlichen, aber besonders heiligen Vermittlers zwischen dem Gott und den Gläubigen, so auch die Idee eines himmlischen Fortlebens der gerecht Befundenen. Und mit dem Hauptinhalt ging auch der wesentlichste Charaklerzug der äußeren Form.von der alten auf die neue Religion über. W'eder Griechen, noch Römer, noch Germanen habe,! ans ihrem Glauben eine Litteratur gemacht, wie die Juden, deren gesammte geistige Thätigkeit sich» von je aus diesen einen Punkt coneentrirt hatte. Und wenn das Schwergewicht von Jesus' Lehre auf seinem Sittengebot ruhte, so war doch auch dessen innerster Kern jüdischen Ursprungs: kein Europäer-Volk hat den ethischen Kern seiner Religion so klar und deutlich herausgeschält wie die Inden, und keines anderen Volkes Sitteulehre war so ganz auf dem Grundsatz der Nächstenliebe aufgebaut wie diese. Unzweifelhaft hat Jesus eben in diesem Stücke am meisterl gesteigert und aufgehöht, was er vorfand. Aber wie viel ist nicht damit schon gesagt, dass dieser Verkünder aller Selbstentänßerung und Hilfsbereitschaft eine Sitteulehre vorfand, die er nur zu potenziren brauchte, um aus ihr seine „frohe" Botschaft zu gewinnen. Doch freilich, und dies wurde das tragische Verhängnis, im Leben des jüdischen Volkes wie in dem seines größten Sohnes, so rein und unbedingt diese kleine Nation auch alle ihre geistige Thätigkeit dem Glauben gewidmet hatte, sie hatte doch auch ihrer politischen Ideale nicht ganz vergessen. Fast ein halbes Jahrtausend war verflossen, seit die Juden ihre staatliche Selbstständigkeit verloren hatten, aber noch hielten sie fest an der Hoffnung, sie lvieder zu gewinnen. Ja, das kleine Zwergvolk, das sich unter dem harten Eroberertritt aller der großen Dynastien und Nationen, die über sein Land dahingeschrilten waren, wehrlos gekrümmt hatte, war zu dem fast wahnsinilig ehrgeizigen Gedanken einer künftigen Weltherrschaft vorgedrangen. Und wie es bei diesem Volke eines gänzlich religiösen Innenlebens nicht anders sein konnte, aus diesem politischen Gedanken wurden religiöse Vorstellungen: der König-Befreier, der Israel nicht nur von der Knechtschaft erlösen, sondern zum Herrn über alle Nationen der Erde erheben sollte, wurde ihnen zum gottgesandten Messias, zum Weltrichter. Und so leise und langsam sich auch Jesus von der Ueber-