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Die Wahrheit · 1901-05-17 · Heft 19 (17.5.1901) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 19 (17.5.1901)
Date
1901-05-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Ute Wahrheit. Nr. 19. Hin «euer tzempel im I. Wezirke. Vicepräsident Dr. Stern erhält das Wort zur Begründung seines in der letzten Plenarsitzung gestellten Antrages, betreffend den Bau eines neuen, monumentalen Tempels im 1. Bezirke, der solgende 4 Punkte enthüll: 1. Es sei die Errichtung eines monnmentalen Tempels in der Inneren Sadt als nächste und dringendste Unlernehmung der Cultusgemeinde zu beschließen. 2. Für diesen Tempel ist der Fassungsranm des Leopoldstädter-Tempels in Aussicht zu nehmen. 3. Es ist in's Auge zu fassen, dass, wenn thunlich, in Verbindung mit diesem Tempel ein der Cultusgemeinde würdiges, die nothwendigen Berathungs- und Kanzleiräume enthaltendes Admiuistrationsgebäude errichtet werde. 4. Das Baucomite wird beauftragt, binnen vier Wochen zu berichten, welche Bauplätze in der Inneren Stadt für obige Zwecke zur Verfügung stehen, und welche Summe die Anschaffung derselben beanspruchen würde. Wir kommen, führt der Redner aus, soeben von einer Feier, der Mädchenconfirmation, die heute im Seitenstettemempel stattgefundell hat. Das Gotteshaus war gesteckt woll, das Gedränge in demselben geradezu lebensgefährlich. Dasselbe Bild zeigt sich bei maslrir neschomos, auch hier kommt die Unzulänglichkeit der räumlichen Dimensionen des Tempels in crasiester Weise zur Geltung. In allen Bezirken ist durch Vereine für die Befriedigung der religiösen Bedürfuiße vorgesorgt worden, nur der erste Bezirk, welcher gerade von jenen Gemeindemirgliedern' bewohnt ist, auf deren Angehörige wir besonders rcstectiren, ist bezüglich des Gotteshauses stiefmütterlich behandelt. Seit 75 Jahren hat das Gotteshaus in der Stadt keine Vergrößerung erfahren. Man hat sich wohl schon öfter mit der Frage des Tempelbaues beschäftigt, ist aber niemals weiter gekommen, weil man immer im Zweitel war, ob erst die Frage des Bauplatzes oder die Finanzfrage gelöst werden soll. Die Grundlage ist unbedingt die Banfrage, an diese Frage knüpft sich die Finanzfrage. Wir sind, in erster Linie eine Cultusgemeinde, und so hoch ich auch die Anstalten der Wohlthätigkeit schätze, so ist es dennoch zunächst die Aufgabe der Gemeinde, den Mitgliedern, und besonders auch der Jugend die Möglichkeit zu bieten, am Gottesdienst theilzunehmen. Redner schließt feine Ausführungen mit der Bitte, seinen Antrag einem ad hoc einzusetzenden Comitö zu überweisen, und er zweifle auch n'cht, dass es demselben gelingen werde, die Mittel sür den Bau des Tempels aufzubringen. Ritter v. Taüssig kann dem nicht widersprechen, dass die Errichtung eines neuen Tempels im 1. Bezirke wünfchenswerth sei, aber noch dringender erscheine ihm die Herstellung eines Admiuistrationsgebäudes. In den jetzigen Räumen jei ben Vorstandsmitgliedern fast die physische Möglichkeit genommen, stch der Verwaltung der Gemeinde zu widmen. Auch die Dimensionen des Sitzungssaales feien, wie ein Blick in die heutige Versammlung zeigt, darauf berechnet, dass die Oeffeutlichkeit keinen allzugroßen Autheil an den Vorstandssitzungen nehme. Redner theilt die Anschauung des Vicepräsidenten, dass ein besonderes Comitis sich mit seinem Anträge eingehend beschäftigen mib daun dem Vorstande Bericht erstatten solle. Aber in der vorliegenden schriftlichen Form kann er nicht ganz für den Antrag stimmen, da er sür eine erste Anregung allzusehr präjudicire. Präsident kais. Rath K l i n g e r constatirt, dass der Vorstand sich schon in früheren Jahren mit dieser Frage beschäftigt, aber dieselbe wegen anderer dringlicherer Angelegenheiten zurückgestellt habe. Es wäre zu wünschen, dass die Sache nunmehr einer rascheren Behandlung zugeführt werde. Wilhelm K u f f n er schließt sich den Ausführungen Ritter v. Taufsig's vollinhaltlich an, will aber noch ausdrücklich hervorheben, dass ihm heute eine definitive Beschlussfassung über Punkt 1 des Antrages unmöglich scheine. Hermann E l t b o g e n begrüßt es mit Freude, dass der Vorstand sich mit der Frage des Tempelbaues beschäftigt. Aoer nicht gerade im 1. Bezirke sei ein Tempel nothwendig, viel nothwendiger sei er in den Vororten. Das Comitc möge sich also mit der Frage beschäftigen, wo ein Tempel nothwendig sei, denn für Gotteshäuser zu sorgen sei nicht Ausgabe der Vereine, sondern eine Pflicht der Cultusgemeinde. Präsident kais. Rath Kling er verweist darauf, dass der 1. Bezirk früher immer zurückgestellt worden sei, da man erst die anderen Bezirke mit Gotteshäusern zu versorgen bestrebt war. Diese Bezirke haben nun ihre Tempel, daher "sei jetzt der Bau eines Tempels im 1. Bezirk besonders actuell. Dr. Marcus Spitzer plaidirt gleichfalls sür die Einsetzung eines Comites. Wir brauchen aber den Tempel nur aus repräsentativen Gründen, denn bei besonderen Gelegenheiten, bei Trauungen rc. sei das Gedränge im Seitenstetten-Tempel wirklich lebensgefährlich. Ein dringendes Bedürfnis ist jedoch der Tempel im 1. Bezirk nicht. Selbst an den hohen Festtagen sei der Tempel nicht allzusehr überfüllt und zu den Säbbathen muß mau jetzt das Publikum mit alleu möglichen Mitteln in die Gotteshäuser hineiulockeu. Hingegen muß der Vorstand dafür Sorge tragen, dass an den hohen Feiertagen nicht in unwürdigen Localen Gottesdienste abgehalteu werden. Gegen Herrn Eltbogen betont der Redner, dass er einen Gegensatz zwischen den einzelnen Bezirken nicht kenne. So repräsentiren sich die ständigen Besucher des Tempels in der Leopoldstadt auch aus Bewohnern der anderen Bezirke, und wenn im ersten Bezirke ein neues Gotteshaus gebaut wird, das der ganzen Gemeinde zur Ehre gereichen soll, werden sich auch hier der Bewohner der anderen Bezirke nicht abhalteu lassen, diesen Tempel an Sabbathen und Feiertagen anfzusuchen. Reichsrathsabgeordneter Aufpitz ist mit der Einsetzung eines Comitss nicht ganz einverstanden, wenn dasselbe nur die Möglichkeit der Errichtung des Tempels prüfen soll. Ohne Zweifel wird das Comito einen Bauplatz und auch die Mittel zur Bedeckung finden. Etwas anderes ist es jedoch, wenn dem Comitä die Frage der Nothwendigkeit vorgelegt werden soll. Und da sind schön heute Stimmen laut worden, die erklären, dass der Tempel nicht nöthig sei, einer Anschauung, der auch Redner für seine Person beistimmt. Die Frage der Nothwendigkeit könnte aber auch ebensogut in einer der nächsten Plenarsitzungen vom Vorstande selbst beantwortet werden. Dr. Steiner schließt sich den Ausführungen des Vorredners an. Wilhelm Kuss ne r anerkennt wohl, dass das Comitö auch die Frage der Nothwendigkeit in Erwägung ziehen müsse, aber außerdem habe es noch viele andere Dinge 511 thun und namentlich die Details der Finauzirung ansznarbeiten, und schon deswegen erscheine ihm die Einsetzung des Comitos als unerlässlich. Ritter v. T a n s s i g sieht seinen Antrag aus Einsetzung eines Comitos so aufgefafst, dass er fast selbst versucht wäre, gegen denselben Stellung zu nehmen. Er verweist darauf, dass er sich gegen die Nothwendigkeit und Dringlichkeit des Tempelbaues ausgesprochen habe, ihn aber besonders ans Rücksichten einer würdigen Repräsentation für wünschenswerth halte. Von diesem Standpunkte ans ist es selbstverständlich, dass man beim Bau eines neuen Tempels nicht an irgend einen landschaftlich interessanten Bezirk an der Peripherie, sondern an die innere Stadt denken wird. Aber bei den gegenwärtigen budgetären Verhältnissen der Gemeinde ist es vollkommen ausgeschlossen, aus dem Säckel der Gemeinde einen Tempel zu bauen. Der Vorstand kann nur die Initiative geben und die zur Realisiruug des Planes nötigen Schritte einleiten. Als vor Jahren in dieser Frage eine Versammlung hervorragender Gemeindemitglieder stattfand, habe er damals den Eindruck erhalten, dass die finanziellen Erfordernisse gesichert seien. Ob unter den heutigen Verhältnißen, nach den bedeutenden Steuererhöhungen die besonders die Bewohner der inneren Stadt getroffen haben, der Appell an die Gemeindemitglieder von gleicher Wirkung sein werde, weiß er nicht. Dies zn untersuchen sei eben Aufgabe des Comits. In keinem Falle könne daran gedacht werden.

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