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Die Wahrheit · 1901-05-24 · Heft 20 (24.5.1901) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 20 (24.5.1901)
Date
1901-05-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion u. Administration Wien. II/l, Novaragaffe 27. Anakhängige Aeitfchrift für jübifche -, Lezngsprn»: Ganzjährig . . St. 12.— Halbjährig ... Jt. ü.— ft. t. österr. Postfparcaffa Interessen. Check.Conto Nr. 84»>.251. Für Lultus beamte: 1 n f * t (l l r Ganzjährig ... ft. 10.— 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Erscheint jeden Freitag. Für Ausland: Abonnements- und JnsertionS» Ganzjährig .... 12 Mark betrüge sind in Wien zahlbar- Kalla: .Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" 6 Rubel oder 16 FrcS. Ur. 20. Vien, 24. Mai IM. Inhalt r Eine uralte und verhnägnisvolle Geschichtslüge. — Judenthum und Christenthum. — Aus der Wiener Cultusgemeinüe. — Die Schule, die ich meine. — Die Gotteshäuser und unsere Jugend. — Gemeinde- und Vereinsbote. — H. Weintraub und seine „Tempelgesänge". — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Der Nihilist. Eine uralte und verhängnisvolle Grschichtslüge. „Haben wirklich die Juden Jesum gekreuzigt?" Unter diesem Titel erschien vor fünfnnddreißig Jahren eine kleine Schrift Ludwig Phi l i pp son s, die, veranlasst durch einen über diese Frage lebhaft geführten Gelehrtenstreit sich die Aufgabe stellte, sowohl den durch die Berichte der Evangelien gegebenen Sachverhalt als auch die Ansichten der Gelehrten kritisch zu prüfen und in gewissem Sinne eine Revision des Prozesses, in welchem die Juden seit jenem unseligen Ereignisse, das nach christlicher Auffassung erst die Erfüllung der Mission des Stifters der christlichen Religion ermöglichte, die Rolle des, man darf es ruhig sagen, unschuldig und ungerecht Berurtheilteu spielen, vorzunehmen. Als Resultat des gehaltvollen, durchaus sachlichen und mit wolthuender Klarheit geschriebenen Büchleins, das seinerzeit allgemeines Aufsehen erregte, ergibt sich, „dass die gerichtliche Verfolgung und Verurtheiluug Jesu durch das Synedrium und die Forderung seines Todes durch das jüdische Volk jeder geschichtlichen Begründung ermangeln, dass vielmehr Jesus, wie so viele in jener Zeit unter den Juden aufgestandenen Messiasse von dem römischen Landpfleger gefangen genommen und hingerichtet worden sei, weil die damit verbundene Bewegung im Volke den Römern politisch gefährlich erschien. Dass die Deuunciation bei dem Pilatus von Juden ausgegangen sei, dass namentlich ein Jude zur Bezeichnung der Person Jesu sich hergegeben und der gerade ein Schüler Jesu gewesen, wollen wir Zugeben*), und kann dann als der wirkliche Kern dieser ganzen Ausmalung in den Szenen vor dem Synedrium und dem Richterstuhl des Pilatus angesehen werden. Allein, ein wirklicher Prozess vor dem Synedrium, wie die tumultuarische Forderung der Hinrichtung Jesu seitens des jüdischen Volkes haben nicht stattgefunden, so dass die Juden nicht als die Urheber des Todes Jesu angesehen und beschuldigt werden können." Ueberzeugend, wenigstens was die Hauptsache betrifft, weist auch Philippson nach, dass die Römer aus politischen Gründen das Auftreten Jesu, als er seine Wirksamkeit von Galiläa nach Jerusalem verlegte, als gefährlich ansehen mussten, er bringt das Vorgehen des Pontius Pilatus gegen Jesu in Zusammenhang mit dem sonst bekannten Charakter dieses Mannes, dem es durchaus nicht eigen war, dem Drängen der Menge gegen bessere Ueberzeugung nachzugeben, und legt auch die Motive dar, die dazu führen mussten, die Rollen zwischen Römern und Juden zu vertauschen und diese als die am Tode Jefn Schuldigeren hinzustellen. Obwohl in neuerer Zeit kein Gelehrtenstreit über die im Titel genannte „Frage" geführt wurde, also der Schrift nicht dieselbe „Actnalität", wie vor 35 Jahren, zukommen kann, war es doch ein guter Gedanke von Professor Martin Philippson, diese leseuswerthe Schrift feines um das jüdische Schrifttum so hochverdienten Vaters in neuem Gewände*) wieder erscheinen zu lassen. Wir wünschen dem Schriftchen die weiteste Verbreitung, denn sie ist auch heute, ja vielleicht heute mehr denn je, zeitgemäß, denn mehr als sonst hat das Judenthuin und haben die Juden gegen Hass und Vorurtbeil zu kämpfen, und der tiefere Grund dieser Gefühle liegt in den Vorwürfen des blinden Fanatismus, der Bosheit und Tücke, der niedrigen Gesinnung, die dem jüdischen Volk auf Grund der Berichte der Evangelien gemacht werden. Es ist eine fable convenue, dass die Juden Jesum gekreuzigt haben, das hören die Kinder in der Schule, die Gläubigen in der Kirche. Und die Gebildeten und Gelehrten? Die wissen wohl, dass die Kreuzigung keine Todesstrafe der Inden, sondern der Römer war, und dass die Inden zu jener Zeit gar nicht die Capitalgerichtsbarkeit mehr hatten, und beschränken daher den Antheil der Juden auf das Verhör und die Verurtheilnng. Auch ein Mann von so überragender Autorität wie Theodor Momm se n spricht in feinem „römischen Strafrecht" (S. 240, Anm. 2) von „den im Ganzen übereinstimmenden und sicher im Wesentlichen auch geschichtlichen Berichten der Evangelien" (als der reinste erscheint ihm derjenige des Markus). Danach ergebe sich folgender Hergang: „Die Verhaftung bewirkt die Localbehörde und sie stellt das Verhör an; auch das Debet ist nach jüdischem Recht behandelt, aber auch der Statthalter befragt den ihm vorgeführten Verurtheilren, die Hinrichtung wird insofern von dem römischen Statthalter verhängt und demnach nicht durch Steinigung, sondern von römischen Soldaten in römischer Form •) Haben wirklich die Juden Jesum gekreuzigt? Von Dr. Ludwig Philippson. 2. Auflage mit einem Vorwort von Professor Dr. M. Phi» lippson. Leipzig. Verlag von M. W. Kaufmann. Preis 1 Mark. *) Doch hat gerade die Judasgeschichte durchaus sagenhafte Züge.

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