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Die Wahrheit · 1901-05-10 · Heft 18 (10.5.1901) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 18 (10.5.1901)
Date
1901-05-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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akrchsit Redaction u. Administraiion Wien, II/l, Novaragaffe 27. . St. 12— . . St. 6.- Ä. k österr. Posijvarcasia Eheck-Conto Nr. 846.251. Für Lultusbeamte: Ganzjährig Inserat . . St. 10— 20 Heller ver Nourareille->ieile. Erscheint jeden Freita Für Ausland: Ganzjährig .... 12 Mark 6 Rubel oder 16 FrcS. »Abonnements- und Jnsertions» betrüge sind in Wien zahlbar. JRaff* : „Das Siegel (Sottes ist Wahrheit!' Anhalt: Die.Tragödie des Juden. — Ein Priester der Nächstenliebe. — Zur Kofcher-Fleisch-Frage. — Oeueralversamiirluna der Pester israel. Religionsgemeinoe. — Deutsche Uebersetzung zum hebräischen Gebetbuche. — i'lemeinde- und Vereinsbote. — Ausruf an alle Collegen Oesterreich-Ungarns. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Der Nihilist Sie Tragödie des Juden. Beschränktes Vorurtheil, Racenhass und Unduldsamkeit, geübt und gefördert von den höchsten Vertretern deutscher Bildung, haben wieder einmal ein schweres Opfer gekostet, das unseren wankelmüthigen Glanbensgenosfin von neuem den Beweis erbringen kann, dass trotz Taufe und Fahnenflucht ihr Schicksal an das ihrer früheren Brüder gekettet bleibt und sie viel besser thäten, mutvoll ausznharren und sich wenigstens den inneren Frieden zu bewahren, der jedenfalls durch die öffentliche Lossagung vom angeborenen Glauben vernichtet wird. Eine traurige Illustration für diese Thatsache liefert der kürzlich begangene Selbstmord des Professors der Geschichte an der Universität Straßburg, Dr. Sacknr, der in einem Berichte der „Frankfurter Zeitung" nachfolgende Aufklärung findet: Wie wir aus Universitütskreisen erfahren haben — so schreibt das genannte Blatt — hat Pros. Sacknr, der am vorigen Freitag selbst seinem Leben ein Ende setzte, schon seit vielen Fahren mit Schwermnthsanfüllen zu kämpfen gehabt, die namentlich im vorigen Fahre schon einmal eine Katastrophe befürchten ließen. Dazu kamen verschiedene schwere Kränkungen, die der Verstorbene erfahren hat. Pros. Nöldelke hat als Decan der Facnltät am Grabe, wie uns von Ohrenzengen mitgetheilt wird, von „jämmerlichen Vorurtheilen" gesprochen, unter denen Sacknr zu leiden hatte. Sacknr war zweifellos einer der hervorragendsten unter den jüngeren Historikern, wurde aber trotzdem vom preußischen Cnltnsministerium, als er von der Universität Halle an erster Stelle für eine Professur vorgeschlagen wurde, schroff abgelehnt, offenbar nur,- weil er früher, bis vor einigen Jahren Jude war! Im Grunde genommen braucht uns ja dieser Einzelfall! nicht weiter zu kümmern. Es handelt sich hier um einen Getauften, also um Jemanden, der sich freiwillig von uns losgesagt hat, und von dem wir uns deshalb auch ohne Weiteres lossagen müssen, wenn auch Adolf Kohut ihm die Aufnahme in seine Gallerie „berühmter israelitischer Männer" nicht verweigern wird. Indessen birgt dieser Fall so viel Typisches in sich, die Tragödie des Inden, der die akademische Carriöre einschlägt, liegt hier so klar zutage, dass wir wohl darauf eingeheu dürfen. An einer deutschen Universität Professor;n werden, ist, auch für einen Nichtjuden, kein sonderliches Vergnügen. Es ist eine wirklich dornenvolle Laufbahn. Zuerst heißt es, jahrelang Privardocent sein, ohne Gehall und oft auch ohne Hörer. Wird man dann endlich außerordentlicher Professor, jo Hai man noch immer gar kein oder nur ein sehr geringes Gehall, und endlich, oft nach Jahrzehnten, wird man dann ordentlicher Professor. Eist als solcher Hai man eigenilich ein officielles Lehrrach zu vertreten und kann, wenn man nichi schon von Hans ans vermögend ist, von seinem Gehalte standesgemäß leben. Die Schwierigkeiten dieser Laufbahn verdoppeln und verdreifachen sich aber für den Inden. Zunächst ist der Jude von vorneherein bei seiner Habilitirnng als Privatdoceei schon in einer üblen Lage: Es gibt eine ganze Anzahl von Facultäten, chie sehr ungern Juden in ihre Reihen aufnehmen und die einem Inden, dem sie die Ausnahme nicht verweigern können, das Leben recht sauer machen. Dann aber kommt eie erste kritische Wende: die Ernennuttg zum außerordeuilichen Professor. Und hier iriit an den betreffenden Docenten zum erstenmale die Versuchung heran, die sich später noch in schärferer Form wiederholl: die Zumuthung der Taufe nämlich. Es ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass ein Ministerium, dass eine Universitäts-Facnltät, also die oificiell höchsten Vertreter der nationalen Bildung, einem Manne, der selber Bildner der Jugend werden soll, zumnthen, seine Religion eingestandenermaßen aus rein äußerlichen Gründen zu wechseln. Es ist dies geradezu eine Prämie auf die Charakterlosigkeit. Bei der Ernennung zum außerordeuilichen Professor lässt sich wohl auch diese Klippe umschiffen: hie und da wird es ein Jude auch ohne Taufe. Ordentliche Professoren aber, die Juden sind, stammen durchwegs aus früherer Zeit. Gegenwärtig dürften wohl kaum noch welche ernannt werden, wenn sie nicht vorher den Tanszettel vorzeigen. Was Wunder, dass so Mancher, der schwach an Charakter, oder bei dem die jüdische Erziehung nur oberflächlich war, der Versuchung unterliegt und das thui, was Ministerium und Facnltät von ihm verlangen. Im Falle Sacknr hat nun der Taufzettel auch nichts geholfen: Er erhielt die ordentliche Professur, um derentwillen er abtrünnig wurde, doch nicht, und man kann sich denken, dass dieser Umstand, verbunden mit einem gewissen Schamgefühl über das Vergangene, ihn in den Tod trieb. Wie es aber scheint, führt jetzt das Cultusmiuisterium, gerade so wie das Justizministerium, drei verschiedene Listen: über Christen, über Juden und über Getaufte. Sollte diese Praxis vielleicht dazu beitragen, unsere jüdischen Akademiker von der Taufe abzuhalten, so könnten wir dem Unterrichtsminister noch dafür dankbar sein. \

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