Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 19 (17.5.1901)
- Date
- 1901-05-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 19. Die Wahrheit. Seile 7. das Budget der Gemeinde durch Aufnahme eines Anlehens zu belasten. Redner ergänzt schließlich seinen Antrag dahin, dass die Wahl des Comite aus die Tagesordnung der nächsten Sitzung gestellt werde. Cultusvorstcher Salo Cohn hält den Tempelban für höchst nothwendig. An hohen Feiertagen biete der Stadttempel keinen Platz, um die Kinder in denselben hineinzusühren. Auch der Zugang zu demselben sei wenig erfreulich. Man müsse einenTempel haben, um die Jugend zum Gottesdienste heranzuziehen. Nach einer Berichtigung des Cultusvorstehers A u s p i tz bemerkt der Vorsitzende kais. Rath Klinger, dass die Tempelsrage nur eine Zeitfrage sei. Vicepräsident Dr. Stern befürwortet im Schlussworte neuerdings seinen Antrag. Wenn wir immer auf den richtigen Zeitpunkt warten, wird derselbe nie eintreten. Der Ban des Tempels erscheine ihm als dringende Nothwendigkeit und er hofft, dass auch das Comits zu dieser Ueberzeugung gelangen wird. Redner erklält sich'mit dem Anträge des Herren Ritter v. Taussig einverstanden, der einstimmig angenommen wird. Zidduk hadin mid Kadisch an festlichen Tagen. Von Dr. M. L. Ster n. Ueber „Zidduk hadin", das Gebet „Hazur tamim paalo“, „O Felsen, zu welchem angstvoll die Menschheit flüchtet, tadellos ist sein Walten", und über das Kadischgebet nachher bei Leichenbestatlungen heißt es gewöhnlich in unseren Handbüchern : An Tagen, an welchen Tachanun entfällt, wird auch „Zidkuk hadin" nicht gesagt und statt des üblichen Friedhofs- Kadisch wird nur das "gewöhnliche Kadifchgebet verrichtet. Hier waltet zweifelsohne ''ein Missverständnis ab. Es muss zunächst auffallend erscheinen, dass in den Quellenschriften, welchen doch solche^ Anordnungen entstammen sollen, sich keine Spur der Unterscheidung zwischen dem gewöhnlichen und Friedhofskadisch zeigt. Da heißt es immer nur „Zidduk hadin" und Kadisch wird ilicht gesagt. Außerdem ist es auch gar nicht ersichtlich, warum, wenn schon Kadisch gesagt wird, gerade das sonst übliche Friedhofskadischgebet vermieden werden sollte. Dieses weist inhaltlich ja nur aus den Glauben an Auferstehung, Unsterblichkeit und Wiedererbauung der heiligen Stätten hin. Das ist aber ein Glauben, welcher ja auch in unfern erhebendsten Feiertagen vielfach zum Ausdrucke kommt. Wohl erscheint hier dieser Glaube im Zusammenhänge mit dem Tode, aber dieser Tod steht einmal bei einer Leichenbestattung, so sehr er auch den Feiertag trüben mag, leibhaftig vor Augen, und dieses Gebet verdüstert ihn doch nicht, da es ja über alle Schmerzgefühle erheben soll. Das Missverständnis wird uns vollends klar, wenn wir die einschlagendeu Anordnungen aus den Quellenschriften selbst nach dem Wortlaute vorsühren. Orach Chaim 429(2) heißt es einfach: Man sagt nicht Zidduk hadin. Dazu Mögen Abraham und auch nicht Kadisch. Ehok Jakob fügt hinzu. Sobald nicht Zidduk hadin gesagt wird, sagt man auch nicht Kadisch. Freitag nachmittags jedoch wird Zidduk hadin beim Hiugehen ohne Kadisch gesagt. Andererseits wird wieder dagegen die Einschränkung gemacht: Nur Freitag vormittags wird beim hiugehen Zidduk hadin gesagt. O. Ch. 420(2) Man sagt auch an Neumondstagen Zidduk hadin und Kadisch. Dazu R. M. Jsserls: Wir jedoch sind in unserem Ritus davon abgekommen, desgleichen Freitag Nachmittags und in den Nachtstunden. Daselbst der Lebusch: Man sagt an Neumondtagen auch anlässlich der Bestattung vorzüglicher Persönlichkeiten nicht Zidduk hadin, man predigt jedoch und bezieht das nachfolgende Kadischgebet aus dieses Predigen. In Mainz hat man bei vorzüglichen Persönlichkeiten immer Zidduk hadin und Kadisch gesagt. So war es auch beim Leichenbegängnis des R. M. Jsserls in Krakau am 18. Jjar (Lagbeomer) gewesen. Es gibt überhaupt auch Ansichten, dass Zidduk hadin und Kadisch ausnahmslos am 2. Festtage n. Falbseiertagen gesagt werden soll. Maimonides, Aschen, Josef Karo, auch Piste Thosshoth zum Abschnitt Jlu megalchin und Rosch spricht über das Thema. Wir erwähnen noch, Chachmath Adam 69(26): Bei uns ist es nicht üblich, Zidduk hadin an den Tagen zu sagen, an welchen Thachanun entfällt. Hier wird Kadisch vorerst nicht erwähnt; jedoch fährt er fort: Es besteht auch die Ansicht, dass man in den Nachtstunden nicht Kadisch und nicht Zidduk hadin sagen soll. Immerhin ist in allen diesen Anordnungen keine Spur der Unterscheidung zwischen dem gewöhnlichen und Friedhoskadisch, welche ich geradezu als eine Verlegenheitserfindung des unzureichenden Verständnisses bezeichnen möchte. Um diese Anordnungen richtig auffassen zu können, muss man aber die verschiedenen Ritusphasen gehörig von einander scheiden, die sich in denselben deutlich genug abspiegeln. Ursprünglich wurde nicht nur Zidduk hadin, wie noch jetzt üblich, sondern unmittelbar daraus auch angesichts der nocb nicht bestatteten Tobten Kadisch gesagt. Das Gebetbuch des Jakob Emden (Jaabez) bringt diesen Gebrauch ganz unzweideutig zum Ausdrucke. Da fiubet sich Zidduk hadin, unmittelbar darnach das Friedhosskadis-bgebet mit der Bemerkung: Die verwaisten Kinder verrichten jetzt dieses Kadischgebet. Nun ist es selbstverständlich. dass sowohl dieses, wie auch jedes andere Kadischgebet entfällt, sobald Zidduk hadin nicht gesagt wird. Eiu Kadisch muss sich immer aus etwas Vorhergehendes beziehen. Nun wird auch die Anordnung des Lebusch klar und verständlich: Damit auch an festlichen Tagen beim Wegfällen des Zidduk hadin nicht auch Kadisch wegsallen müsse, hat man namentlich bei vorzüglichen Persönlichkeiten gepredigt und daraus das Kadischgebet nach dem Begräbnisse daraus bezogen. Ans dieser zeitweiligen Einrichtung an festlichen Tagen hat sich dann ein ständiger Ritus und zwar auch an gewöhnlichen Tagen heraus gebildet. Mau hat überhaupt Kadis ch vom Zidduk hadin losgelöst. indem man es entweder ans das Predigen oder aus die bekannte Friedhossmischnah „An Nenmondtagen, Chanukah und Purim" oder aus Psalm 49, welche recitirr wurden, bezog. Alle diese Ritualien weisen aus den Tdd hin, sind eine Art Zidduk hadin, ans welche Kadisch des Friedhofs passt. Und selbst Psalm 16, welcher au festlichen Tagen recitirt wird, ist wohl ein abgeschwächter, aber ooch immer noch eine Art Zidduk hadin, mit dem noch immer dasselbe Kadischgebet bezogen werden kann. Warum man nicht bei dem frühern Rituale geblieben ist, Zidduk hadin und Kadisch angesichts des Todten noch zu sagen, lässt sich leicht errathen. Es muss diese Ceremonie ungemein aufregend gewesen sein. Kadisch angesichts des Todten! Was Wunder, dass man zuerst mindestens au östlichen Tagen und nachher auch für immer davon abkam. Noch peinlicher muss es gewesen sein, wem an der Bahre edler, frommer Eltern ein! missralhener Sohn stand, der entweder das Hebräische Kadisch- : gebet nicht mehr zustande brachte, es nicht sagen wollte, wenn! nicht gar als Abtrünniger seines Väterglaubens, nicht vermochte. ■ Da nun all überall nur von einem Kadisch, unbestimmt; welcher, die Rede ist, nirgends aber davon, ob es der eine oder! andere sein soll; da das Friedhofskadischgebet inhaltlich gar; nicht gegen die Festeszeit verstößt und nach Joses Karo, Mai-; mouides und Anderen, sogar an Feiertagen anschließend an Zidduk hadin gesagt werden sollte; da wir ferner das Kadischgebet überhaupt nicht mehr aus Zidduk hadin sondern aus den etwaigen Nachruf, ans die Mischnah, aus Psalm 49 oder 16 beziehen, so besteht kein Zweifel, dass man nicht berechtigt ist, ans solch völligem Missverstehen, wie es die Handbücher bekunden, den verwaisten Kindern und dem Hingeschiedelieu dieses tröstende Kadischgebet mit dem Hinweise aus Auferstehung, Unsterblichkeit und Wiederausrichlung des messianischen Reiches zu entziehen. Wird auf dem Friedhose von verwaisten Kindern Kadisch gesagt, so kann es unbedingt an welchem Tage immer das hierfür eingerichtete und so sehr geeigltele Kadischgebet sein zur Verherrlichung und Heiligung Gottes, der dereinst sein Volk erlöst, unserem Leben Auferstehung und unseren Hingeschiedenen Seligkeit verheißt.