Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 17 (3.5.1901)
- Date
- 1901-05-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Hesterr.-ungcrr. Kantoren-Heitung. Nr. 17. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 21. Iahrg. H. Wemtraub und seine „Tempelgesäuge". Von Ed. Birnbaum, Königsberg. Ist schon jedes beliebige Kunstwerk geeignet, in uns auch ein Interesse für die Persönlichkeit seines Urhebers zu erwecken, so erhebt sich dieses Interesse zu einem wahren Act der Pietät, wenn es sich um die Würdigung eines längst abgeschiedenen Mannes handelt, der in seiner künstlerischen Bethätigung und dem Ergebnis derselben, d. h. in seinen Werken, die Krone seines Lebens und Nachlebens erblickte. Denn was erfüllt schließlich die Seele des wahren, schaffenden Künstlers mehr, als sein Meisterwerk? Jedes andere ernste Band, das ihn mit der Gegenwart verknüpft, ist für ihn wie vergessen: er kennt fürder weder Freund noch Feind, für ihn hat weder der azurblaue Himmel einen Reiz, noch fürchtet er die Gewalt der Hölle — fein Gedankenleben kennt nur den einen Kreislauf, die eine Richtung, das eine Ziel: die Bewährung und Zukunft seines Werkes. Wird es sein eigenes kurzes Leben überdauern? Er stirbt darüber hinweg. Da erweckt sein Tod in dem Bewunderer seiner Kunst das vergebliche Sehnen: Könnte er doch noch einen Pinselstrich führen, hier ffdiese eine Linie kräftiger nachziehen, dort den strengen Farbenton etwas blasser nachtufcherr, noch einmal seine Meisterschaft bewähren! Vergebens! Die Hand ist starr, das Auge für immer erloschen! Selbstredend sucht man das Werk so zu erhalten, wie es der Meister zuletzt geschaut. Nur er durste, wenn es für nöthig j hielt, daran „bessern", und er hätte sich gewiss gesträubt, auf irgend einen „Vorschlag" eines Besserwissers einzugehen; — er | wollte es eben s o haben und nicht anders.! Aber gerade diese heilige Scheu führt die Hinterbliebenen j Freunde und Bewunderer des Verklärteil auf den Gedanken, sich i um die „Skizzen" desselben und auch um seinen Lebenslauf etwas näher umzuschauen. Denn sie wissen wohl, dass für die richtige Erkenntnis und Erfassung der leitenden Intentionen des Künstlers und für die Vertiefung ihres Verständnisses gerade die skizzenhaften Entwürfe viel des Beachtenswerthen und Anfklärenden bieten werden, wie dass die volle Klarheit über seinen Lebens- und Werdegang ein Schlaglicht zu ^werfen geeignet ist auf den Hoch- und Niedergang „seiner" Kunst, wobei auch ein Strahl auf die ganze Kunstrichtung seiner Zeit fallen muss; ja, dass häufig gerade diese Betrachtung den Schlüssel zum Verständnis der ganzen Individualität des Mannes bietet, der jetzt, nachdem man ihn ganz erfasst zu haben glaubt, wie gemeißelt vor uns steht. Will man daher die soeben in zweiter Auflage erschienenen Gesänge W e i n t r a u b s *) verstehen, die in vielen Theilen ihres Inhalts einer langst verflossenen Zeit und Geschmacksrichtung angehören, aber gerade darum den Sach- und Fachkenner so ungemein fesseln, dass er sich vielfach in die Synagoge alter Tage versetzt glaubt — so muss man auch einen Einblick in die zahlreichen altvergilbten Mannscripie des vor zwanzig Jahren verstorbenen Autors genommen haben und seinen ganz eigenartigeu Lebensgang betrachten. Als sein Amtsnachfolger und als derzeitiger Besitzer seines ganzen, eine an sich abgeschlossene Bibliothek repräsentirenden, musikhandschriftlichen Nachlasses bin ich in der Lage, so Manches über Weintraub und sein so berühmtes Werk berichten zu können, was sonst vielleicht für alle Zeiten vergraben bliebe. Ich werde mich hierbei, wie nicht anders zu erwarten steht, nur von der geschichtlichen Wahrheit leiten lassen, die mir wie jedem andern ernsten Forscher über Alles geht. Jndess wird mau es andererseits ebenso verständlich finden, dass ich als sein Nachfolger im Amte, in welchem der Componist nach vierzigjähriger Thätigkeit feine Seele in Reinheit und Lauterkeit aushauchte, mich jedes nach Kritik schmeckenden Gedankens enthalten muss. Denn in diesem Falle kann auch bei mir von einem Kunstrichteramte im strengen Sinne des Wortes, zumal die erste Auflage vor 40 Jahren erschien, nicht die Rede sein. Der Verleger hat aber durch die Neuauflegnng der „Tempelgesänge" sich ein großes Ve> dienst um dieselben erworben. Ob er als Verleger auf seine Kosten kommen wird, ist eine andere Frage, auf die ich noch znrückkommen werde. Es soll mich aber freuen, wenn gegenwärtige Besprechung den Erfolg nach sich ziehen sollte, so manchen Colleges zu veranlassen, auf kürzestem Wege sich in Besitz desselben zu setzen; denn — das kann schon jetzt gesagt werden — er wird es nur zu seinem eigenen Besten gethau haben. Und so glaube ich ruhig zur Lösung meiner Aufgabe schreiten zu können. (Fortsetzung folgt). Verschiedene Nachrichten. Wien. (Jüdisches Musen m.) Kommenden Samstag gelangen u. A. zur Ausstellung : Porträt des Landesschulrathcs Dr. Gustav Kohn, vom Maler D. Kohn; Porträt des kais. Rathes Dr. Lieben, Oelgemälde von Krestin; Bronce-Plaquette zur Erinnerung an den vierhundertjährigen Bestand der niederösterreichischen Statthalterei, Geschenk des Statthalters an den Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde; Bibeln Geschenk der Königin Elisabeth von Preußen an das Ehepaar Huldschiner in Gleiwitz, zu dessen goldener Hochzeit; Wiener Hagadah aus dem Jahre 1823. Beide werthvolle Bücher, Geschenke von Herrn und Frau Adolf Fleischer an das jüdische Museum. Wien. Sonntag, den 12. Mai, 4 Uhr Nachmittags, findet im, Synagogen-Verein „Beth Israel" im Sitzungssaals des Vereines, II. Leopoldsgasse 29, eine außerordentliche Generalversammlung mit folgender Tagesordnung statt: J. Bericht des Obmannes. 2. Wahl eines Obmannes mit dreijähriger Functionsdauer. 3. Wahl von 14 Vorstandsmitgliedern, und zwar 8 Vorsteher und 6 als Bethausvorsteher, ebenfalls auf drei Jahre. Ferner 3 Revisoren und 3 Schiedsrichter mit e njähriger Functionsdauer. 4. Eventualien. Wien. (Auswanderung der Juden aus Rumänien.! Aus Bukarest wird über neuerliche Massenauswanderungen rumänischer Juden gemeldet. Die Mißernte und die allgemeine Nothlage der großen Massen der israelitischen Bevölkerung, haben die u.ller dem Namen „Jka" (Abkürzung für: Jewish Colonisation-Association) bekannte israel.. Colonisations-Gesellschaft veranlasst, die Sache der Auswanderung der Juden aus Rumänien mit großem Eifer in die Hand zu nehmen, so das schon in diesem Jahre mit zahlreichen Auswanderungen begonnen wurde. Die bisherigen Auswanderer gingen nach Canada, wo den unter Leitung der „Jka" eintreffenden israelitischen Emigranten aus Rumänien hinlänglicher Landbesitz zur Ansiedlung zur Verfügung gestellt worden ist. .Vorläufig sind eS nur junge, zumeist unverheiratete Männer, welche nach der von den Vertrauensmännern der „Jka" getroffenen Auswahl in Gruppen von 200 bis 300 Personen nach Canada abgehen, um dort als die Pionniere der Colonisation das Terrain für den späteren Zuzug ihrer Familienangehörigen vorzubereiten. Bisher sind zwei solche Gruppen aus Moldau abgegangen, eine dritte Gruppe wird dieser Tage abgefertigt, und glaubt man im Laufe dieses Sommers bis 15.000 israelitische Auswanderer au- Rumänien in Canada ansiedeln zu können. Obgleich der Zudrang der AuSwanderuugslustigen ein so großer ist, dass immer nur ein kleiner Bruchtheil der Gesuche berücksichtigt werden kann, so geht doch die Emigration selbst in vollster Ruhe und ohne jede» Auffehen vor sich. Angesicht» der auf diese Weise von der Jewish *) Leipzig, M. W. Kaufmann. Prei» 40 Mark.