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Die Wahrheit · 1901-05-03 · Heft 17 (3.5.1901) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 17 (3.5.1901)
Date
1901-05-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 17. Glaubens- und Racenhafses zu sein, ohne objective thatsächliche Grundlage. Hochachtungsvoll P. C h r i st, Professor. Ar. Ludwig Aegidi, Professor der juridischen Facultät an der Universität Berlin. Ad I, a): Nein. Ad I, b): Als Jurist befolge ich den Grundsatz „quisqws praesumiiur bonus“. Dazu bekenne ich mich als Christ. So lange mir nicht Beweise vom Gegentheil vorliegen, bleibe ich deßhalb überzeugt von der Grundlosigkeit der Beschuldigung meiner israelitischen Nebenmenschen in Betreff des sogenannten Ritualmordes. Ad II, a): Eben daher, wie die Beschuldigung der ersten Christen in Betreff der geheimen Feier des heiligen Abendmales. Ad II, b): Das gute Gewissen aller Juden. 10. April 1901. Ludwig Aegidi. Lropoldstädter Frauen-UohlthätigKeits-Verem. Einen hervorragenden Platz unter den jüdischen Unterstützungsvereinen Wiens nimmt der Leopoldstädter Frauen-Wohlthätigkeits-Verein ein, der eine so vielseitige, segensreiche und ersprießliche Thätigkeit entfaltet, dass ihm hiesür nicht genug Dank und Anerkennung gezollt werden kann. Dieser Verein verdient es auch, dass die weiteste Oeffntlichkeit an seinen Humanitären und gemeinnützigen Bestrebungen unterstützenden uud fördernden Antheil nehme, und um ein möglichst allgemeines .Interesse für ihn zu erwecken, wollen wir im Nachfolgenden an der Hand des uns vorliegenden Berichtes ein Bild seiner Thätigkeit im abgelaufenen Jahre entwerfen: Aus kleinen Anfängen hervorgegangen, hat frei- LeopoldfiäWcr Frauen-Wohlthätigkeits-Verein durch die unentwegte und zielbewusste Verfolgung seiner Humanitären Aufgaben einen Erfreulichen und allseits anerkannten Aufschwung genommen. Die Armenpsiege, welche leider in mannigfacher Beziehung arg daniederlicgt, hat in unserem Vereine eine warme und planmäßige Förderung gesunden. Mit Genugthuung können wir darauf Hinweisen, dass wir zahllosen Unglücklichen und Verzweifelten durch ausgiebige materielle Unterstützungen den Weg zu ehrlichem Fortkommen geebnet uud dass wir besonders armen, ihres Ernährers beraubten Witwen zu selbstständigem Erwerbe dadurch verhrlfeu, dass wir sie in verschiedenen Gewerben, so im Frisieren, Maschinstricken und Maschinnähen ausbilden ließen und ihnen überwies die zu ihrer weiteren Existenz nothwendigen Maschinen und Arbeitsmatertalien unentgeltlich beistellten. Vielen von dem Gesperrte der Delogirung bedrohten Familien wurde rasche Hilfe zutheil, zahlreiche Kranke erhielten Curbeiträge, und wo unsere Kräfte allein nicht ausreichten, haben wir durch einträchtiges Zusammenwirken mit anderen Humanitären Vereinen, io insbesonders dem Vereine „Frauenhort", „Kinderhort" und vem „Mädchenunterstützungsverein" das angestrebte Ziel erreicht. Die Unterstützung von Wöchnerinnen, welche statutenmäßig Eines unserer Hauptziele bildet, wurde nach wie vor in gewissenhaftester Weise durch unseren Verein besorgt. Es erweist sich unsere Wirksamkeit auf diesem Gebiete um so segensreicher, als uunmehr auf demselben eine systematische und rationelle Thätig- Eeit herbeigeführt wurde. Ueber Anregung und unter erfolgreicher Mitwirkung unseres verehrten Beirathes, Herr kaiserl. Rath Dr. S. Kohn, wurde nämlich im verflossenen Jahre von der löblichen israelitischen Cultusgemeinde Wien der „Verband zur Unterstützung von israelitischen Wöchnerinnen", mit dem wir Hand in Hand gehen, ins Leben gerufen, und gereicht es uns zur besonderen Ehre, dass die Präsidentin unseres Vereines zur ersten Vice-Präsidentin des genannten Verbandes gewählt wurde. Neben der Bethätigung der allgemeinen Armenpflege, durch welche wir im abgelaufenen Jahre die Summe von 8386*33 Kronen in Barem verausgabten, haben wir überdies anlässlich der Emigration unserer unglücklichen rumänischen Glaubensgenossen denselben erkleckliche Beträge gespendet und wurde Beirath, Herr Dr. Arnold Ascher, als Delegirter unseres Vereines seitens der „Alliance Israeli te" mit dem Empfange jener Unglücklichen und deren Unterbringung betraut. Ihr Hauptaugenmerk hat die Vereinsleitung auf die Unterstützung und Ausbildung jüdischer Lehrmädchen gerichtet, jener bedauernswerthen Geschöpfe, die mangels jeglicher Aufsicht und liebevoller Behandlung gar oft Gefahr laufen, dem Unglücke und der Schande zu verfallen. Für solche Wesen, die zumeist kein Vaterhaus, kein Heim besitzen, für deren Zukunft sich niemand einsetzt, wurde von uns vor zwei Jahren der „Kaiserin Elisabethmädchenhort" gegründet, und wir können mit berechtigtem Stolze darauf Hinweisen, dass diese bisher einzig dastehende Institution einen wahren Glanzpunkt unserer Wirksamkeit bildet. Wer nur einmal Gelegenheit nahm, in den Räumen dieses Hortes zu verkehren und zu beobachten, wie die daselbst untergebrachten, bei ihrem Eintritte körperlich uud leider oft auch geistig herabgekommenen Mädchen, nicht allein physisch gedeihen, sondern auch ihre geistigen Kräfte anspannen, um das Versäumte nachzuholen, wird gewiss mit uns wahre Herzensfreude empfinden und von dem innigen Wunsche beseelt sein, dass diese Institution in die Lage gesetzt werde, allen an sie herantretenden Anforderungen entsprechen zu können; die Mädchen werden, nach Maßgabe ihrer Fähigkeiten, zu den verschiedensten Berufen, so zu Friseurinnen, Kleidermacherinnen, Modistinnen, Kunststickerinnen, Polierinnen rc. und, soweit sie hiezu befähigt erscheinen, auch zu Buchhalterinnen und Bonnen berangebildet. Die Erfolge, welche wir bisher durch die Schaffung des Hortes erzielten, dürften wohl am besten dadurch gekennzeichnet werden, wenn wir darauf Hinweisen, dass von den bisherigen Hortzögliugen bereits 22 ihre vollständige gewerbliche Ausbildung genossen und hiedurch nicht allein sich, sondern auch ihren, vordem in Noth und Elend schmachtenden nächsten Angehörigen ein menschenwürdiges Dasein geschaffen haben. Die Vereinsleitung begnügt sich nicht damit, die Zöglinge während ihres Aufenthaltes im Horte auszubilden und zu beaufsichtigen, sondern ist auch darauf bedacht, dieselben nach vollendeter Lehrzeit im Auge zu behalten und ihnen durch Verschaffung entsprechende., vortheilhafter Stellungen ihr Fortkommen zu erleichtern und thunlichst zu sichern. Von den dermalen im Horte untergebrachten Zöglingen werden einige, welche für die vorangesührten Fächer keine Eignung haben, in der im Horte eingerichteten Koch- und Haushaltungsschule ausgebildet, und glauben wir durch diese Einrichtung, deren Erweiterung voraussichtlich in Bälde erfolgen dürfte, einem besonderen Bedürfnisse entsprochen zu haben. Mit Genugthuung können wir sagen, dass der Ruf unseres „Hortes" bereits weit über die Grenzen unseres Vaterlandes gedrungeu ist, und dass zwei unserer Zöglinge, von denen die eine sich zur Kunststickerin, die andere im Modistensache ausbildete, dazu ausersehen sind, in einer von der „Alliance Jsraslite" in Constantinopel erhaltenen Schule als Lehrerinnen in den von ihnen erlernten Fächern zu wirken. Zahllos sind die Gesuche, die um Aufnahme in den Hort ununterbrochen bei uns entlaufen, und schweren Herzens müssen wir die bei uns Schutz suchenden jungen Geschöpfe theils infolge unser beschränkten Mittel, theils wegen Raummangels auf späterhin vertrösten. Um aber dennoch nach Möglichkeit helfend einzugreifen, hat der Vorstand eine bedeutende Anzahl von Lehrmädchen Externistinnen bei verlässlichen Familien untergebracht und werden dieselben zum größten Theile nicht allein mit freier Wohnung, Nahrung und Kleidung versorgt, sondern auf Kosten des Vereines, ebenso wie die Jnternistinnen, auch gewerblich ausgebildet. Des Sonntags, wenn unsere Schützlinge keiner gewerblichen Thätigkeit nachgehen, ist die Schriftführerin des Vereines bemüht, sowohl den Hortzöglingen, als auch den Externistinnen, von denen die meisten in Folge der traurigen Verhältniße, in denen sie ausgewachsen, oft sogar der nothwendigsten Schulbildung entrathen, durch regelmäßige Unterrichtsertheilung das Versäumte beizubringert, uud'ist es wirklich erhebend zu schert, mit welch' uner-

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