Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 18 (10.5.1901)
- Date
- 1901-05-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Dtc Lvahrheu. Nr. 18. Cm Priester -er Nächstenliebe. Der Bischof von Kaschau, Sigmund v. B u b i c s, hat, wie in diesem Blatte bereits gemeldet wurde, die Glückwünsche der dortigen Judengemeinde anlässlich seines achtzigsten Geburtstages mit einer Zuschrift beantwortet, die in unseren von Zwist und Verhetzung tief durchwühlten Zeitläuften ein doppelt bemerkenswerthes Document darstellt und möglichst weite Verbreitung verdient. Er habe, führte er aus, die Pflege der L i e b e und Toleranz Denjenigen gegenüber, die Gott in anderer Weise verehren, stets als zu seiner priesterlichen Mission gehörig betrachtet. „Ich achte daher auch Ihre religiöse Ueberzeugung, denn es ist nicht nothwendig, erst zu betonen, dass der mosaische Glaube, der sich durch seine Reinheit vor allen Religionen des Alterthums auszeichnet, als der von Gottu nd seinen Propheten verkündete Glauben das Vorbild und der Vorgänger unseres Glaubens war, den Gott durch seinen heiligen Sohn gelehrt und verkündet hat. Die Heiligen des alten Testaments sind ja nuch die u n s r i g e n, und die Propheten des alten Testamentes lind auch unsere Propheten. Wenn auch mit dem Abschlüsse des ulten Bundes unsere Wege auseinandergehen, so wird uns das nicht darin hindern, dass die brüderliche Liebe, die Liebe der Kinder Gottes, uns gegenseitig beseelt." Es ist wie ein Ruf aus einer anderen Welt, wie Engelslaute inmitten wahnsinniger Orgien. Wir sind ja so weit gerathen, dass jede Mahnung zu Besinnung wie ein Evangelium ber Erlösung begrüßt wird. Wir Menschen sind nun einmal Optimisten, und darum heilt die Zeit alle Wunden. Es gibt Leine Erfahrung, die wir nicht vergessen, ^und keinen Segen, den wir nicht erhoffen. Keine Erschütterung kann uns irr dem Glauben wankend machen, dass die Wege der Cultur nach aufwärts führen. Und so glauben wir an einen Culturtrieb der Völker und dessen Kraft, die schlimmsten Verirrungen der Volksseele aufzusaugeu. Nach einiger Zeit des wüsten Cultus für Alles das, was die Menschen trennt und auseinanderhält, wagt man es wieder, an gemeinsame Berührungspunkte zu denken. Noch sind es nur vereinzelte Auserlesene, die die neue Zeit verkünden. Aber wenn nicht Alles trügt, so rvird man in immer breiteren Kreisen nach der verlorengegangenen Idee der Menschlichkeit suchen. Denn nur wenn sie mit ihrem Geiste sich erfüllen, sind Nationalität, Race und Confession Culturfactoren. Wer nicht vor Allem Mensch ist, ist ein schlechter Christ und ein f ch l e ch t e r Jude. Das ist auch der Leitgedanke jenes greisen Kirchenfürsten, schlicht und edel, wie jede Wahrheit. Zur LoschZrstrischsrage in Wien. Es freut uns constatiren zu können, dass diese Frage, welche schon so viel Staub aufgewirbelt und in den betroffenen Kreisen eine hochgradige Erregung erzeugt hat, nunmehr einer friedlichen Lösung entgegenzugehen scheint. Mittwoch, den 8. d. M., 7 Uhr Abends, fand nämlich im Bureau der Wiener Cultusgemeinde in Sachen der Koscherfleischfrage eine Besprechung unter Vorsitz des Vicepräsidenten Dr. K o h n statt, an welcher die Herren Cultusvorsteher Edler v. Mises und Ellbogen, ferner Herr Rabbiner Mahersohn von Seiten des Rabbinates, die Herren Herrmann, Kornmehl und Mittler als Deligirte des Fleischbauer-Vereines, und der Chef-Redacteur unseres Blattes, Dr. Dt. Löwy, theilnahmen. Im Laufe der Verhandlungen wurde eine principielle Uebereinstimmung aller Theile bezüglich der Errichtung und Ueberwachung der Koscherfleischbänke constatirt und traten Verschiedenheiten der Anschauungen nur in einzelnen Details zu Tage. Behufs endgiltiger Beschlußfassung wurden die Delegirten der Fleischhauer vom Vorstande aufgefordert, detaillirte Vorschläge in kürzester Zeit vorzulegen, und es ist zu wünschen und zu erwarten, dass hiedurch die Koscherfleischfrage eine friedliche und allseits befriedigende Lösung finden werde. Die Difierenzen sind eigentlich nur finanzieller Natur, und die Behebung derselben hat um so mehr Aussicht, als der Vorstand durch seine Vertreter die Erklärung abgab, dass die Cultusgemeinde bereit ist, zur Lösung der Koscherfleischfrage auch materielle Opfer — natürlich nur bis zu einem gewissen Grade — zu bringen. Freilich dürfen aber auch die jüdischen Fleischhauer nicht auf dem Standpunkte des non xo83umu3 beharren. Generalversammlung der Pester isr. Leligiansgemeinde. Von unserem ständigen Berichterstatter erhalten wir über die jüngst abgehaltene Generalversammlung der Pester isr. Religionsgemeinde folgenden Bericht: Die Generalversammlung besteht statutengemäß aus dem Präsidenten und den fünf Vorstehern der Geineinde, die vollzählig erschienen waren, ferner ans 45 Allsschnssmitgliedern, von denen jedoch nur 25 anwesend waren, itnd aus 150 Repräsentanten, von denen blos die Hälfte, demnach 75 an der Generalversammlung theilgenommen hatten. Es waren somit im großen Saale der Gemeinde 106 Herren versammelt. Schweres, finsteres Gewölk zog sich am Horizonte unserer Gemeinde zusammen und ein gar gewaltiger Sturm war im Anzüge. Die Wogen der Unzufriedenheit gingen bereits' thurmhoch, da goß der verdienstreiche Präsident, Herr Sigmund Kohner, kalmierendes Oel auf die brausende Flnth, und sie glättete sich. Der Präsident ließ die Männer der Opposition zu sich bitten, er gewährte ihnen zwar gar nichts, versprach ihnen jedoch, sich ihrer Sache anzunehmen und sich darüber mit seinen Vorstandscollegen zu besprechen. Dadurch war allerdings der ruhige Verlaus der Verhandlung gesichert, und, was die Hauptsache ist — Zeit gewonnen! . . . In seiner Eröffnungsrede löste der Präsident einen Theil seines Versprechens ein, indem er im Namen des Gesammtvorstandes erklärte, dass eine Statutenänderung nothwendig geworden se>. Die Vorarbeiten dazu werde der Ausschuss unter Hinzuziehung einiger Repräsentanten vornehmen und das Elaborat dann einer außerordentlichen Generalversammlung zur Genehmigung vorgelegten. Nachdem der Präsident seine beifällig ausgeuominene Rede beendet hatte, sprach der Professor am Polytechnikum, Herr Moriz R 6 t h y, der Vermehrung der israelitischen Elementarschulen das Wort: Die von Juden so sehr bevölkerte Leopoldstadt habe auch nicht eine einzige israelitische Schale und eine solche wäre daselbst dringend nöthig. Treffend führte der gelehrte Professor den Ausspruch des weisen S i m o n, dem der Titel „der Gerechte" verliehen wurde, an, wonach die Welt auf drei Dingen bestehe: auf der Gotteslehre, also auf dem Studium, auf dem Gottesdienste und der werkthätigen Menschenliebe. Unsere Gemeinde hat diese Ordnung umgedreht und dem Unterrichte den letzten Platz angewiesen. Er wies darauf hin, dass die Protestanten unserer Stadt, welche der Zahl nach den Israeliten weit uachstehen, zwei Gymnasien besitzen und erhallen, und erklärt es für überaus dringend und wünschenswerth, dass auch die Israel. Gemeinde ein Gymnasium errichte. Universitätsdocent Dr. Max Schächter gab seiner Freude über die Enunziation des hochverehrten Präsidenten beredten Ausdruck und meinte, auf dieselbe sei das Wort eines großen Staatmannes anwendbar: „Es gibt Momente, wo das Wort an und für sich schon eine That bedeutet" er wünsche daher, dass dieselbe ihrem vollen Wortlaute nach im heutigen Protokolle ausgenommen werde. Redner hofft, dass die in Aussicht gestellte Statutenänderung keine oberflächliche, sondern eine gründliche sein werde. Dr. Schächter berief sich ebenfalls auf einen S i m o n, den Sohn G a m l i e l's, welcher lehrte: Auf drei Dingen besteht die Welt: auf der Wahrheit, dem Rechte und dem Frieden! Er möchte vor allem Dinge berühren, die einer Besserung dringend bedürfen, und will er in erster Reihe erwähnen, dass zur Zeit der letzten Hochfeste in Lokalen Gottesdienste abgehalten wurden, bei deren Anblick jedem anständigen Menschen die Schamröthe in's Gesicht steigen musste. Die Gemeinde muss ihre volle Kraft einsetzen, solch schreiende Uebelstände zu verhindern und gänzlich unmöglich zu machen.