Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 17 (3.5.1901)
- Date
- 1901-05-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite Nr. 17. Die Wahrheit. Colonisation Association erzielten praktischen Erfolge ist die zionistische Bewegung in Rumänien umso mehr im Schwinden begriffen, als das derzeitige ablehnende Verhalten der Pforteregierung der israelitischen Einwanderung gegenüber die Gründung neuer israelitischer Colonien in Palästina als eine Sache der Unmöglichkeit erscheinen lässt. Wien. (Besuch von Muster-Etablissements.) In Folge eines Ministerialerlaffes hat der hier bestehende Jnstructionscurs für Amtsärzte in den letzten Tagen mehrere hervorragende Etablifsements zur Erzeugung und Verarbeitung von Nahrungsmitteln besichtigt, um die commerziellen und hygienischen Einrichtungen derselben kennen zu lernen. Unter den von der Gewerbehörde zur Besichtigung vorgeschlagenen Muster-Fabriksanlagen befindet sich auch die Koscher-Selchwaren-Fabrik der Firma I. T h e u m a n n, Wien, welcher der Besuch des Jnstructionscurses für Freitag, den 3. Mai angemeldet wurde. Wien. (Musiku n d G e s a n g s s ch u l e M o r i n i.) Sonntag am 12. Mai, Abends 7 Uhr, findet im großen Festsaäle des Wiener Kaufmännischen Vereines, I., Johannesgasse 4, ein Schülerconcert statt. Eltern, deren Kinder in der Musik Ausbildung genießen, werden höflichst eingeladen, zu diesem Concerte zu erscheinen, um sich die Ueberzeugung zu verschaffen, nach welch' ausgezeichneter Methode der Unterricht in diesem Institute geleitet wird. Es wirken hiebei Anfänger und Fortgeschrittene mit. Der Sominercurs beginnt am 5. Mai. Einschreibungen täglich. Karten an distinguirtes Publikum sind unentgeltlich zu haben bei der Direction dieser Schule: II., Taborstraße 52. Htsdorf a. Lamp. Sonntag, den 28. April, feierte Herr Moritz i S ch w a r z, Cantor und Neligionslehrer in Etsdorf, Walkersdorf und Hadersdorf a. K. sein 25jähriges Amtsjubiläum, aus welchem Anlasse ihn die Mitglieder der Gemeinde sammt den Frauen mit ihrem Besuche beehrten und ihm herzliche Glückwünsche und andere Aufmerksamkeiten überreichten. Herr Schwarz dankte für die mannigfachen Beweise der Anerkennung und empfahl sich auch fernerhin dem Wohlwollen der Gemeindemitglieder. Von Gratulanten aus der Ferne fei besonders Herr Josef Schafranek in Jägerndorf, ein Bruder der hier geachteten und! angesehenen Familien Moriz, Adolf und Simon Schafranek, erwähnt, I der des Jubilars mit Glückwunsch und schöner Spende gedachte. Weiters gratulirten die Cultusvertretung und Herr Rabbiner Dr. Weiß von I Krems und zahlreiche Berufscollegen. Aus Württemberg. Am 20. April d. I.' wurde Schullehrer I Bernheim in Niederstetten o/A. Gerabronn von der königl. Oberschul- I bchörde in den Ruhestand versetzt. Litteratur. Ak degek Aehuda Das von Reverend A. Perlzweig in London componirte zweite Lied heißt „Al degel Jehuda" (Text von Dr. Landau). Dasselbe wurde dem verdienstvollen Präsidenten der „Vine Court Synagoge" in Londou, Herrn A. Engländer, gewidmet. Wussaf-Keduscha. Die 6 vor Kurzem erschienenen Compositionen „Mussaf-Keduscha" von Herrn Alfred Szegfi, Chordir'.gent der Pester israelitischen Religionsgemeinde, lassen denselben als Meister der Töne erkennen. Er versteht es, ohne Klangeffecte und Trivialitäten für das jüdische Gemüth zu schreiben und Sangbarkeit mit Harmonien zart und innig zu verbinden. Besonderen Beifall verdienen die wirkungsvollen Nr. 1 6-äur, Nr. 4 A-dur und F-dur, welche sich durch ansprechende Lieblichkeit auszeichnen. Ich kann nicht umhin, dem Componisten zu diesen Novitäten meinen Glückwunsch zu übermitteln, und möge er allerseits die gebührende Würdigung finden, die er voll und ganz verdien. So seien diese hübschen Compositionen den Herren Cantoren ganz besonders .zum Vortrage empfohlen. M. Tintner. Der Nihilist. 'Ein Zeitroman aus dem russisch-jüdischen Leben. Von Moritz Scherbe! (Nachdruck »erbst«,,.) (47. Fortsetzung.) Gern hatte sich Winizew von vorne herein dafür erklärt, die Hochzett des Paares in seiner Behausung stattfinden zu laffen, die Her-! richtung derselben indeß Abraham Glanzberg anheimstellend. Dieser hatte wiederum seinerseits einen jüdischen Restaurateur aus Minsk damit betraut, dass also das jüdische Rttual bei den Mahlzeiten in strenger Weise gewahrt war. Auch der Rabbiner, der den Trauungsact zu vollziehen hatte, kam aus Minsk. Wenn man in dem fanatischen Rußland einem Christen begegnet der in dieser Weise den religiösen Forderungen des Judenthums entgegen kommt, so ist dieses gewiss schon hoch anzuschlagen. Wenn man aber noch die Herzensfreudigkeit in Betracht nimmt welcher der joviale Russe dies that, die Liebenswürdigkeit, womit Frau und Tochter ihn dabei unterstützten, so haben wir es hier sicher mit einer Großherzigkeit zu thun, die auch in jedem anderen Lande die weitgehendste, verdienteste Anerkennung finden würde. Dies brachte auch Alexander Abends am Festtische zum Ausdruck. Er nahm Gelegenheit in seinem Trinkspruch zuerst das Verdienst dankbar anzuerkennen, welches Winizew umßihn selbst sich erworben, und fuhr dann fort: „Der römische Philosoph Seneca sprach sich folgendermaßen über die wahre Gottesverehrung aus: „Wollt Ihr Gott Euch vorstellen, so denkt ihn Euch groß und freundlich in milder Erhabenheit, als einen Freund, der Euch stets nahe ist, der nicht verehrt sein will durch blutige Opfer, sondern durch ein reines Herz und tugendhafte Vorsätze. Nicht Tempel von aufgethürmten Steinen will er sich erbaut wissen; in der eigenen Brust soll jeder ihm einen Altar errichten." „Man muss nicht sagen, dass das die Lehre aller Religionen sein soll! Wenn alle Religionen den Grundgedanken dessen, was der Gottesglauben will, und darunter verstehe ich die Annäherung der Menschen auf dem Boden der gegenseitigen Achtung und Liebe, zu verwirklichen vermöchten, so würden wir ganz andere Bilder des gesellschaftlichen Zu» sammenlebens zu schauen bekommen, als wie sie uns jetzt leider in den meisten Fällen geboten werden. Wir erblicken die verschiedenen Confessionen nur zu oft sich feindlich gegenüberstehen. Eine glänzende Ausnahme davon macht .unserliebenswürdiger Wirth hier, der hochverehrte Herr Winizew. Er hat über die Scheidewand des religiösen Glaubens hinweg uns gegenüber gezeigt, was die allgemeine Menschenliebe thut, 'er hat uns bewiesen, wie man als Christ auch dem Juden gegenüber Hochherzigkeit und Edelsinn zu üben vermag, er hat uns in sich den Menschen als getreuen Priester im Dienste der göttlichen Liebe offenbart, un!> das wollen wir an ihm zu schätzen und zu ehren niemals aufhören. Ich trinke auf das Wohl unseres liebenswürdigen Wirthes." Was der also Gefeierte darauf erwiderte, trug nicht minder das Gepräge von der hohen Auffassung des Menschenberufes an sich, dem die Religion dabei die Wege zu ebnen berufen sei. Ihr sei es in erster Reihe aufgegeben, die Geister zu veredlen und die Gesinnung zu läutern. Ihr allein, .welchen Namen sie auch immer trage und aus welchem Stammen sie hervorgeblüht, ist es möglich, die Humanität bis zur höchsten Höhe empor zu tragen, wo sie als Allgemeingut der Menschen die Sonne bilden, von welcher Eintracht und und Friede auf die Völker herniederstrahlen. Was der Politik dann noch zu thun übrig bliebe, würde blutwenig sein. So gestaltete, sich das Festmahl zu einem Ausdrucke der erhabensten Gefühle und Gedanken. Aber auch das Gemüthliche, Fröhliche fand dabei seine Rechnung. Und wenn wir uns die Gesichter der Anwesenden betrachten, so gewahren wir nicht blos auf denen von Alexander und Fremma alle Anzeichen des höchsten Glückes, sondern auch die ihrer Eltern verriethen die tiefe Herzensfreude, die diese über die Vereinigung ihrer Kinder empfanden. Clara strahlte von Seligkeit, dasj Werk von ihr so glücklich gekrönt zu sehen. Und Deborah, wie war sie jetzt so anders anzuschauen, als sonst. Keine Spur von dem Ernst, der sonst an ihr stereoty war. Was ihr Alexander war, hatte sie dadurch bewiesen, dass sie im strengen Winter sich ausmachte, seine Spuren aufzusuchen. Sie sah ihn jetzt glücklich verheiratet mit einem8 Mädchen aus einer der achtbarsten und frömmsten Familien Gomels, was wollte sie noch mehr; wir sehen, die strengen Züge in ihrem Gesichte hatten dem Ausdruck hoher Befriedigung Platz gemacht. Das Fest verlief in ungestörter Freudigkeit. Drei Tage darauf reiste dar junge Paar, reichlich mit Geld» mttteln versehen, nach Paris, wo Alexander sein Studium fleißig fortsetzte. (Schluss folgt.)