Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 18 (10.5.1901)
- Date
- 1901-05-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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T Nr. 18. Die Wahrheit. Lene 5. Sie solle überhaupt keine Bethauslizenzen mehr erlheilen, sondern die Ausübung des Gottesdienstes durch ihre eigenen Organe und in ihren eigenen Lokalen nornehmen lassen. Ueberhaupt sei es hei unserer Gemeinde mit dem Culkus arg bestellt. Was soll denn eigentlich die Beterschaar in's Gotteshaus locken? Die Cantören entsprechen nur zur Hälfte, und von den Predigern will er gänzlich schweigen J ... Den Unterricht betreffend erkennt Redner au, dass sich derselbe gebessert habe, was aber noch immer nicht bedeute, dass er gut sei. Auch die Ausübung der ÄZohlthätigkeit lässt vieN zu tpünschen übrig. — Zum wünschenswer lhen Empor blühen der Gemeinde ist aber vor allem ein sriedfertiges Zusammenwirken - nölhig. Im Leben ist die; Arbeit ein Bedürfnis und während derselben. ist der Kampf unausweichlich, deshalb soll man nicht diejenigen Männer, welche für jüdische Interessen arbeiten wollen, als Friedensstörer! verdächtigen. Man darf nie vergessen, dass Pharao unseren j großen Lehrer Moses, als dieser sein Volk aus der Geist! und Körper tödtenven Indolenz aufrüueln wollte, Friedensstörer! und Aufwiegler nannte.. > Paul T e n c e r, der officielle Beschwichtigungshofrath und! patentirle Mohrenwäscher, trat den Ausführungen der beiden! hervorragenden Redner und begeisterten Israeliten entgegen. Er behauptete, dass die Gemeinde auf -keine ihrer' Institutionen so , viel verwende, wie auf die Schule Im Allgemeinen wolle ' man sich nur vor Augen halten, was vor 15 Jahren war und was heute ist, und man wird sehen, dass die Gemeinde während der früheren 85 Jahre nicht so viel geleistet y-u, als während der letzten 15 Jahre. Keiner wisse das, so wie er. (Hier ruft Dr. H. Spitzer ein energisches: „Das steht nicht" dem Redner entgegen, worauf T e n c e r sich setzte, und so wstrde die Versammlung des weiteren Genusses seiner Rede beraubt.) Auch Dr. jur. Julius S ch w a r z geht von Thorah,! Awoda und Gemiluth Chassodim aus. Er erklärt den Religionsuntetricht für ungenügend und rügt insbesondere die Ueberfüllung der einzelnen Classen. Unter den aus dem Juveuthum im vorigen Jahre Ausgetretenen befanden sich 67 Frauen, was nur der j unjüdischen Erziehung der Mädchen zuzuschreiben ist, denn wir > haben keine jüdischen Lehrerinllen. Wir besitzen wohl eine große! Anzahl Lehrerinnen jüdischer Confession, die aber in den Misfions- 1 oder anderen nichtjüdischen Lehranstalten ausgebildet wurden und i denen der jüdische Geist mangelt, daher plaidirr er. wie schon; seit vielen Jahren, für die Errichtung einer israel. Lehrerinnen-; Präparandie, die dringend zu empiehlen lei. j Noch sprachen Dr. David Pap, Moritz Löwy und Dr. Alexander Fraenkel. Max Sza bo lest will auf Kosten der Orthodoxen den be» gründeten Vorwurf Dr. Schächter's abschwächen. Er führte aus: im Ganzen gab es 153 Nothbethäuser, hievon seien 33 von gleichsam als Aushängschild dienen. Außen prangt das „Koscher" und innen ist nicht eine Spur davon; auch hat derselbe nichts zu sprechen, das besorgt in der Gemeinde Deutsch ganz allein. D. H. Spitzer wollte sprechen, da wurden Rufe laut: „Abstehen". Er ließ sich jedoch nicht einschüchtern, sondern sagte mir erhobener Stimme, dass er sich vor der Wahrheit nicht fürchte und vor ihr auch nicht erbebe, darum sage er es mit dem Muthe seiner lleberzeugung rund heraus, dass von einer Dajouwahl heule nicht die Rede sein kann, denn das ist eine einfache Umschreibung und auch nichts Anderes als eine Ausspielung der Gemeindemitglieder. Sollte aber die Wahl dennoch vor sich gehen, so lege er schon im Vorhinein Protest dagegen ein. (Rute: Er hat Recht!) Der Präsident ließ abstimmen. Die für Feld mann sich erhoben Hallen, waren in der Minorität, da glaubte der Vorsitzende, die Versammlung hätte in Folge eines Missverständnisses so gehandelt und ordnete einen zweiten Wahlgang an. Doch vorher frug Dr. Schächter in ebenso kluger als verfänglicher Weise, was denn der Unterschied zwischen einem Rabbiner und einem Dajon ist? und erhielt die einzig richtige Antwort: „keiner!" Nun, revlicirte Dr. Schächter, wen» dem so ist, daun hat Spitzer Recht! . . Mittlerweile wars halb 1 Uhr geworden, die meisten Herren waren bereits ermüdet und eilten zur Trauung des Dr. v. G o l d b e r g e r, so dass kaum ein halbes Hundert da geblieben waren, ^von denen die überwiegende Majorität für Feld m a n n stimmte, der fomit als gewählt erschien und 7000 Kronen Gehalt beziehen wird. Dr. Julius W e i ß b u r g wurde als Hilfsrabbiuer desinitiv angestellt und seine Wahl erfolgte mit StimmeneinheUigkeit. Der Jubel und das Händeklatschen bezeugte, dass Weißburg der ausgesprochene Liebling der Geineindemitglicüer ist. Und das mit Recht, denn er ist das, was er sein soll. Hierauf kam das „Deutsch-Jubiläum" zur Sprache. Deutsch, das Vorbild der Bescheidenheit, wollte sich entfernen, doch der Präsident hielt ihn zurück und meinte, er hätte diese Ehrung verdient. Die SliftungSurkunve über die von der Gemeinde zu Schulzwecken errichtete „Samuel Deutsch 10 000 Kronenstiftung" wurde verlesen und „kühl bis ans Herz hinan" ausgenommen. Nur einige schüchterne — man könnte sagen — verschämte Eljens wurden hörbar. Die ordinirenden Aerzle des Adele Brody-SpitalS, Dr. Heinrich Alapi und Dr. Michael Mohr, wurdet! zu Oberärzten ernannt. Zur Ergänzung wurden in den Ausschuss entsendet: Architect Alfred W e l l i s ch und Stadtrepräsentant Gustav G. Ehrlich. Mil der Wahl von 97 Mitgliedern in die sechste Districtscommission schloss die Generalversammlung. Isoü jehudi. den Orthodoxen concessionirr worden, und es seien Fälle vorgekommen, dass die isr. Gemeinde die Concessiou für irgend ein Lokal nicht bewilligte, hingegen die Orthodoxen für dasselbe > Lokal die Concessiou ertheilten.! Nach einem Resumo des Präsidenten, in welchem er verj sprach, dass Jeder „gut und fromm" sein werde, was mit j begeisterten Eljenrufen zur Kenntnis genommen wurde,! ertheille die Generalversammlung dem Vorstande daS Ab- ' solutotium. Jetzt kam der wunde Punkt, die Rabbinerwahl, pardon i die Wahl eines Assessors an die Reihe. Die Gemeindemitglieder! haben die Pflicht, Steuer zu zahlen, und als Rechte außer der j Urwahl der Repräsentanz einzig und allein das Recht der Wahl! eines Rabbiners. Nun wussten sowohl der CultuSchef, als auch ' die K. u. K. Fachleute, dass ihr Candidat bei der Gemeinde in j keinem Falle durchzubringen sei, und oa bekanntermaßen neben i jedem Thor ein Thürchen sich befindet, schlüpften sie durch das! letztere und brachten ihr Protege als Dajon glücklich durch, j Es wurde die Biographie des Aufzuneh nenden der Versammlung j vorgelesen. Der hochwürdige Herr „Oberrabbiner" hat ein! Provinzgymnasium besucht und besitzt 6 Kinder. (Sensationelle! Bewegung.) Er soll als hochorthodoxer Rabbiner der Gemeinde 1 Deutsche Uebersetzung;um hebräische» Gebetbuche. Die hebräischen Gebete den Volksschülern beizudringen, ist eine der schwierigsten Aufgaben, die an einen Lehrer gestellt werden kann. Abgesehen vom Inhalt unserer Gebete, der meistentheils nur dem ganz verständlich ist, der mit unserer Vergangenheit und Hoffnung, mit der heiligen Schrift und dem Rabbinismus ziemlich vertraut ist, bietet das rein Sprachliche fast uuüberwiudliche Schwierigkeiten dar, namentlich für Lehrer, die nicht wissenschaftlich gebildet und mit dem Sprachgebrauch der Bibel und des Talmud nicht vollkommen vertraut sind. Es sind daher unzählige Versuche gemacht worden, um dieser Schwierigkeiten Herr zu werden, aber vollkommene Befriedigung hat noch keiner gewährt. Von den vorhandenen llebersetznngen kann man keine dem Schüler in die Hand geben, theils weil sie meist freie Ueberietzungen find und auf das hebräische Original nicht genug Rücksicht nehmen, theils weil sie alle, die von Mannheimer und Sachs nicht ausgenommen, mit groben Fehlern behaftet sind. Am wenigsten aber sind die interlinearen, oder die Zeile für Zeile gegenüber gestellten llebersetznngen für die Schule geeignet, da einerseits das rein Mechanische, andererseits aber Schwindel zuviel Nahrung erhält.